III, q. 15 a. 10
Ob Christus zugleich Pilger und Schauender war?
Quaestio 15 · Von den Mängeln der Seele, die Christus angenommen hat
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht zugleich Pilger (viator) und Schauender (comprehensor) war. Denn es gehört zu einem Pilger, sich auf das Ziel der Seligkeit hin zu bewegen, und zu einem Schauenden gehört es, im Ziel zu ruhen. Nun kann es nicht demselben zukommen, sich auf das Ziel hin zu bewegen und im Ziel zu ruhen. Also konnte Christus nicht zugleich Pilger und Schauender sein.
Einwand 2: Ferner gehört es nicht zum Körper des Menschen, zur Seligkeit zu tendieren oder sie zu erlangen, sondern zu seiner Seele; daher sagt Augustinus (Ep. ad Dios. cxviii), dass „auf die niedere Natur, welche der Körper ist, nicht etwa die Seligkeit überfließt, die jenen gehört, die genießen und verstehen, sondern die Fülle der Gesundheit, d. h. die Kraft der Unverweslichkeit.“ Nun genoss Christus, obwohl er einen leidensfähigen Körper hatte, Gott vollkommen in seinem Geist. Also war Christus kein Pilger, sondern ein Schauender.
Einwand 3: Ferner genießen die Heiligen, deren Seelen im Himmel und deren Körper im Grab sind, die Seligkeit in ihren Seelen, obwohl ihre Körper dem Tod unterworfen sind, doch werden sie nicht Pilger genannt, sondern nur Schauende. Daher scheint es aus gleichem Grund, dass Christus ein reiner Schauender und in keiner Weise ein Pilger war, da sein Geist Gott genoss, obwohl sein Körper sterblich war.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Jer 14,8): „Warum willst du wie ein Fremdling im Land sein und wie ein Wandersmann, der einkehrt, um zu übernachten?“
Ich antworte darauf, dass ein Mensch Pilger genannt wird, weil er zur Seligkeit tendiert, und Schauender, weil er die Seligkeit bereits erlangt hat, gemäß 1 Kor 9,24: „Lauft so, dass ihr es ergreift [Douay: ‚erlangt‘]“; und Phil 3,12: „Ich jage ihm nach, ob ich es wohl ergreifen [Douay: ‚erlangen‘] möge“. Nun besteht die vollkommene Seligkeit des Menschen sowohl in der Seele als auch im Körper, wie in der FS, Frage [4], Artikel [6] dargelegt wurde. In der Seele, hinsichtlich dessen, was ihr eigen ist, insofern der Geist Gott sieht und genießt; im Körper, insofern der Körper „auferstehen wird geistlich in Kraft und Herrlichkeit und Unverweslichkeit“, wie geschrieben steht 1 Kor 15,42. Nun sah Christi Geist vor seinem Leiden Gott vollkommen, und so hatte er die Seligkeit, soweit sie das betrifft, was der Seele eigen ist; aber die Seligkeit fehlte hinsichtlich alles anderen, da seine Seele leidensfähig war und sein Körper sowohl leidensfähig als auch sterblich, wie aus dem Obigen klar ist (Artikel [4]; Frage [14], Artikel [1],2). Daher war er zugleich Schauender, insofern er die der Seele eigene Seligkeit hatte, und gleichzeitig Pilger, insofern er zur Seligkeit tendierte, hinsichtlich dessen, was an seiner Seligkeit fehlte.
Antwort auf Einwand 1: Es ist unmöglich, sich in derselben Hinsicht auf das Ziel hin zu bewegen und im Ziel zu ruhen; aber es spricht nichts dagegen unter einer anderen Hinsicht – wie wenn ein Mensch zugleich mit dem vertraut ist, was er bereits weiß, und doch ein Lernender ist in Bezug auf das, was er nicht weiß.
Antwort auf Einwand 2: Seligkeit gehört prinzipiell und eigentlich der Seele in Bezug auf den Geist, doch sekundär und sozusagen instrumentell sind körperliche Güter für die Seligkeit erforderlich; so sagt der Philosoph (Ethic. i, 8), dass äußere Güter der Seligkeit „organisch“ dienen.
Antwort auf Einwand 3: Es gibt keine Gleichheit zwischen der Seele eines Heiligen und der Christi, aus zwei Gründen: erstens, weil die Seelen der Heiligen nicht leidensfähig sind, wie Christi Seele es war; zweitens, weil ihre Körper nichts tun, wodurch sie zur Seligkeit tendieren, wie Christus durch seine körperlichen Leiden zur Seligkeit tendierte hinsichtlich der Herrlichkeit seines Körpers.