II-II, q. 32 a. 9
Ob man eher denen Almosen geben soll, die uns näher stehen?
Quaestio 32 · Vom Almosen
Einwand 1: Es scheint, dass man nicht eher denen Almosen geben soll, die uns näher stehen. Denn es steht geschrieben (Sir 12,4.6): „Gib dem Barmherzigen und hilf dem Sünder nicht auf ... Tu dem Demütigen Gutes und gib dem Gottlosen nicht.“ Nun geschieht es manchmal, dass diejenigen, die uns nahestehen, sündig und gottlos sind. Also sollten wir ihnen nicht vorzugsweise vor anderen Almosen geben.
Einwand 2: Ferner sollten Almosen gegeben werden, damit wir als Gegenleistung einen ewigen Lohn empfangen, gemäß Mt 6,18: „Und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten.“ Nun wird der ewige Lohn hauptsächlich durch die Almosen gewonnen, die den Heiligen gegeben werden, gemäß Lk 16,9: „Macht euch Freunde mit dem Mammon der Ungerechtigkeit, damit sie euch, wenn es zu Ende geht, in die ewigen Wohnungen aufnehmen“, welche Stelle Augustinus auslegt (De Verb. Dom. xxxv, 1): „Wer wird ewige Wohnungen haben, wenn nicht die Heiligen Gottes? Und wer sind die, die von ihnen in ihre Wohnungen aufgenommen werden, wenn nicht jene, die ihnen in ihren Nöten helfen? Also sollten Almosen eher den heiligeren Personen gegeben werden als denen, die uns näher stehen.
Einwand 3: Ferner ist der Mensch sich selbst am nächsten. Aber ein Mensch kann sich selbst kein Almosen geben. Also scheint es, dass wir nicht verpflichtet sind, denen Almosen zu geben, die uns am nächsten stehen.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (1 Tim 5,8): „Wenn jemand für die Seinen, besonders für seine Hausgenossen, nicht sorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Ungläubiger.“
Ich antworte darauf, dass, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. i, 28), „es uns gewissermaßen durch das Los zufällt, für das Wohl derer sorgen zu müssen, die uns näher stehen.“ Dennoch müssen wir in dieser Angelegenheit Unterscheidungskraft anwenden, gemäß den verschiedenen Graden der Verbindung, der Heiligkeit und des Nutzens. Denn wir sollten einem, der viel heiliger und in größerer Not ist, und einem, der für das Gemeinwohl nützlicher ist, eher Almosen geben als einem, der uns näher steht, besonders wenn letzterer nicht sehr eng verbunden ist und keinen besonderen Anspruch auf unsere Sorge hier und jetzt hat und der nicht in sehr dringender Not ist.
Antwort auf Einwand 1: Wir sollten einem Sünder nicht als solchem helfen, das heißt, indem wir ihn zur Sünde ermutigen, sondern als Mensch, das heißt, indem wir seine Natur unterstützen.
Antwort auf Einwand 2: Almosenwerke verdienen aus zwei Gründen, einen ewigen Lohn zu empfangen. Erstens, weil sie in der Liebe verwurzelt sind, und in dieser Hinsicht ist ein Almosenwerk verdienstvoll, insofern es die Ordnung der Liebe beachtet, die verlangt, dass wir, wenn alles andere gleich ist, vorzugsweise denen helfen, die uns enger verbunden sind. Weshalb Ambrosius sagt (De Officiis i, 30): „Es ist von lobenswerter Freigebigkeit, dass du deine Verwandten nicht vergisst, wenn du weißt, dass sie in Not sind, denn es ist besser, dass du selbst deiner eigenen Familie hilfst, die sich schämen würde, Hilfe von anderen zu erbetteln.“ Zweitens verdienen Almosenwerke, ewig belohnt zu werden, durch das Verdienst des Empfängers, der für den Geber betet, und in diesem Sinne spricht Augustinus.
Antwort auf Einwand 3: Da Almosenwerke Werke der Barmherzigkeit sind, so wie ein Mensch eigentlich gesprochen kein Mitleid mit sich selbst hat, sondern nur durch eine Art Vergleich, wie oben gesagt (Quaestio 30, Artikel 1 und 2), so gibt sich auch eigentlich gesprochen kein Mensch selbst ein Almosen, es sei denn, er handle in der Person eines anderen; so kann ein Mensch, wenn er dazu bestellt ist, Almosen zu verteilen, etwas für sich selbst nehmen, wenn er in Not ist, aus demselben Grund, wie wenn er anderen gibt.