II-II, q. 32 a. 1
Ob das Almosengeben ein Akt der Liebe ist?
Quaestio 32 · Vom Almosen
Einwand 1: Es scheint, dass das Almosengeben kein Akt der Liebe ist. Denn ohne die Liebe kann man keine Akte der Liebe vollziehen. Nun ist es aber möglich, Almosen zu geben, ohne die Liebe zu besitzen, gemäß 1 Kor 13,3: „Und wenn ich meine ganze Habe austeilte, um die Armen zu speisen ... hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts.“ Also ist das Almosengeben kein Akt der Liebe.
Einwand 2: Ferner werden Almosenwerke zu den Werken der Genugtuung gerechnet, gemäß Dan 4,24: „Löse deine Sünden durch Almosen ein.“ Die Genugtuung aber ist ein Akt der Gerechtigkeit. Also ist das Almosengeben ein Akt der Gerechtigkeit und nicht der Liebe.
Einwand 3: Ferner ist das Darbringen von Opfern für Gott ein Akt der Religion. Das Almosengeben aber ist ein Darbringen eines Opfers für Gott, gemäß Hebr 13,16: „Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen; denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen.“ Also ist das Almosengeben kein Akt der Liebe, sondern der Religion.
Einwand 4: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 1), dass das Geben zu einem guten Zweck ein Akt der Freigebigkeit ist. Dies trifft nun besonders auf das Almosengeben zu. Also ist das Almosengeben kein Akt der Liebe.
Dagegen spricht, was in 1 Joh 3,17 geschrieben steht: „Wer aber die Güter dieser Welt hat und seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz vor ihm verschließt, wie bleibt da die Liebe Gottes in ihm?“
Ich antworte darauf, dass äußere Handlungen zu jener Tugend gehören, die das Motiv für das Tun dieser Handlungen betrifft. Das Motiv für das Almosengeben ist nun, einem Bedürftigen zu helfen. Daher haben einige das Almosen definiert als „eine Tat, durch die dem Bedürftigen etwas aus Mitleid und um Gottes willen gegeben wird“, welches Motiv zur Barmherzigkeit gehört, wie oben dargelegt wurde (Quaestio 30, Artikel 1 und 2). Daher ist es klar, dass das Almosengeben eigentlich gesprochen ein Akt der Barmherzigkeit ist. Dies zeigt sich schon im Namen, denn im Griechischen leitet sich {eleemosyne} von Barmherzigkeit haben {eleein} ab, ebenso wie das lateinische „miseratio“. Und da die Barmherzigkeit eine Wirkung der Liebe ist, wie oben gezeigt wurde (Quaestio 30, Artikel 2, Artikel 3, Einwand 3), folgt daraus, dass das Almosengeben ein Akt der Liebe ist, vermittelt durch die Barmherzigkeit.
Antwort auf Einwand 1: Ein Tugendakt kann auf zweifache Weise verstanden werden: erstens materiell; so ist ein Akt der Gerechtigkeit das Tun dessen, was gerecht ist; und ein solcher Tugendakt kann ohne die Tugend sein, da viele, ohne den Habitus der Gerechtigkeit zu besitzen, das Gerechte tun, geleitet durch das natürliche Licht der Vernunft oder durch Furcht oder in der Hoffnung auf Gewinn. Zweitens sprechen wir von einer Sache als einem Akt der Gerechtigkeit in formaler Hinsicht, und so ist ein Akt der Gerechtigkeit das Tun dessen, was gerecht ist, in der gleichen Weise wie ein Gerechter, d. h. mit Bereitschaft und Freude, und ein solcher Tugendakt kann nicht ohne die Tugend sein.
Demnach kann das Almosengeben materiell ohne die Liebe sein; aber Almosen formal zu geben, d. h. um Gottes willen, mit Freude und Bereitschaft und ganz so, wie man soll, ist ohne die Liebe nicht möglich.
Antwort auf Einwand 2: Nichts hindert daran, dass der eigentliche hervorgebrachte Akt einer Tugend von einer anderen Tugend befohlen wird, die ihn befiehlt und auf das Ziel dieser anderen Tugend hinordnet. Auf diese Weise wird das Almosengeben zu den Werken der Genugtuung gerechnet, insofern das Mitleid für den Notleidenden auf die Genugtuung für die eigene Sünde hingeordnet ist; und insofern es darauf hingeordnet ist, Gott zu besänftigen, hat es den Charakter eines Opfers, und so wird es von der Religion befohlen.
Woraus auch die Antwort auf den dritten Einwand ersichtlich ist.
Antwort auf Einwand 4: Das Almosengeben gehört zur Freigebigkeit, insofern die Freigebigkeit ein Hindernis für diesen Akt beseitigt, welches aus der übermäßigen Liebe zum Reichtum entstehen könnte, deren Folge ist, dass man mehr an ihm hängt, als man sollte.