II-II, q. 32 a. 4
Ob leibliche Almosenwerke eine geistige Wirkung haben?
Quaestio 32 · Vom Almosen
Einwand 1: Es scheint, dass leibliche Almosenwerke keine geistige Wirkung haben. Denn keine Wirkung übertrifft ihre Ursache. Aber geistige Güter übertreffen leibliche Güter. Also haben leibliche Almosenwerke keine geistige Wirkung.
Einwand 2: Ferner besteht die Sünde der Simonie darin, das Leibliche für das Geistige zu geben, und sie ist absolut zu vermeiden. Also sollte man keine Almosen geben, um eine geistige Wirkung zu empfangen.
Einwand 3: Ferner bedeutet die Vermehrung der Ursache die Vermehrung der Wirkung. Wenn also leibliche Almosenwerke eine geistige Wirkung verursachen, wäre der geistige Nutzen umso größer, je größer das Almosen ist, was im Widerspruch zu dem steht, was wir (Lk 21,3) über die Witwe lesen, die zwei kupferne Scherflein in den Opferkasten warf, und nach den eigenen Worten unseres Herrn „mehr hineingeworfen hat als ... alle“. Also haben leibliche Almosenwerke keine geistige Wirkung.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Sir 17,18): „Das Almosen eines Mannes ... wird die Gnade eines Mannes bewahren wie den Augapfel.“
Ich antworte darauf, dass leibliche Almosenwerke auf drei Arten betrachtet werden können. Erstens in Bezug auf ihre Substanz, und auf diese Weise haben sie nur eine leibliche Wirkung, insofern sie die leiblichen Nöte unseres Nächsten stillen. Zweitens können sie in Bezug auf ihre Ursache betrachtet werden, insofern ein Mensch ein leibliches Almosen aus Liebe zu Gott und seinem Nächsten gibt, und in dieser Hinsicht bringen sie eine geistige Frucht hervor, gemäß Sir 29,13.14: „Verliere dein Geld für deinen Bruder ... lege deinen Schatz in die Gebote des Höchsten, und es wird dir mehr nützen als Gold.“
Drittens in Bezug auf die Wirkung, und auch auf diese Weise haben sie eine geistige Frucht, insofern unser Nächster, dem durch ein leibliches Almosen geholfen wird, dazu bewegt wird, für seinen Wohltäter zu beten; weshalb der obige Text fortfährt (Sir 29,15): „Schließ das Almosen in das Herz des Armen, und es wird für dich Hilfe erlangen gegen alles Übel.“
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet leibliche Almosenwerke hinsichtlich ihrer Substanz.
Antwort auf Einwand 2: Wer ein Almosen gibt, beabsichtigt nicht, eine geistige Sache mit einer leiblichen Sache zu kaufen, denn er weiß, dass geistige Dinge leibliche Dinge unendlich übertreffen, sondern er beabsichtigt, eine geistige Frucht durch die Liebe der Caritas zu verdienen.
Antwort auf Einwand 3: Die Witwe, die der Menge nach weniger gab, gab im Verhältnis mehr; und daraus schließen wir, dass die Inbrunst ihrer Liebe, aus der leibliche Almosenwerke ihre geistige Wirksamkeit beziehen, größer war.