II-II, q. 186 a. 4
Ob immerwährende Enthaltsamkeit für die religiöse Vollkommenheit erforderlich ist?
Quaestio 186 · Von dem, worin der Ordensstand eigentlich besteht.
Einwand 1: Es scheint, dass immerwährende Enthaltsamkeit für die religiöse Vollkommenheit nicht erforderlich ist. Denn alle Vollkommenheit des christlichen Lebens begann mit den Aposteln Christi. Nun scheinen die Apostel keine Enthaltsamkeit beobachtet zu haben, wie durch Petrus bezeugt wird, von dessen Schwiegermutter wir in Mt 8,14 lesen. Daher scheint es, dass immerwährende Enthaltsamkeit für die religiöse Vollkommenheit nicht erforderlich ist.
Einwand 2: Ferner wird uns das erste Beispiel der Vollkommenheit in der Person Abrahams gezeigt, zu dem der Herr sagte (Gen 17,1): „Wandle vor mir und sei vollkommen.“ Nun sollte die Kopie das Vorbild nicht übertreffen. Daher ist immerwährende Enthaltsamkeit für die religiöse Vollkommenheit nicht erforderlich.
Einwand 3: Ferner ist das, was für die religiöse Vollkommenheit erforderlich ist, in jedem religiösen Orden zu finden. Nun gibt es einige Ordensleute, die ein eheliches Leben führen. Daher erfordert die religiöse Vollkommenheit keine immerwährende Enthaltsamkeit.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (2 Kor 7,1): „Lasst uns uns reinigen von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes und die Heiligung vollenden in der Furcht Gottes.“ Nun wird die Reinheit von Fleisch und Geist durch Enthaltsamkeit gewahrt, denn es heißt (1 Kor 7,34): „Die unverheiratete Frau und die Jungfrau denkt an die Dinge des Herrn, damit sie heilig sei an Geist und Leib [Vulg.: ‚an Leib und Geist‘].“ Daher erfordert die religiöse Vollkommenheit Enthaltsamkeit.
Ich antworte darauf, Der Ordensstand erfordert die Beseitigung dessen, was den Menschen daran hindert, sich gänzlich dem Dienst Gottes zu widmen. Nun hindert der Gebrauch der geschlechtlichen Vereinigung den Geist daran, sich ganz dem Dienst Gottes hinzugeben, und dies aus zwei Gründen. Erstens wegen seiner heftigen Lust, die durch häufige Wiederholung die Begierde steigert, wie auch der Philosoph bemerkt (Ethic. iii, 12): und daher kommt es, dass der Gebrauch der Wollust den Geist von jener vollkommenen Ausrichtung auf Gott abzieht. Augustinus drückt dies aus, wenn er sagt (Solil. i, 10): „Ich meine, dass nichts den männlichen Geist so sehr von seiner Höhe herabwirft wie die Liebkosung von Frauen und jene körperlichen Berührungen, die zum Ehestand gehören.“ Zweitens, weil es den Menschen in die Sorge um die Führung seiner Frau, seiner Kinder und seiner zeitlichen Güter verwickelt, die zu deren Unterhalt dienen. Daher sagt der Apostel (1 Kor 7,32.33): „Wer ohne Frau ist, ist besorgt um die Dinge, die dem Herrn gehören, wie er Gott gefalle: wer aber mit einer Frau ist, ist besorgt um die Dinge der Welt, wie er seiner Frau gefalle.“
Daher ist immerwährende Enthaltsamkeit ebenso wie freiwillige Armut für die religiöse Vollkommenheit erforderlich. Weshalb, so wie Vigilantius verurteilt wurde, weil er Reichtum der Armut gleichstellte, so Jovinian verurteilt wurde, weil er die Ehe der Jungfräulichkeit gleichstellte.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Vollkommenheit nicht nur der Armut, sondern auch der Enthaltsamkeit wurde von Christus eingeführt, Der sagte (Mt 19,12): „Es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Himmelreiches willen“, und dann hinzufügte: „Wer es fassen kann, der fasse es.“ Und damit niemand der Hoffnung auf Erlangung der Vollkommenheit beraubt würde, ließ er zum Stand der Vollkommenheit sogar jene zu, die verheiratet waren. Nun konnten die Ehemänner ihre Frauen nicht ohne Ungerechtigkeit verlassen, wohingegen Männer ohne Ungerechtigkeit Reichtümern entsagen konnten. Weshalb Er Petrus, den Er verheiratet vorfand, nicht von seiner Frau trennte, während „Er Johannes, der heiraten wollte, von der Ehe abhielt“ [*Prolog. in Joan. unter den unechten Werken des Hl. Hieronymus].
Antwort auf den 2. Einwand: Wie Augustinus sagt (De Bono Conjug. xxii), „ist die Keuschheit der Ehelosigkeit besser als die Keuschheit der Ehe, von denen Abraham die eine im Gebrauch hatte, beide aber im Habitus. Denn er lebte keusch, und er hätte keusch sein können, ohne zu heiraten, aber es war damals nicht erforderlich.“ Dennoch, wenn die Patriarchen der Vorzeit Vollkommenheit des Geistes zusammen mit Reichtum und Ehe hatten, was ein Zeichen für die Größe ihrer Tugend ist, so ist dies kein Grund, warum irgendeine schwächere Person sich anmaßen sollte, solch große Tugend zu haben, dass sie zur Vollkommenheit gelangen kann, obwohl sie reich und verheiratet ist; wie sich auch ein unbewaffneter Mann nicht anmaßt, seinen Feind anzugreifen, weil Samson viele Feinde mit dem Kinnbacken eines Esels erschlug. Denn jene Väter wären, wäre es zeitgemäß gewesen, Enthaltsamkeit und Armut zu beobachten, höchst sorgfältig gewesen, sie zu beobachten.
Antwort auf den 3. Einwand: Solche Lebensweisen, die den Gebrauch der Ehe zulassen, sind nicht das religiöse Leben schlechthin und absolut gesprochen, sondern in einem eingeschränkten Sinne, insofern sie einen gewissen Anteil an jenen Dingen haben, die zum Ordensstand gehören.