II-II, q. 1 a. 1
Ob der Gegenstand des Glaubens die Erste Wahrheit ist?
Quaestio 1 · Vom Glauben
Einwand 1: Es scheint, dass der Gegenstand des Glaubens nicht die Erste Wahrheit ist. Denn es scheint, dass der Gegenstand des Glaubens das ist, was uns zu glauben vorgelegt wird. Nun werden uns nicht nur Dinge, die die Gottheit betreffen, d. h. die Erste Wahrheit, zu glauben vorgelegt, sondern auch Dinge, die die menschliche Natur Christi, die Sakramente der Kirche und den Zustand der Geschöpfe betreffen. Also ist der Gegenstand des Glaubens nicht nur die Erste Wahrheit.
Einwand 2: Ferner haben Glaube und Unglaube denselben Gegenstand, da sie einander entgegengesetzt sind. Nun kann sich der Unglaube auf alle Dinge beziehen, die in der Heiligen Schrift enthalten sind; denn wer eines von ihnen leugnet, wird als Ungläubiger betrachtet. Also bezieht sich auch der Glaube auf alle Dinge, die in der Heiligen Schrift enthalten sind. Darin aber gibt es viele Dinge, die den Menschen und andere Geschöpfe betreffen. Also ist der Gegenstand des Glaubens nicht nur die Erste Wahrheit, sondern auch die geschaffene Wahrheit.
Einwand 3: Ferner wird der Glaube zusammen mit der Liebe (Caritas) eingeteilt, wie oben gesagt wurde (FS, Frage [62], Artikel [3]). Nun lieben wir durch die Caritas nicht nur Gott, der das höchste Gut ist, sondern auch unseren Nächsten. Also ist der Gegenstand des Glaubens nicht nur die Erste Wahrheit.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. vii), der Glaube beziehe sich auf „die einfache und ewige Wahrheit“. Dies aber ist die Erste Wahrheit. Also ist der Gegenstand des Glaubens die Erste Wahrheit.
Ich antworte darauf: Zum Gegenstand eines jeden Erkenntnishabitus gehören zwei Dinge: erstens das, was materiell erkannt wird, sozusagen das Materialobjekt, und zweitens das, wodurch es erkannt wird, was die formale Rücksicht des Gegenstandes ist. So sind in der Wissenschaft der Geometrie die Schlussfolgerungen das, was materiell erkannt wird, während die formale Rücksicht der Wissenschaft das Mittel des Beweises ist, durch welches die Schlussfolgerungen erkannt werden.
Betrachten wir demnach im Glauben die formale Rücksicht des Gegenstandes, so ist diese nichts anderes als die Erste Wahrheit. Denn der Glaube, von dem wir sprechen, stimmt nichts zu, außer weil es von Gott geoffenbart ist. Daher ist das Mittel, auf das sich der Glaube stützt, die göttliche Wahrheit. Betrachten wir jedoch materiell die Dinge, denen der Glaube zustimmt, so schließen sie nicht nur Gott ein, sondern auch viele andere Dinge, die jedoch nicht unter die Zustimmung des Glaubens fallen, außer insofern sie eine Beziehung zu Gott haben, nämlich insofern der Mensch durch gewisse Wirkungen des göttlichen Wirkens auf seinem Weg zum Genuss Gottes unterstützt wird. Folglich ist auch unter diesem Gesichtspunkt der Gegenstand des Glaubens in gewisser Weise die Erste Wahrheit, insofern nichts unter den Glauben fällt, außer in Beziehung zu Gott; so wie der Gegenstand der ärztlichen Kunst die Gesundheit ist, denn sie betrachtet nichts, außer in Beziehung zur Gesundheit.
Zu Einwand 1: Dinge, die die menschliche Natur Christi und die Sakramente der Kirche oder irgendwelche Geschöpfe betreffen, fallen insofern unter den Glauben, als wir durch sie auf Gott hingewiesen werden und insofern wir ihnen aufgrund der göttlichen Wahrheit zustimmen.
Dieselbe Antwort gilt für den zweiten Einwand bezüglich aller Dinge, die in der Heiligen Schrift enthalten sind.
Zu Einwand 3: Auch die Caritas liebt den Nächsten um Gottes willen, so dass ihr Gegenstand, eigentlich gesprochen, Gott ist, wie wir weiter unten zeigen werden (Frage [25], Artikel [1]).