I-II, q. 73 a. 4
Ob die Schwere der Sünden von der Vorzüglichkeit der Tugenden abhängt, denen sie entgegengesetzt sind?
Quaestio 73 · Vom Vergleich der einen Sünde mit der anderen
Einwand 1: Es scheint, dass die Schwere der Sünden nicht gemäß der Vorzüglichkeit der Tugenden variiert, denen sie entgegengesetzt sind, so dass, nämlich, die schwerere Sünde der größeren Tugend entgegengesetzt wäre. Denn gemäß Spr 15,5 ist „in überreicher Gerechtigkeit die größte Kraft“. Nun zügelt, wie unser Herr sagt (Mt 5,20 ff.), die überreiche Gerechtigkeit den Zorn, welcher eine weniger schwere Sünde ist als Mord, den die weniger überreiche Gerechtigkeit zügelt. Daher ist die am wenigsten schwere Sünde der größten Tugend entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner wird in Ethic. ii, 3 festgestellt, dass „Tugend sich auf das Schwierige und das Gute bezieht“: woraus zu folgen scheint, dass die größere Tugend sich auf das bezieht, was schwieriger ist. Aber es ist eine weniger schwere Sünde, in dem zu versagen, was schwieriger ist, als in dem, was weniger schwierig ist. Daher ist die weniger schwere Sünde der größeren Tugend entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner ist die Liebe (Caritas) eine größere Tugend als Glaube oder Hoffnung (1 Kor 13,13). Nun ist Hass, der der Liebe entgegengesetzt ist, eine weniger schwere Sünde als Unglaube oder Verzweiflung, die Glaube und Hoffnung entgegengesetzt sind. Daher ist die weniger schwere Sünde der größeren Tugend entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. 8, 10), dass das „Schlechteste dem Besten entgegengesetzt ist“. Nun ist in der Moral das Beste die größte Tugend; und das Schlechteste ist die schwerste Sünde. Daher ist die schwerste Sünde der größten Tugend entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, Eine Sünde ist einer Tugend auf zwei Weisen entgegengesetzt: erstens prinzipiell und direkt; jene Sünde nämlich, die sich auf dasselbe Objekt bezieht: weil Gegensätze sich auf dasselbe Ding beziehen. Auf diese Weise muss die schwerere Sünde notwendigerweise der größeren Tugend entgegengesetzt sein: weil, so wie die Grade der Schwere in einer Sünde vom Objekt abhängen, so auch die Größe einer Tugend, da sowohl Sünde als auch Tugend ihre Spezies vom Objekt nehmen, wie oben gezeigt (Quaestio [60], Artikel [5]; Quaestio [72], Artikel [1]). Daher muss die größte Sünde notwendigerweise der größten Tugend direkt entgegengesetzt sein, da sie im selben Genus am weitesten von ihr entfernt ist. Zweitens kann der Gegensatz von Tugend zu Sünde im Hinblick auf eine gewisse Ausdehnung der Tugend beim Hemmen der Sünde betrachtet werden. Denn je größer eine Tugend ist, desto weiter entfernt sie den Menschen von der entgegengesetzten Sünde, so dass sie den Menschen nicht nur von jener Sünde abzieht, sondern auch von allem, was zu ihr führt. Und so ist es offensichtlich, dass je größer eine Tugend ist, desto mehr sie den Menschen auch von weniger schweren Sünden abzieht: so wie die Gesundheit, je vollkommener sie ist, desto mehr auch geringfügige Leiden abwehrt. Und auf diese Weise ist die weniger schwere Sünde der größeren Tugend entgegengesetzt, von Seiten der Wirkung der letzteren her.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet den Gegensatz, der im Abhalten von der Sünde besteht; denn so zügelt überreiche Gerechtigkeit sogar geringere Sünden.
Antwort auf Einwand 2: Die größere Tugend, die sich auf ein schwierigeres Gut bezieht, ist direkt der Sünde entgegengesetzt, die sich auf ein schwierigeres Übel bezieht. Denn in jedem Fall gibt es eine gewisse Überlegenheit, indem sich zeigt, dass der Wille stärker auf das Gute oder Böse gerichtet ist, indem er nicht durch die Schwierigkeit überwunden wird.
Antwort auf Einwand 3: Die Caritas ist nicht irgendeine Art von Liebe, sondern die Liebe zu Gott: daher ist ihr nicht irgendeine Art von Hass direkt entgegengesetzt, sondern der Hass gegen Gott, welcher die schwerste aller Sünden ist.