I-II, q. 73 a. 3
Ob die Schwere der Sünden je nach ihren Objekten variiert?
Quaestio 73 · Vom Vergleich der einen Sünde mit der anderen
Einwand 1: Es scheint, dass die Schwere der Sünden nicht je nach ihren Objekten variiert. Denn die Schwere einer Sünde gehört zu ihrem Modus oder ihrer Qualität: wohingegen das Objekt die Materie der Sünde ist. Daher variiert die Schwere der Sünden nicht gemäß ihren verschiedenen Objekten.
Einwand 2: Ferner ist die Schwere einer Sünde die Intensität ihrer Bosheit. Nun leitet die Sünde ihre Bosheit nicht von ihrem eigentlichen Objekt ab, dem sie sich zuwendet und das irgendein begehrenswertes Gut ist, sondern vielmehr von dem, wovon sie sich abwendet. Daher variiert die Schwere der Sünden nicht gemäß ihren verschiedenen Objekten.
Einwand 3: Ferner sind Sünden, die verschiedene Objekte haben, von verschiedener Art. Aber Dinge verschiedener Art können nicht miteinander verglichen werden, wie in Phys. vii, text. 30, seqq. bewiesen wird. Daher ist eine Sünde nicht schwerer als eine andere aufgrund der Verschiedenheit der Objekte.
Dagegen spricht, dass Sünden ihre Spezies von ihren Objekten nehmen, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [72], Artikel [1]). Aber einige Sünden sind schwerer als andere hinsichtlich ihrer Spezies, wie Mord schwerer ist als Diebstahl. Daher variiert die Schwere der Sünden gemäß ihren Objekten.
Ich antworte darauf, Wie aus dem Gesagten (Quaestio [71], Artikel [5]) klar hervorgeht, variiert die Schwere der Sünden auf dieselbe Weise, wie eine Krankheit schwerer ist als eine andere: denn so wie das Gut der Gesundheit in einem gewissen Verhältnis der Säfte besteht, im Einklang mit der Natur des Lebewesens, so besteht das Gut der Tugend in einem gewissen Verhältnis des menschlichen Aktes im Einklang mit der Regel der Vernunft. Nun ist es offensichtlich, dass je höher das Prinzip ist, dessen Unordnung die Unordnung in den Säften verursacht, desto schwerer die Krankheit ist: so ist eine Krankheit, die den menschlichen Körper vom Herzen her befällt, welches das Prinzip des Lebens ist, oder von einem benachbarten Teil, gefährlicher. Daher muss eine Sünde notwendigerweise umso schwerer sein, als die Unordnung in einem Prinzip auftritt, das in der Ordnung der Vernunft höher steht. Nun lenkt die Vernunft in Fragen des Handelns alle Dinge im Hinblick auf das Ziel: weshalb die Sünde umso schwerer ist, je höher das Ziel ist, das den Sünden in menschlichen Akten anhaftet. Nun ist das Objekt eines Aktes sein Ziel, wie oben dargelegt (Quaestio [72], Artikel [3], ad 2); und folglich hängt der Unterschied der Schwere bei Sünden von ihren Objekten ab. So ist es klar, dass äußere Dinge auf den Menschen als ihr Ziel hingeordnet sind, während der Mensch weiter auf Gott als sein Ziel hingeordnet ist. Daher ist eine Sünde, die die eigentliche Substanz des Menschen betrifft, z.B. Mord, schwerer als eine Sünde, die äußere Dinge betrifft, z.B. Diebstahl; und noch schwerer ist eine Sünde, die direkt gegen Gott begangen wird, z.B. Unglaube, Gotteslästerung und dergleichen: und in jeder dieser Stufen der Sünde wird eine Sünde schwerer sein als eine andere, je nachdem, ob sie ein höheres oder niedrigeres Prinzip betrifft. Und insofern Sünden ihre Spezies von ihren Objekten nehmen, ist der Unterschied der Schwere, der von den Objekten abgeleitet wird, der erste und vornehmste, da er aus der Spezies resultiert.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl das Objekt die Materie ist, mit der sich ein Akt befasst, hat es doch den Charakter eines Ziels, insofern die Absicht des Handelnden darauf fixiert ist, wie oben dargelegt (Quaestio [72], Artikel [3], ad 2). Nun hängt die Form eines moralischen Aktes vom Ziel ab, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [72], Artikel [6]; Quaestio [18], Artikel [6]).
Antwort auf Einwand 2: Aus der bloßen Tatsache, dass der Mensch sich in ungebührlicher Weise irgendeinem veränderlichen Gut zuwendet, folgt, dass er sich vom unveränderlichen Gut abwendet, welche Abwendung die Natur des Bösen vervollständigt. Daher müssen die verschiedenen Grade der Bosheit in den Sünden notwendigerweise der Verschiedenheit jener Dinge folgen, denen sich der Mensch zuwendet.
Antwort auf Einwand 3: Alle Objekte menschlicher Akte stehen in Beziehung zueinander, weshalb alle menschlichen Akte gewissermaßen von einer Art sind, insofern sie auf das letzte Ziel ausgerichtet sind. Daher hindert nichts daran, dass alle Sünden miteinander verglichen werden.