I-II, q. 73 a. 2
Ob alle Sünden gleich sind?
Quaestio 73 · Vom Vergleich der einen Sünde mit der anderen
Einwand 1: Es scheint, dass alle Sünden gleich sind. Denn Sünde bedeutet, das Unerlaubte zu tun. Nun wird das Tun des Unerlaubten in allen Dingen auf ein und dieselbe Weise missbilligt. Daher wird die Sünde auf ein und dieselbe Weise missbilligt. Also ist eine Sünde nicht schwerer als eine andere.
Einwand 2: Ferner ist jede Sünde eine Übertretung der Regel der Vernunft, die sich zu menschlichen Handlungen so verhält wie ein Lineal zu körperlichen Dingen. Zu sündigen ist also dasselbe wie eine Linie zu überschreiten. Aber das Überschreiten einer Linie geschieht gleichermaßen und auf dieselbe Weise, auch wenn man sich weit von ihr entfernt oder nahe bei ihr bleibt, da Beraubungen kein Mehr oder Weniger zulassen. Daher sind alle Sünden gleich.
Einwand 3: Ferner sind Sünden den Tugenden entgegengesetzt. Aber alle Tugenden sind gleich, wie Cicero feststellt (Paradox. iii). Daher sind alle Sünden gleich.
Dagegen spricht, dass unser Herr zu Pilatus sagte (Joh 19,11): „Der mich dir überantwortet hat, der hat die größere Sünde“, und doch ist es offensichtlich, dass Pilatus einer gewissen Sünde schuldig war. Daher ist eine Sünde größer als eine andere.
Ich antworte darauf, Die Meinung der Stoiker, die Cicero im Buch über die Paradoxien (Paradox. iii) übernimmt, war, dass alle Sünden gleich seien: aus welcher Meinung der Irrtum gewisser Häretiker entstand, die nicht nur alle Sünden für gleich halten, sondern auch behaupten, dass alle Höllenstrafen gleich seien. Soweit man aus den Worten Ciceros schließen kann, kamen die Stoiker zu ihrer Schlussfolgerung, indem sie die Sünde nur von der Seite der Beraubung her betrachteten, insofern sie nämlich eine Abweichung von der Vernunft ist; da sie also einfach bedachten, dass keine Beraubung ein Mehr oder Weniger zulässt, hielten sie alle Sünden für gleich. Wenn wir die Sache jedoch sorgfältig betrachten, werden wir sehen, dass es zwei Arten von Beraubung gibt. Denn es gibt eine einfache und reine Beraubung, die sozusagen im „Verderbt-Sein“ besteht; so ist der Tod die Beraubung des Lebens und die Dunkelheit die Beraubung des Lichts. Derartige Beraubungen lassen kein Mehr oder Weniger zu, weil nichts vom entgegengesetzten Habitus übrig bleibt; daher ist ein Mensch am ersten Tag nach seinem Tod nicht weniger tot, oder am dritten oder vierten Tag, als nach einem Jahr, wenn sein Leichnam bereits aufgelöst ist; und ebenso ist ein Haus nicht dunkler, wenn das Licht durch mehrere Blenden verdeckt wird, als wenn es durch eine einzige Blende verdeckt würde, die alles Licht aussperrt. Es gibt jedoch eine andere Beraubung, die nicht einfach ist, sondern etwas vom entgegengesetzten Habitus behält; sie besteht eher im „Verderbt-Werden“ als im „Verderbt-Sein“, wie Krankheit, die eine Beraubung des gebührenden Verhältnisses der Säfte ist, jedoch so, dass etwas von diesem Verhältnis bleibt, sonst würde das Lebewesen aufhören zu leben: und dasselbe gilt für Missgestalt und dergleichen. Solche Beraubungen lassen ein Mehr oder Weniger zu auf Seiten dessen, was übrig bleibt, oder des entgegengesetzten Habitus. Denn es macht bei Krankheit oder Missgestalt viel aus, ob man mehr oder weniger vom gebührenden Verhältnis der Säfte oder Glieder abweicht. Dasselbe gilt für Laster und Sünden: denn in ihnen ist die Beraubung des gebührenden Verhältnisses der Vernunft derart, dass sie die Ordnung der Vernunft nicht gänzlich zerstört; sonst würde das Böse, wenn es total wäre, sich selbst zerstören, wie in Ethic. iv, 5 dargelegt. Denn die Substanz des Aktes oder die Neigung des Handelnden könnte nicht bestehen bleiben, wenn nicht etwas von der Ordnung der Vernunft übrig bliebe. Daher macht es für die Schwere einer Sünde viel aus, ob man mehr oder weniger von der Richtigkeit der Vernunft abweicht: und dementsprechend müssen wir sagen, dass nicht alle Sünden gleich sind.
Antwort auf Einwand 1: Sünde zu begehen ist unerlaubt aufgrund einer gewissen Ungeordnetheit darin: weshalb jene, die eine größere Ungeordnetheit enthalten, unerlaubter und folglich schwerere Sünden sind.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument betrachtet die Sünde so, als wäre sie eine reine Beraubung.
Antwort auf Einwand 3: Tugenden sind in ein und demselben Subjekt proportional gleich: doch übertrifft eine Tugend die andere an Vorzüglichkeit gemäß ihrer Spezies; und wiederum ist ein Mensch tugendhafter als ein anderer in derselben Spezies der Tugend, wie oben dargelegt (Quaestio [66], Artikel [1], 2). Überdies, selbst wenn die Tugenden gleich wären, würde daraus nicht folgen, dass die Laster gleich sind, da die Tugenden verbunden sind, die Laster oder Sünden aber nicht.