I-II, q. 73 a. 1
Ob alle Sünden miteinander verbunden sind?
Quaestio 73 · Vom Vergleich der einen Sünde mit der anderen
Einwand 1: Es scheint, dass alle Sünden miteinander verbunden sind. Denn es steht geschrieben (Jak 2,10): „Wer das ganze Gesetz hält und nur in einem Punkt fehlt, der ist an allen schuldig geworden.“ Nun ist aber das Schuldigwerden an der Übertretung aller Gebote des Gesetzes dasselbe wie das Begehen aller Sünden, da, wie Ambrosius sagt (De Parad. viii), „die Sünde eine Übertretung des göttlichen Gesetzes und ein Ungehorsam gegen die himmlischen Gebote ist.“ Wer also eine Sünde begeht, ist aller schuldig.
Einwand 2: Ferner vertreibt jede Sünde die entgegengesetzte Tugend. Wer aber eine Tugend entbehrt, entbehrt aller, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [65], Artikel [1]). Wer also eine Sünde begeht, ist aller Tugenden beraubt. Folglich ist derjenige, der eine Sünde begeht, aller Sünden schuldig.
Einwand 3: Ferner hängen alle Tugenden zusammen, weil sie ein gemeinsames Prinzip haben, wie oben dargelegt (Quaestio [65], Artikel [1], 2). Wie nun die Tugenden ein gemeinsames Prinzip haben, so auch die Sünden; denn wie die Liebe Gottes, welche die Stadt Gottes erbaut, der Anfang und die Wurzel aller Tugenden ist, so ist die Eigenliebe, welche die Stadt Babylon erbaut, die Wurzel aller Sünden, wie Augustinus erklärt (De Civ. Dei xiv, 28). Deshalb sind auch alle Laster und Sünden so miteinander verbunden, dass wer eine hat, alle hat.
Dagegen spricht, dass einige Laster einander entgegengesetzt sind, wie der Philosoph feststellt (Ethic. ii, 8). Gegensätze können aber nicht zugleich im selben Subjekt sein. Daher ist es unmöglich, dass alle Sünden und Laster miteinander verbunden sind.
Ich antworte darauf, Die Absicht des Menschen, der gemäß der Tugend handelt, indem er seiner Vernunft folgt, ist verschieden von der Absicht des Sünders, der vom Pfad der Vernunft abirrt. Denn die Absicht eines jeden Menschen, der gemäß der Tugend handelt, ist es, der Regel der Vernunft zu folgen; weshalb die Absicht aller Tugenden auf dasselbe Ziel gerichtet ist, so dass alle Tugenden in der rechten Vernunft des zu Tuenden, nämlich der Klugheit, miteinander verbunden sind, wie oben dargelegt (Quaestio [65], Artikel [1]). Die Absicht des Sünders aber ist nicht darauf gerichtet, vom Pfad der Vernunft abzuirren; vielmehr ist sie darauf gerichtet, nach irgendeinem begehrenswerten Gut zu streben, von dem die Sünde ihre Spezies ableitet. Nun sind diese Güter, auf welche die Absicht des Sünders gerichtet ist, wenn er von der Vernunft abweicht, verschiedener Art und haben keine gegenseitige Verbindung; tatsächlich sind sie bisweilen einander entgegengesetzt. Da also Laster und Sünden ihre Spezies von dem nehmen, worauf sie sich richten, ist es offensichtlich, dass Sünden hinsichtlich dessen, was die Spezies der Sünde vervollständigt, nicht miteinander verbunden sind. Denn die Sünde besteht nicht im Übergang vom Vielen zum Einen, wie es bei den Tugenden der Fall ist, die verbunden sind, sondern vielmehr im Verlassen des Einen hin zum Vielen.
Antwort auf Einwand 1: Jakobus spricht von der Sünde nicht im Hinblick auf das, worauf sie sich richtet und was die Unterscheidung der Sünden verursacht, wie oben dargelegt (Quaestio [72], Artikel [1]), sondern im Hinblick auf das, wovon sich die Sünde abwendet, insofern der Mensch durch das Sündigen von einem Gebot des Gesetzes abweicht. Nun sind alle Gebote des Gesetzes von ein und demselben, wie er auch in derselben Passage sagt, so dass derselbe Gott in jeder Sünde verachtet wird; und in diesem Sinne sagt er, dass wer „in einem Punkt fehlt, an allen schuldig geworden ist“, insofern er durch das Begehen einer einzigen Sünde die Straffälligkeit durch seine Verachtung Gottes auf sich zieht, welche der Ursprung aller Sünden ist.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Quaestio [71], Artikel [4]), wird die entgegengesetzte Tugend nicht durch jeden Akt der Sünde vertrieben; denn die lässliche Sünde zerstört die Tugend nicht; die Todsünde hingegen zerstört die eingegossene Tugend, indem sie den Menschen von Gott abwendet. Doch ein einziger Akt, selbst der Todsünde, zerstört nicht den Habitus der erworbenen Tugend; wenn jedoch solche Akte wiederholt werden, so dass ein entgegengesetzter Habitus entsteht, wird der Habitus der erworbenen Tugend zerstört, dessen Zerstörung den Verlust der Klugheit nach sich zieht, da der Mensch, wenn er gegen irgendeine Tugend handelt, gegen die Klugheit handelt, ohne die keine moralische Tugend möglich ist, wie oben dargelegt (Quaestio [58], Artikel [4]; Quaestio [65], Artikel [1]). Folglich werden alle moralischen Tugenden hinsichtlich des vollkommenen und formalen Seins der Tugend zerstört, das sie insofern haben, als sie an der Klugheit teilhaben; dennoch bleiben die Neigungen zu tugendhaften Akten bestehen, welche Neigungen jedoch keine Tugenden sind. Nichtsdestoweniger folgt daraus nicht, dass der Mensch deshalb alle Laster oder Sünden auf sich zieht – erstens, weil mehrere Laster einer Tugend entgegengesetzt sind, so dass eine Tugend durch eines von ihnen zerstört werden kann, ohne dass die anderen vorhanden sind; zweitens, weil die Sünde der Tugend direkt entgegengesetzt ist hinsichtlich der Neigung der Tugend zum Handeln, wie oben dargelegt (Quaestio [71], Artikel [1]). Solange also irgendwelche tugendhaften Neigungen verbleiben, kann nicht gesagt werden, dass der Mensch die entgegengesetzten Laster oder Sünden hat.
Antwort auf Einwand 3: Die Liebe Gottes ist einigend, insofern sie die Neigungen des Menschen vom Vielen zum Einen zieht; so dass die Tugenden, die aus der Liebe Gottes fließen, miteinander verbunden sind. Aber die Eigenliebe zerstreut die Neigungen des Menschen auf verschiedene Dinge, insofern der Mensch sich selbst liebt, indem er für sich zeitliche Güter begehrt, die verschieden und von vielerlei Art sind: daher sind Laster und Sünden, die aus der Eigenliebe entstehen, nicht miteinander verbunden.