I-II, q. 19 a. 9
Ob die Güte des Willens von seiner Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen abhängt?
Quaestio 19 · Von der Güte und Bosheit des inneren Aktes des Willens
Einwand 1: Es scheint, dass die Güte des menschlichen Willens nicht von seiner Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen abhängt. Denn es ist unmöglich, dass der Wille des Menschen mit dem göttlichen Willen übereinstimmt; wie aus dem Wort des Isaias 55,9 hervorgeht: „Wie der Himmel über der Erde erhaben ist, so sind meine Wege erhaben über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ Wenn daher die Güte des Willens von seiner Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen abhinge, würde folgen, dass es für den Willen des Menschen unmöglich ist, gut zu sein. Was unzulässig ist.
Einwand 2: Ferner, so wie unser Wille aus dem göttlichen Willen entspringt, so fließt unser Wissen aus dem göttlichen Wissen. Aber unser Wissen muss nicht mit Gottes Wissen übereinstimmen; da Gott viele Dinge weiß, die wir nicht wissen. Daher besteht keine Notwendigkeit, dass unser Wille mit dem göttlichen Willen übereinstimmt.
Einwand 3: Ferner ist der Wille ein Prinzip des Handelns. Aber unser Handeln kann nicht mit Gottes Handeln übereinstimmen. Daher kann auch unser Wille nicht mit Seinem übereinstimmen.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Mt 26,39): „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“: welche Worte Er sprach, weil „Er will, dass der Mensch aufrecht sei und zu Gott tendiere“, wie Augustinus im Enchiridion auslegt [*Enarr. in Ps. 32, serm. i.]. Aber die Richtigkeit des Willens ist seine Güte. Daher hängt die Güte des Willens von seiner Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen ab.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [7]), hängt die Güte des Willens von der Absicht des Ziels ab. Nun ist das letzte Ziel des menschlichen Willens das höchste Gut, nämlich Gott, wie oben dargelegt (Frage [1], Artikel [8]; Frage [3], Artikel [1]). Daher erfordert die Güte des menschlichen Willens, dass er auf das höchste Gut, das heißt auf Gott, hingeordnet ist.
Nun wird dieses Gut primär und wesentlich mit dem göttlichen Willen verglichen, als sein eigentliches Objekt. Wiederum ist das, was das Erste in irgendeiner Gattung ist, das Maß und die Regel von allem, was zu dieser Gattung gehört. Überdies erlangt alles Richtigkeit und Güte, insofern es mit seinem eigenen Maß übereinstimmt. Damit also der Wille des Menschen gut sei, muss er mit dem göttlichen Willen übereinstimmen.
Antwort auf Einwand 1: Der menschliche Wille kann nicht mit dem Willen Gottes übereinstimmen, so dass er ihm gleicht, sondern nur so, dass er ihn nachahmt. Ebenso stimmt das menschliche Wissen mit dem göttlichen Wissen überein, insofern es die Wahrheit erkennt: und das menschliche Handeln stimmt mit dem göttlichen überein, insofern es dem Handelnden ziemt: und dies auf dem Weg der Nachahmung, nicht auf dem Weg der Gleichheit.
Aus dem Obigen können die Antworten auf den zweiten und dritten Einwand entnommen werden.