I-II, q. 19 a. 3
Ob die Güte des Willens von der Vernunft abhängt?
Quaestio 19 · Von der Güte und Bosheit des inneren Aktes des Willens
Einwand 1: Es scheint, dass die Güte des Willens nicht von der Vernunft abhängt. Denn was zuerst kommt, hängt nicht von dem ab, was folgt. Aber das Gute gehört zum Willen, bevor es zur Vernunft gehört, wie aus dem oben Gesagten klar ist (Frage [9], Artikel [1]). Daher hängt die Güte des Willens nicht von der Vernunft ab.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethik vi, 2), dass die Güte des praktischen Intellekts „eine Wahrheit ist, die in Übereinstimmung mit dem rechten Begehren steht“. Aber das rechte Begehren ist ein guter Wille. Daher hängt die Güte der praktischen Vernunft eher von der Güte des Willens ab als umgekehrt.
Einwand 3: Ferner hängt der Beweger nicht von dem ab, was bewegt wird, sondern umgekehrt. Aber der Wille bewegt die Vernunft und die anderen Kräfte, wie oben dargelegt (Frage [9], Artikel [1]). Daher hängt die Güte des Willens nicht von der Vernunft ab.
Dagegen spricht, dass Hilarius sagt (De Trin. x): „Es ist ein zügelloser Wille, der in seinen Begierden im Widerspruch zur Vernunft verharrt.“ Aber die Güte des Willens besteht darin, nicht zügellos zu sein. Daher hängt die Güte des Willens davon ab, dass er der Vernunft unterworfen ist.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [1], 2), hängt die Güte des Willens eigentlich vom Objekt ab. Nun wird das Objekt des Willens ihm durch die Vernunft vorgestellt. Denn das verstandene Gute ist das proportionierte Objekt des Willens; während das sinnliche oder eingebildete Gute nicht dem Willen, sondern dem sinnlichen Begehren proportioniert ist: da der Wille zum universalen Guten streben kann, welches die Vernunft erfasst; wohingegen das sinnliche Begehren nur zum partikularen Guten strebt, das von der sinnlichen Kraft erfasst wird. Daher hängt die Güte des Willens von der Vernunft ab, auf dieselbe Weise, wie sie vom Objekt abhängt.
Antwort auf Einwand 1: Das Gute als solches betrachtet, d.h. als begehrenswert, gehört zum Willen, bevor es zur Vernunft gehört. Aber als wahr betrachtet gehört es zur Vernunft, bevor es unter dem Aspekt der Güte zum Willen gehört: weil der Wille kein Gut begehren kann, das nicht zuvor von der Vernunft erfasst wurde.
Antwort auf Einwand 2: Der Philosoph spricht hier vom praktischen Intellekt, insofern er berät und über die Mittel nachdenkt: denn in dieser Hinsicht wird er durch die Klugheit vervollkommnet. Nun hängt in Bezug auf die Mittel die Richtigkeit der Vernunft von ihrer Übereinstimmung mit dem Begehren eines geschuldeten Ziels ab: dennoch setzt gerade das Begehren des geschuldeten Ziels seitens der Vernunft eine rechte Erfassung des Ziels voraus.
Antwort auf Einwand 3: Der Wille bewegt die Vernunft auf eine Weise: die Vernunft bewegt den Willen auf eine andere, nämlich seitens des Objekts, wie oben dargelegt (Frage [9], Artikel [1]).