I-II, q. 19 a. 8
Ob der Grad der Güte oder Schlechtigkeit im Willen vom Grad des Guten oder Bösen in der Absicht abhängt?
Quaestio 19 · Von der Güte und Bosheit des inneren Aktes des Willens
Einwand 1: Es scheint, dass der Grad der Güte im Willen vom Grad des Guten in der Absicht abhängt. Denn zu Mt 12,35, „Ein guter Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor“, sagt eine Glosse: „Ein Mensch tut so viel Gutes, wie er beabsichtigt.“ Aber die Absicht verleiht nicht nur der äußeren Handlung Güte, sondern auch dem Willensakt, wie oben dargelegt (Artikel [7]). Daher entspricht die Güte des Willens eines Menschen der Güte seiner Absicht.
Einwand 2: Ferner, wenn man zur Ursache hinzufügt, fügt man zur Wirkung hinzu. Aber die Güte der Absicht ist die Ursache des guten Willens. Daher ist der Wille eines Menschen gut, insofern seine Absicht gut ist.
Einwand 3: Ferner sündigt ein Mensch in bösen Handlungen im Verhältnis zu seiner Absicht: denn wenn ein Mensch einen Stein mit mörderischer Absicht werfen würde, wäre er des Mordes schuldig. Daher ist aus demselben Grund in guten Handlungen der Wille im Verhältnis zum beabsichtigten Guten gut.
Dagegen spricht: Die Absicht kann gut sein, während der Wille böse ist. Daher kann aus demselben Grund die Absicht besser sein und der Wille weniger gut.
Ich antworte darauf, In Bezug auf sowohl den Akt als auch die Absicht des Ziels können wir eine zweifache Quantität betrachten: eine seitens des Objekts, aufgrund dessen, dass ein Mensch ein größeres Gut will oder tut; die andere, genommen von der Intensität des Aktes, insofern ein Mensch intensiv will oder handelt; und dies liegt mehr auf Seiten des Handelnden.
Wenn wir also von diesen jeweiligen Quantitäten unter dem Gesichtspunkt des Objekts sprechen, ist es offensichtlich, dass die Quantität im Akt nicht von der Quantität in der Absicht abhängt. In Bezug auf den äußeren Akt kann dies auf zwei Arten geschehen. Erstens dadurch, dass das Objekt, das auf das beabsichtigte Ziel hingeordnet ist, jenem Ziel nicht proportioniert ist; zum Beispiel, wenn ein Mensch zehn Pfund geben würde, könnte er seine Absicht nicht verwirklichen, wenn er beabsichtigte, eine Sache im Wert von hundert Pfund zu kaufen. Zweitens aufgrund der Hindernisse, die in Bezug auf die äußere Handlung dazwischentreten können, welche Hindernisse wir nicht zu beseitigen vermögen: zum Beispiel beabsichtigt ein Mensch, nach Rom zu gehen, und stößt auf Hindernisse, die ihn daran hindern zu gehen. Andererseits geschieht dies in Bezug auf den inneren Willensakt nur auf eine Weise: weil die inneren Willensakte in unserer Macht stehen, während die äußeren Handlungen es nicht sind. Aber der Wille kann ein Objekt wollen, das dem beabsichtigten Ziel nicht proportioniert ist: und so ist der Wille, der auf jenes Objekt absolut betrachtet tendiert, nicht so gut wie die Absicht. Doch weil die Absicht auch auf eine Weise zum Willensakt gehört, insofern sie nämlich der Grund desselben ist; kommt es dazu, dass die Quantität der Güte in der Absicht auf den Willensakt zurückfließt; das heißt, insofern der Wille ein großes Gut für ein Ziel will, obwohl das, wodurch er ein so großes Gut zu erlangen will, jenem Gut nicht proportioniert ist.
Aber wenn wir die Quantität in der Absicht und im Akt gemäß ihrer jeweiligen Intensität betrachten, dann fließt die Intensität der Absicht auf den inneren Akt und den äußeren Akt des Willens zurück: da die Absicht in Beziehung zu ihnen wie eine Art Form steht, wie aus dem klar ist, was oben gesagt wurde (Frage [12], Artikel [4]; Frage [18], Artikel [6]). Und doch kann, materiell betrachtet, während die Absicht intensiv ist, der innere oder äußere Akt materiell gesprochen nicht so intensiv sein: zum Beispiel, wenn ein Mensch nicht mit so viel Intensität Medizin nehmen will, wie er die Gesundheit wiedererlangen will. Dennoch fließt die bloße Tatsache, die Gesundheit intensiv zu beabsichtigen, als ein formales Prinzip auf das intensive Wollen der Medizin zurück.
Wir müssen jedoch beachten, dass die Intensität des inneren oder äußeren Aktes auf die Absicht als ihr Objekt bezogen werden kann: wie wenn ein Mensch beabsichtigt, intensiv zu wollen oder etwas intensiv zu tun. Und doch folgt daraus nicht, dass er intensiv will oder handelt; weil die Quantität der Güte im inneren oder äußeren Akt nicht von der Quantität des beabsichtigten Guten abhängt, wie oben gezeigt wurde. Und daher kommt es, dass ein Mensch nicht so viel verdient, wie er zu verdienen beabsichtigt: weil die Quantität des Verdienstes an der Intensität des Aktes gemessen wird, wie wir später zeigen werden (Frage [20], Artikel [4]; Frage [114], Artikel [4]).
Antwort auf Einwand 1: Diese Glosse spricht vom Guten in der Einschätzung Gottes, der hauptsächlich die Absicht des Ziels betrachtet. Weshalb eine andere Glosse zur selben Stelle sagt, dass „der Schatz des Herzens die Absicht ist, nach der Gott unsere Werke richtet“. Denn die Güte der Absicht fließt, wie oben dargelegt, sozusagen auf die Güte des Willens zurück, was sogar den äußeren Akt in Gottes Augen verdienstvoll macht.
Antwort auf Einwand 2: Die Güte der Absicht ist nicht die ganze Ursache eines guten Willens. Daher beweist das Argument nicht.
Antwort auf Einwand 3: Die bloße Schlechtigkeit der Absicht genügt, um den Willen böse zu machen: und daher ist auch der Wille so böse, wie die Absicht böse ist. Aber dieselbe Überlegung gilt nicht für die Güte, wie oben dargelegt (zu 2).