I-II, q. 19 a. 1
Ob die Güte des Willens vom Objekt abhängt?
Quaestio 19 · Von der Güte und Bosheit des inneren Aktes des Willens
Einwand 1: Es scheint, dass die Güte des Willens nicht vom Objekt abhängt. Denn der Wille kann auf nichts anderes gerichtet sein als auf das Gute: da „das Böse außerhalb des Bereichs des Willens liegt“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv). Wenn also die Güte des Willens vom Objekt abhinge, würde folgen, dass jeder Willensakt gut ist und keiner schlecht.
Einwand 2: Ferner liegt das Gute zuallererst im Ziel: weshalb die Güte des Ziels als solches nicht von etwas anderem abhängt. Aber nach dem Philosophen (Ethik vi, 5) „ist das Gute des Handelns das Ziel selbst, das Gute des Herstellens aber ist niemals das Ziel selbst“: weil letzteres immer auf das Hergestellte als sein Ziel hingeordnet ist. Daher hängt die Güte des Willensaktes nicht von irgendeinem Objekt ab.
Einwand 3: Ferner, wie ein Ding beschaffen ist, so macht es auch ein anderes. Aber das Objekt des Willens ist gut aufgrund der Güte der Natur. Daher kann es dem Willen keine moralische Güte verleihen. Folglich hängt die moralische Güte des Willens nicht vom Objekt ab.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethik v, 1), Gerechtigkeit sei jener Habitus, „aus dem heraus die Menschen gerechte Dinge wollen“: und dementsprechend ist Tugend ein Habitus, aus dem heraus die Menschen gute Dinge wollen. Ein guter Wille ist aber jener, der mit der Tugend übereinstimmt. Also stammt die Güte des Willens aus der Tatsache, dass ein Mensch das will, was gut ist.
Ich antworte darauf, Gut und Böse sind wesentliche Unterschiede des Willensaktes. Denn Gut und Böse beziehen sich von sich aus auf den Willen; so wie Wahrheit und Falschheit sich auf die Vernunft beziehen, deren Akt wesentlich durch den Unterschied von Wahrheit und Falschheit geteilt wird, insofern eine Meinung wahr oder falsch genannt wird. Folglich sind ein guter und ein böser Wille Akte, die sich der Art nach unterscheiden. Nun bestimmt sich der artgemäße Unterschied in den Akten nach den Objekten, wie oben dargelegt wurde (Frage [18], Artikel [5]). Daher leitet sich Gut und Böse in den Akten des Willens eigentlich von den Objekten ab.
Antwort auf Einwand 1: Der Wille ist nicht immer auf das wahrhaft Gute gerichtet, sondern manchmal auf das scheinbare Gute; dieses hat zwar ein gewisses Maß an Gutem, aber nicht das eines Gutes, das schlechthin geeignet ist, begehrt zu werden. Daher kommt es, dass der Willensakt nicht immer gut, sondern manchmal böse ist.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl eine Handlung auf gewisse Weise das letzte Ziel des Menschen sein kann, ist eine solche Handlung dennoch kein Akt des Willens, wie oben dargelegt (Frage [1], Artikel [1], zu 2).
Antwort auf Einwand 3: Das Gute wird dem Willen durch die Vernunft als sein Objekt vorgestellt: und insofern es mit der Vernunft übereinstimmt, tritt es in die moralische Ordnung ein und bewirkt moralische Güte im Willensakt: weil die Vernunft das Prinzip menschlicher und moralischer Akte ist, wie oben dargelegt (Frage [18], Artikel [5]).