I-II, q. 19 a. 4
Ob die Güte des Willens vom ewigen Gesetz abhängt?
Quaestio 19 · Von der Güte und Bosheit des inneren Aktes des Willens
Einwand 1: Es scheint, dass die Güte des menschlichen Willens nicht vom ewigen Gesetz abhängt. Denn für eine Sache gibt es eine Regel und ein Maß. Aber die Regel des menschlichen Willens, von der seine Güte abhängt, ist die rechte Vernunft. Daher hängt die Güte des Willens nicht vom ewigen Gesetz ab.
Einwand 2: Ferner ist „ein Maß von gleicher Art wie das Gemessene“ (Metaph. x, 1). Aber das ewige Gesetz ist nicht von gleicher Art wie der menschliche Wille. Daher kann das ewige Gesetz nicht das Maß sein, von dem die Güte des menschlichen Willens abhängt.
Einwand 3: Ferner sollte ein Maß höchst gewiss sein. Aber das ewige Gesetz ist uns unbekannt. Daher kann es nicht das Maß sein, von dem die Güte unseres Willens abhängt.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Contra Faust. xxii, 27), dass „Sünde eine Tat, ein Wort oder ein Begehren gegen das ewige Gesetz ist“. Aber die Schlechtigkeit des Willens ist die Wurzel der Sünde. Da also Schlechtigkeit das Gegenteil von Güte ist, hängt die Güte des Willens vom ewigen Gesetz ab.
Ich antworte darauf, Wo immer eine Anzahl von Ursachen einander untergeordnet sind, hängt die Wirkung mehr von der ersten als von der zweiten Ursache ab: da die zweite Ursache nur kraft der ersten wirkt. Nun ist es vom ewigen Gesetz, welches die göttliche Vernunft ist, dass die menschliche Vernunft die Regel des menschlichen Willens ist, von der der menschliche Wille seine Güte ableitet. Daher steht geschrieben (Ps 4,6.7): „Viele sagen: Wer zeigt uns Gutes? Das Licht deines Angesichts, o Herr, ist über uns geprägt“: als ob er sagen wollte: „Das Licht unserer Vernunft vermag uns Gutes zu zeigen und unseren Willen zu leiten, insofern es das Licht (d.h. abgeleitet von) deines Angesichts ist.“ Es ist daher offensichtlich, dass die Güte des menschlichen Willens viel mehr vom ewigen Gesetz abhängt als von der menschlichen Vernunft: und wenn die menschliche Vernunft versagt, müssen wir zur ewigen Vernunft Zuflucht nehmen.
Antwort auf Einwand 1: Für eine Sache gibt es nicht mehrere nächste Maße; aber es kann mehrere Maße geben, wenn eines dem anderen untergeordnet ist.
Antwort auf Einwand 2: Ein nächstes Maß ist von gleicher Art wie das Gemessene; ein fernes Maß ist es nicht.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl das ewige Gesetz uns unbekannt ist, insofern es im göttlichen Geist ist, wird es uns dennoch gewissermaßen bekannt, entweder durch die natürliche Vernunft, die davon als ihr eigentliches Abbild abgeleitet ist; oder durch eine Art zusätzlicher Offenbarung.