I-II, q. 18 a. 6
Ob eine Handlung die Spezies des Guten oder Bösen von ihrem Ziel hat?
Quaestio 18 · Über die Güte und Bosheit der menschlichen Handlungen im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute und Böse, die vom Ziel kommen, die Spezies der Handlungen nicht diversifizieren. Denn Handlungen leiten ihre Spezies vom Gegenstand her. Aber das Ziel ist gänzlich getrennt vom Gegenstand. Also diversifizieren das Gute und Böse, die vom Ziel kommen, die Spezies einer Handlung nicht.
Einwand 2: Ferner konstituiert das, was akzidentell ist, nicht die Spezies, wie oben dargelegt (Artikel 5). Aber es ist einer Handlung akzidentell, auf irgendein besonderes Ziel hingeordnet zu werden; zum Beispiel Almosen zu geben aus Ruhmsucht. Also werden Handlungen hinsichtlich der Spezies nicht gemäß dem Guten und Bösen diversifiziert, die vom Ziel kommen.
Einwand 3: Ferner können Akte, die sich in der Spezies unterscheiden, auf dasselbe Ziel hingeordnet werden: so können Handlungen verschiedener Tugenden und Laster auf das Ziel der Ruhmsucht hingeordnet werden. Also diversifizieren das Gute und Böse, die vom Ziel genommen werden, die Spezies der Handlung nicht.
Dagegen spricht, dass oben gezeigt wurde (Frage 1, Artikel 3), dass menschliche Handlungen ihre Spezies vom Ziel herleiten. Also diversifizieren Gut und Böse hinsichtlich des Ziels die Spezies der Handlungen.
Ich antworte darauf, dass gewisse Handlungen menschlich genannt werden, insofern sie freiwillig sind, wie oben dargelegt (Frage 1, Artikel 1). Nun gibt es in einer freiwilligen Handlung eine zweifache Handlung, nämlich die innere Handlung des Willens und die äußere Handlung: und jede dieser Handlungen hat ihren Gegenstand. Das Ziel ist eigentlich der Gegenstand des inneren Willensaktes: während der Gegenstand der äußeren Handlung dasjenige ist, worauf sich die Handlung richtet. Daher, so wie die äußere Handlung ihre Spezies von dem Gegenstand nimmt, auf den sie sich richtet; so nimmt der innere Akt des Willens seine Spezies vom Ziel, als von seinem eigenen Gegenstand.
Nun ist das, was auf Seiten des Willens ist, formal in Bezug auf das, was auf Seiten der äußeren Handlung ist: weil der Wille die Glieder gebraucht, um als Werkzeuge zu handeln; noch haben äußere Handlungen irgendein Maß an Moralität, außer insofern sie freiwillig sind. Folglich wird die Spezies eines menschlichen Aktes formal im Hinblick auf das Ziel betrachtet, aber materiell im Hinblick auf den Gegenstand der äußeren Handlung. Daher sagt der Philosoph (Ethic. 5, 2), dass „wer stiehlt, um Ehebruch zu begehen, streng genommen mehr Ehebrecher als Dieb ist“.
Zu Einwand 1: Das Ziel hat auch den Charakter eines Gegenstandes, wie oben dargelegt.
Zu Einwand 2: Obwohl es der äußeren Handlung akzidentell ist, auf irgendein besonderes Ziel hingeordnet zu werden, ist es nicht dem inneren Akt des Willens akzidentell, welcher Akt zur äußeren Handlung in Beziehung steht wie die Form zur Materie.
Zu Einwand 3: Wenn viele Handlungen, die sich in der Spezies unterscheiden, auf dasselbe Ziel hingeordnet werden, gibt es zwar eine Verschiedenheit der Spezies auf Seiten der äußeren Handlungen; aber Einheit der Spezies auf Seiten der inneren Handlung.