I-II, q. 18 a. 1
Ob jede menschliche Handlung gut ist oder ob es böse Handlungen gibt?
Quaestio 18 · Über die Güte und Bosheit der menschlichen Handlungen im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass jede menschliche Handlung gut ist und dass keine böse ist. Denn Dionysius sagt (De div. nom. 4), dass das Böse nur kraft des Guten wirkt. Aber kein Übel geschieht kraft des Guten. Also ist keine Handlung böse.
Einwand 2: Ferner wirkt nichts, außer insofern es in Akt ist. Nun ist ein Ding nicht böse, insofern es in Akt ist, sondern insofern seine Potenz des Aktes ermangelt; wohingegen es gut ist, insofern seine Potenz durch den Akt vervollkommnet wird, wie in Metaph. 9, 9 dargelegt wird. Daher wirkt nichts, insofern es böse ist, sondern nur, insofern es gut ist. Also ist jede Handlung gut, und keine ist böse.
Einwand 3: Ferner kann das Böse keine Ursache sein, außer akzidentell, wie Dionysius erklärt (De div. nom. 4). Aber jede Handlung hat eine ihr eigene Wirkung. Also ist keine Handlung böse, sondern jede Handlung ist gut.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagte (Joh 3,20): „Jeder, der Böses tut, hasst das Licht.“ Also sind einige Handlungen des Menschen böse.
Ich antworte darauf, dass man vom Guten und Bösen in den Handlungen ebenso sprechen muss wie vom Guten und Bösen in den Dingen: denn wie ein jedes Ding ist, so ist auch der Akt, den es hervorbringt. In den Dingen nun hat ein jedes so viel an Gutem, wie es an Sein hat: da das Gute und das Seiende austauschbar sind, wie im Ersten Teil, Frage 5, Artikel 1 und 3 dargelegt wurde. Gott allein aber besitzt die ganze Fülle seines Seins in einer gewissen Einheit: wohingegen jedes andere Ding seine ihm eigene Fülle des Seins in einer gewissen Vielheit besitzt. Daher geschieht es bei einigen Dingen, dass sie in gewisser Hinsicht Sein haben und ihnen doch die Fülle des Seins fehlt, die ihnen gebührt. So erfordert die Fülle des menschlichen Seins ein Kompositum aus Seele und Leib, das alle Kräfte und Werkzeuge der Erkenntnis und Bewegung besitzt: weshalb, wenn einem Menschen irgendetwas davon fehlt, ihm etwas mangelt, das zur Fülle seines Seins gehört. So viel er also an Sein hat, so viel hat er an Güte: insofern ihm aber Güte fehlt, wird er böse genannt: so besitzt ein blinder Mensch Güte, insofern er lebt; und Übel, insofern ihm das Augenlicht fehlt. Dasjenige jedoch, das nichts an Sein oder Güte hat, könnte weder böse noch gut genannt werden. Da aber eben diese Fülle des Seins zum Wesen des Guten gehört, wird ein Ding, wenn ihm die gebührende Fülle des Seins fehlt, nicht schlechthin gut genannt, sondern nur in gewisser Hinsicht, insofern es ein Seiendes ist; obwohl es schlechthin ein Seiendes genannt werden kann und ein Nicht-Seiendes in gewisser Hinsicht, wie im Ersten Teil, Frage 5, Artikel 1, zu 1 dargelegt wurde. Wir müssen daher sagen, dass jede Handlung Güte besitzt, insofern sie Sein hat; wohingegen ihr Güte fehlt, insofern ihr etwas fehlt, das zur Fülle ihres Seins gehört; und so wird sie böse genannt: zum Beispiel, wenn ihr die von der Vernunft bestimmte Quantität fehlt oder der gebührende Ort oder etwas dergleichen.
Zu Einwand 1: Das Böse wirkt kraft mangelhafter Güte. Denn gäbe es dort gar nichts Gutes, gäbe es weder Sein noch die Möglichkeit zu handeln. Andererseits, wenn das Gute nicht mangelhaft wäre, gäbe es kein Übel. Folglich ist die vollzogene Handlung ein mangelhaftes Gut, das in gewisser Hinsicht gut, aber schlechthin böse ist.
Zu Einwand 2: Nichts hindert ein Ding daran, in gewisser Hinsicht in Akt zu sein, so dass es handeln kann; und in gewisser Hinsicht im Akt mangelhaft zu sein, so dass es einen mangelhaften Akt verursacht. So hat ein blinder Mensch in Akt das Vermögen zu gehen, wodurch er gehen kann; aber insofern er des Augenlichts beraubt ist, erleidet er einen Mangel im Gehen, indem er stolpert, wenn er geht.
Zu Einwand 3: Eine böse Handlung kann eine eigene Wirkung haben, gemäß der Güte und dem Sein, das sie besitzt. So ist Ehebruch die Ursache menschlicher Zeugung, insofern er die Vereinigung von Mann und Frau impliziert, aber nicht insofern ihm die Ordnung der Vernunft fehlt.