I-II, q. 18 a. 4
Ob eine menschliche Handlung von ihrem Ziel her gut oder böse ist?
Quaestio 18 · Über die Güte und Bosheit der menschlichen Handlungen im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute und Böse in menschlichen Handlungen nicht vom Ziel herkommen. Denn Dionysius sagt (De div. nom. 4), dass „nichts im Hinblick auf das Böse handelt“. Wenn also eine Handlung von ihrem Ziel her gut oder böse wäre, wäre keine Handlung böse. Was offensichtlich falsch ist.
Einwand 2: Ferner ist die Güte einer Handlung etwas in der Handlung. Aber das Ziel ist eine äußere Ursache. Also wird eine Handlung nicht gemäß ihrem Ziel gut oder schlecht genannt.
Einwand 3: Ferner kann es geschehen, dass eine gute Handlung auf ein böses Ziel hingeordnet wird, wie wenn ein Mensch ein Almosen aus Ruhmsucht gibt; und umgekehrt kann es geschehen, dass eine böse Handlung auf ein gutes Ziel hingeordnet wird, wie ein Diebstahl, der begangen wird, um den Armen etwas zu geben. Also ist eine Handlung nicht gut oder böse von ihrem Ziel her.
Dagegen spricht, dass Boethius sagt (De Differ. Topic. 2): „Wenn das Ziel gut ist, ist das Ding gut, und wenn das Ziel böse ist, ist auch das Ding böse.“
Ich antworte darauf, dass die Disposition der Dinge hinsichtlich der Güte dieselbe ist wie ihre Disposition hinsichtlich des Seins. Nun hängt bei einigen Dingen das Sein nicht von einem anderen ab, und bei diesen genügt es, ihr Sein absolut zu betrachten. Aber es gibt Dinge, deren Sein von etwas anderem abhängt, und daher müssen wir in Bezug auf sie ihr Sein in seiner Beziehung zu der Ursache betrachten, von der es abhängt. Nun hängt so, wie das Sein eines Dinges vom Wirkenden und der Form abhängt, die Güte eines Dinges von seinem Ziel ab. Daher wird in den Göttlichen Personen, deren Güte nicht von einem anderen abhängt, das Maß der Güte nicht vom Ziel genommen. Wohingegen menschliche Handlungen und andere Dinge, deren Güte von etwas anderem abhängt, ein Maß an Güte von dem Ziel haben, von dem sie abhängen, neben jener Güte, die absolut in ihnen ist.
Demgemäß kann eine vierfache Güte in einer menschlichen Handlung betrachtet werden. Erstens jene, die sie als Handlung von ihrer Gattung herleitet; denn so viel sie an Handlung und Sein hat, so viel hat sie an Güte, wie oben dargelegt (Artikel 1). Zweitens hat sie Güte gemäß ihrer Spezies; die sich von ihrem angemessenen Gegenstand herleitet. Drittens hat sie Güte von ihren Umständen, gleichsam hinsichtlich ihrer Akzidenzien. Viertens hat sie Güte von ihrem Ziel, zu dem sie wie zur Ursache ihrer Güte in Beziehung steht.
Zu Einwand 1: Das Gute, im Hinblick auf welches man handelt, ist nicht immer ein wahres Gut; sondern manchmal ist es ein wahres Gut, manchmal ein scheinbares Gut. Und im letzteren Fall resultiert eine böse Handlung aus dem beabsichtigten Ziel.
Zu Einwand 2: Obwohl das Ziel eine äußere Ursache ist, sind dennoch das gebührende Verhältnis zum Ziel und die Beziehung zum Ziel der Handlung inhärent.
Zu Einwand 3: Nichts hindert eine Handlung, die auf eine der oben genannten Weisen gut ist, daran, der Güte auf eine andere Weise zu ermangeln. Und so kann es geschehen, dass eine Handlung, die in ihrer Spezies oder in ihren Umständen gut ist, auf ein böses Ziel hingeordnet wird oder umgekehrt. Jedoch ist eine Handlung nicht schlechthin gut, wenn sie nicht auf all diese Weisen gut ist: da „das Böse aus jedem einzelnen Defekt resultiert, das Gute aber aus der vollständigen Ursache“, wie Dionysius sagt (De div. nom. 4).