I-II, q. 18 a. 2
Ob sich das Gute oder Böse einer menschlichen Handlung von ihrem Gegenstand herleitet?
Quaestio 18 · Über die Güte und Bosheit der menschlichen Handlungen im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass sich das Gute oder Böse einer Handlung nicht von ihrem Gegenstand (Objekt) herleitet. Denn der Gegenstand jeder Handlung ist ein Ding. Aber „das Böse ist nicht in den Dingen, sondern im Gebrauch, den der Sünder von ihnen macht“, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. 3, 12). Also leitet sich das Gute oder Böse einer menschlichen Handlung nicht von ihrem Gegenstand her.
Einwand 2: Ferner verhält sich der Gegenstand zur Handlung wie ihre Materie. Aber die Güte eines Dinges kommt nicht von seiner Materie, sondern eher von der Form, die ein Akt ist. Also leitet sich Gut und Böse in Handlungen nicht von ihrem Gegenstand her.
Einwand 3: Ferner verhält sich der Gegenstand einer aktiven Kraft zur Handlung wie die Wirkung zur Ursache. Aber die Güte einer Ursache hängt nicht von ihrer Wirkung ab; eher ist es umgekehrt. Also leitet sich Gut oder Böse in Handlungen nicht von ihrem Gegenstand her.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Hosea 9,10): „Sie wurden abscheulich wie jene Dinge, die sie liebten.“ Nun wird der Mensch Gott gegenüber abscheulich aufgrund der Bosheit seiner Handlung. Also entspricht die Bosheit seiner Handlung den bösen Gegenständen, die der Mensch liebt. Und dasselbe gilt für die Güte seiner Handlung.
Ich antworte darauf, dass, wie oben (Artikel 1) dargelegt, das Gute oder Böse einer Handlung, wie auch anderer Dinge, von ihrer Fülle des Seins oder ihrem Mangel an dieser Fülle abhängt. Nun scheint das Erste, was zur Fülle des Seins gehört, dasjenige zu sein, was einem Ding seine Spezies (Art) gibt. Und so wie ein natürliches Ding seine Spezies von seiner Form hat, so hat eine Handlung ihre Spezies von ihrem Gegenstand, wie die Bewegung von ihrem Endpunkt (Terminus). Und deshalb, so wie die primäre Güte eines natürlichen Dinges von seiner Form herrührt, die ihm seine Spezies gibt, so rührt die primäre Güte einer moralischen Handlung von ihrem angemessenen Gegenstand her: daher nennen manche eine solche Handlung „gut ihrer Gattung nach“; zum Beispiel „Gebrauch machen von dem, was einem selbst gehört“. Und so wie in den natürlichen Dingen das primäre Übel darin besteht, wenn ein erzeugtes Ding seine spezifische Form nicht verwirklicht (zum Beispiel, wenn statt eines Menschen etwas anderes erzeugt wird); so ist das primäre Übel in moralischen Handlungen dasjenige, das vom Gegenstand herrührt, zum Beispiel „nehmen, was einem anderen gehört“. Und diese Handlung wird „böse ihrer Gattung nach“ genannt, wobei Gattung hier für Spezies steht, so wie wir den Begriff „Menschheit“ auf die ganze menschliche Spezies anwenden.
Zu Einwand 1: Obwohl äußere Dinge an sich gut sind, haben sie dennoch nicht immer ein gebührendes Verhältnis zu dieser oder jener Handlung. Und so haben sie, insofern sie als Gegenstände solcher Handlungen betrachtet werden, nicht die Qualität der Güte.
Zu Einwand 2: Der Gegenstand ist nicht die Materie, „aus der“ (ein Ding gemacht wird), sondern die Materie, „um die es geht“ (circa quam); und er steht in Beziehung zum Akt gleichsam als seine Form, indem er ihm seine Spezies gibt.
Zu Einwand 3: Der Gegenstand der menschlichen Handlung ist nicht immer der Gegenstand einer aktiven Kraft. Denn die begehrende Kraft ist in gewisser Weise passiv, insofern sie vom begehrenswerten Gegenstand bewegt wird; und doch ist sie ein Prinzip menschlicher Handlungen. Auch haben die Gegenstände der aktiven Kräfte nicht immer die Natur einer Wirkung, sondern nur, wenn sie bereits umgewandelt sind: so ist die Nahrung, wenn sie umgewandelt ist, die Wirkung der Ernährungskraft; wohingegen die Nahrung vor ihrer Umwandlung in Beziehung zur Ernährungskraft als die Materie steht, an der sie ihre Tätigkeit ausübt. Da nun der Gegenstand in gewisser Weise die Wirkung der aktiven Kraft ist, folgt daraus, dass er der Endpunkt ihrer Handlung ist und ihr folglich ihre Form und Spezies gibt, da die Bewegung ihre Spezies von ihrem Endpunkt herleitet. Überdies, obwohl die Güte einer Handlung nicht durch die Güte ihrer Wirkung verursacht wird, so wird eine Handlung doch gut genannt aufgrund der Tatsache, dass sie eine gute Wirkung hervorbringen kann. Folglich ist gerade das Verhältnis einer Handlung zu ihrer Wirkung das Maß ihrer Güte.