I-II, q. 18 a. 10
Ob ein Umstand eine moralische Handlung in die Spezies des Guten oder Bösen setzt?
Quaestio 18 · Über die Güte und Bosheit der menschlichen Handlungen im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass ein Umstand eine moralische Handlung nicht in die Spezies des Guten oder Bösen setzen kann. Denn die Spezies einer Handlung wird von ihrem Gegenstand genommen. Aber Umstände unterscheiden sich vom Gegenstand. Also geben Umstände einer Handlung nicht ihre Spezies.
Einwand 2: Ferner sind Umstände wie Akzidenzien in Relation zur moralischen Handlung, wie oben dargelegt (Frage 7, Artikel 1). Aber ein Akzidens konstituiert nicht die Spezies. Also konstituiert ein Umstand keine Spezies des Guten oder Bösen.
Einwand 3: Ferner ist ein Ding nicht in mehreren Spezies. Aber eine Handlung hat mehrere Umstände. Also setzt ein Umstand eine moralische Handlung nicht in eine Spezies des Guten oder Bösen.
Dagegen spricht, dass der Ort ein Umstand ist. Aber der Ort macht, dass eine moralische Handlung in einer gewissen Spezies des Bösen ist; denn der Diebstahl eines Dinges von einem heiligen Ort ist ein Sakrileg. Also macht ein Umstand eine moralische Handlung spezifisch gut oder schlecht.
Ich antworte darauf, dass, so wie die Spezies natürlicher Dinge durch ihre natürlichen Formen konstituiert werden, so die Spezies moralischer Handlungen durch Formen konstituiert werden, wie sie von der Vernunft konzipiert werden, wie aus dem ersichtlich ist, was oben gesagt wurde (Artikel 5). Da aber die Natur auf eines festgelegt ist, noch ein Prozess der Natur ins Unendliche gehen kann, muss es notwendigerweise irgendeine letzte Form geben, die einen spezifischen Unterschied gibt, nach dem kein weiterer spezifischer Unterschied möglich ist. Daher kommt es, dass in natürlichen Dingen das, was einem Ding akzidentell ist, nicht als ein Unterschied genommen werden kann, der die Spezies konstituiert. Aber der Prozess der Vernunft ist nicht auf einen besonderen Endpunkt fixiert, denn an jedem Punkt kann sie noch weiter fortschreiten. Und folglich kann das, was in einer Handlung als ein Umstand genommen wird, der dem Gegenstand hinzugefügt ist, der die Handlung spezifiziert, wiederum von der lenkenden Vernunft als die Hauptbedingung des Gegenstandes genommen werden, die die Spezies der Handlung bestimmt. So wird das Aneignen fremden Eigentums spezifiziert aufgrund dessen, dass das Eigentum „fremd“ ist, und in dieser Hinsicht wird es in die Spezies des Diebstahls gesetzt; und wenn wir jene Handlung auch in ihrem Bezug auf Ort oder Zeit betrachten, dann wird dies ein zusätzlicher Umstand sein. Da aber die Vernunft hinsichtlich Ort, Zeit und dergleichen lenken kann, kann es geschehen, dass die Bedingung hinsichtlich des Ortes in Relation zum Gegenstand als in Missklang mit der Vernunft stehend betrachtet wird: zum Beispiel verbietet die Vernunft, dass an einem heiligen Ort Schaden angerichtet wird. Folglich hat das Stehlen von einem heiligen Ort einen zusätzlichen Widerstreit zur Ordnung der Vernunft. Und so wird der Ort, der zuerst als ein Umstand betrachtet wurde, hier als die Hauptbedingung des Gegenstandes betrachtet und als selbst der Vernunft widerstreitend. Und auf diese Weise muss, wann immer ein Umstand eine spezielle Beziehung zur Vernunft hat, entweder dafür oder dagegen, er notwendigerweise die moralische Handlung spezifizieren, ob gut oder schlecht.
Zu Einwand 1: Ein Umstand wird, insofern er eine Handlung spezifiziert, als eine Bedingung des Gegenstandes betrachtet, wie oben dargelegt, und als sei er gleichsam ein spezifischer Unterschied desselben.
Zu Einwand 2: Ein Umstand, solange er nur ein Umstand ist, spezifiziert eine Handlung nicht, da er so ein bloßes Akzidens ist: aber wenn er eine Hauptbedingung des Gegenstandes wird, dann spezifiziert er die Handlung.
Zu Einwand 3: Nicht jeder Umstand setzt die moralische Handlung in die Spezies des Guten oder Bösen; da nicht jeder Umstand Übereinstimmung oder Missklang mit der Vernunft impliziert. Folglich, obwohl eine Handlung viele Umstände haben kann, folgt daraus nicht, dass sie in vielen Spezies ist. Dennoch gibt es keinen Grund, warum eine Handlung nicht in mehreren, sogar disparaten, moralischen Spezies sein sollte, wie oben gesagt (Artikel 7, zu 1; Frage 1, Artikel 3, zu 3).