I-II, q. 114 a. 8
Ob ein Mensch die Vermehrung der Gnade oder der Liebe verdienen kann?
Quaestio 114 · Vom Verdienst
Einwand 1: Es scheint, dass ein Mensch keine Vermehrung der Gnade oder der Liebe verdienen kann. Denn wenn jemand den Lohn empfängt, den er verdient hat, ist ihm kein anderer Lohn geschuldet; so wurde von einigen gesagt (Mt 6,2): „Sie haben ihren Lohn empfangen.“ Wenn also jemand die Vermehrung der Liebe oder der Gnade verdienen würde, folgte daraus, dass er, wenn seine Gnade vermehrt wurde, keinen weiteren Lohn erwarten könnte, was unpassend ist.
Einwand 2: Ferner wirkt nichts über seine Spezies hinaus. Aber das Prinzip des Verdienstes ist Gnade oder Liebe, wie oben gezeigt wurde (Artikel [2], 4). Deshalb kann niemand größere Gnade oder Liebe verdienen, als er hat.
Einwand 3: Ferner verdient ein Mensch das, was unter das Verdienst fällt, durch jeden Akt, der aus Gnade oder Liebe fließt, wie ein Mensch durch jeden solchen Akt das ewige Leben verdient. Wenn also die Vermehrung der Gnade oder der Liebe unter das Verdienst fällt, scheint es, dass ein Mensch durch jeden von der Liebe belebten Akt eine Vermehrung der Liebe verdienen würde. Aber was ein Mensch verdient, empfängt er unfehlbar von Gott, wenn er nicht durch nachfolgende Sünde gehindert wird; denn es steht geschrieben (2 Tim 1,12): „Ich weiß, wem ich geglaubt habe, und ich bin sicher, dass er mächtig ist, das mir anvertraute Gut zu bewahren.“ Daher würde folgen, dass Gnade oder Liebe durch jeden verdienstvollen Akt vermehrt wird; und dies scheint unmöglich, da verdienstvolle Akte zuweilen nicht sehr inbrünstig sind und nicht für die Vermehrung der Liebe ausreichen würden. Deshalb kommt die Vermehrung der Liebe nicht unter das Verdienst.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (super Ep. Joan.; cf. Ep. clxxxvi), dass „die Liebe Zuwachs verdient, und wenn sie gewachsen ist, verdient sie, vollendet zu werden.“ Daher fällt die Vermehrung der Gnade oder der Liebe unter das Verdienst.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Artikel [6], 7), alles, worauf sich die Bewegung der Gnade erstreckt, unter das Verdienst von Rechts wegen fällt. Nun erstreckt sich die Bewegung eines Bewegers nicht nur auf den letzten Endpunkt der Bewegung, sondern auf den ganzen Fortschritt der Bewegung. Aber der Endpunkt der Bewegung der Gnade ist das ewige Leben; und der Fortschritt in dieser Bewegung geschieht durch die Vermehrung der Liebe oder Gnade gemäß Spr 4,18: „Aber der Pfad der Gerechten ist wie ein glänzendes Licht, er geht voran und nimmt zu bis zum vollen Tag“, welcher der Tag der Herrlichkeit ist. Und so fällt die Vermehrung der Gnade unter das Verdienst von Rechts wegen.
Antwort auf Einwand 1: Lohn ist der Endpunkt des Verdienstes. Aber es gibt einen doppelten Endpunkt der Bewegung, nämlich den letzten und den mittleren, der sowohl Anfang als auch Endpunkt ist; und dieser Endpunkt ist der Lohn der Vermehrung. Nun ist der Lohn der menschlichen Gunst wie das letzte Ziel für jene, die ihr Ziel darin setzen; daher empfangen solche keinen anderen Lohn.
Antwort auf Einwand 2: Die Vermehrung der Gnade ist nicht über der Kraft (Virtualität) der präexistierenden Gnade, obwohl sie über ihrer Quantität ist, so wie ein Baum nicht über der Kraft des Samens ist, obwohl über seiner Quantität.
Antwort auf Einwand 3: Durch jeden verdienstvollen Akt verdient ein Mensch die Vermehrung der Gnade, gleichermaßen wie die Vollendung der Gnade, die das ewige Leben ist. Aber so wie das ewige Leben nicht sofort gegeben wird, sondern zu seiner Zeit, so wird auch die Gnade nicht sofort vermehrt, sondern zu ihrer Zeit, nämlich wenn ein Mensch für die Vermehrung der Gnade hinreichend disponiert ist.