I-II, q. 114 a. 2
Ob jemand ohne Gnade das ewige Leben verdienen kann?
Quaestio 114 · Vom Verdienst
Einwand 1: Es scheint, dass jemand ohne Gnade das ewige Leben verdienen kann. Denn der Mensch verdient von Gott das, worauf er göttlich hingeordnet ist, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Nun ist der Mensch seiner Natur nach auf die Seligkeit als sein Ziel hingeordnet; daher wünscht er auch von Natur aus, selig zu sein. Daher kann der Mensch durch seine natürlichen Gaben und ohne Gnade die Seligkeit verdienen, welche das ewige Leben ist.
Einwand 2: Ferner: Je weniger ein Werk geschuldet ist, desto verdienstvoller ist es. Nun ist jenes Werk weniger geschuldet, das von einem getan wird, der weniger Wohltaten empfangen hat. Da also derjenige, der nur natürliche Gaben besitzt, weniger Gaben von Gott empfangen hat als derjenige, der sowohl Gnadengaben als auch die Natur besitzt, scheint es, dass seine Werke bei Gott verdienstvoller sind. Und wenn also derjenige, der die Gnade hat, das ewige Leben in gewissem Maße verdienen kann, so kann dies viel mehr derjenige, der keine Gnade hat.
Einwand 3: Ferner übertreffen Gottes Barmherzigkeit und Freigebigkeit die menschliche Barmherzigkeit und Freigebigkeit unendlich. Nun kann ein Mensch von einem anderen etwas verdienen, auch wenn er bisher dessen Gunst nicht hatte. Viel mehr scheint es daher, dass ein Mensch ohne Gnade das ewige Leben verdienen kann.
Dagegen spricht, was der Apostel sagt (Röm 6,23): „Die Gnadengabe Gottes aber ist das ewige Leben.“
Ich antworte darauf, dass der Mensch ohne Gnade in zwei Zuständen betrachtet werden kann, wie oben gesagt wurde (Frage [109], Artikel [2]): erstens im Zustand der vollkommenen Natur, in dem Adam vor seiner Sünde war; zweitens im Zustand der verdorbenen Natur, in dem wir uns befinden, bevor wir durch die Gnade wiederhergestellt sind. Wenn wir also vom Menschen im ersten Zustand sprechen, gibt es nur einen Grund, warum der Mensch das ewige Leben ohne Gnade durch seine rein natürlichen Gaben nicht verdienen kann, nämlich weil das Verdienst des Menschen von der göttlichen Vorherbestimmung abhängt. Nun ist kein Akt irgendeines Dinges göttlich auf etwas geordnet, das das Maß der Kräfte übersteigt, die die Prinzipien seines Aktes sind; denn es ist ein Gesetz der göttlichen Vorsehung, dass nichts über seine Kräfte hinaus wirken soll. Nun ist das ewige Leben ein Gut, das das Maß der geschaffenen Natur übersteigt; da es deren Erkenntnis und Begehren übersteigt, gemäß 1 Kor 2,9: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist.“ Und daher kommt es, dass keine geschaffene Natur ein hinreichendes Prinzip für einen Akt ist, der das ewige Leben verdient, es sei denn, es wird eine übernatürliche Gabe hinzugefügt, die wir Gnade nennen. Wenn wir aber vom Menschen sprechen, wie er in der Sünde existiert, kommt zu diesem Grund ein zweiter hinzu, nämlich das Hindernis der Sünde. Denn da die Sünde eine Beleidigung Gottes ist, die uns vom ewigen Leben ausschließt, wie aus dem oben Gesagten klar ist (Frage [71], Artikel [6]; Frage [113], Artikel [2]), kann niemand, der sich im Zustand der Todsünde befindet, das ewige Leben verdienen, es sei denn, er wird zuerst mit Gott versöhnt, indem ihm seine Sünde vergeben wird, was durch die Gnade geschieht. Denn der Sünder verdient nicht das Leben, sondern den Tod, gemäß Röm 6,23: „Der Sold der Sünde ist der Tod.“
Antwort auf Einwand 1: Gott hat die menschliche Natur dazu geordnet, das Ziel des ewigen Lebens zu erreichen, nicht durch ihre eigene Kraft, sondern durch die Hilfe der Gnade; und auf diese Weise kann ihr Akt verdienstvoll für das ewige Leben sein.
Antwort auf Einwand 2: Ohne Gnade kann ein Mensch kein Werk haben, das einem aus der Gnade hervorgehenden Werk gleichkommt, da die Handlung umso vollkommener ist, je vollkommener das Prinzip ist. Der Einwand wäre jedoch gültig, wenn wir annähmen, die Wirkungen seien in beiden Fällen gleich.
Antwort auf Einwand 3: In Bezug auf den ersten angeführten Grund liegt der Fall bei Gott und beim Menschen unterschiedlich. Denn ein Mensch empfängt seine ganze Kraft zum Gut-Tun von Gott und nicht vom Menschen. Daher kann ein Mensch von Gott nichts verdienen außer durch dessen Gabe, was der Apostel treffend ausdrückt, indem er sagt (Röm 11,35): „Wer hat ihm zuerst gegeben, dass es ihm vergolten werde?“ Aber der Mensch kann vom Menschen verdienen, bevor er etwas von ihm empfangen hat, durch das, was er von Gott empfangen hat.
Was aber den zweiten Beweis betrifft, der vom Hindernis der Sünde ausgeht, so ist der Fall bei Mensch und Gott ähnlich, da ein Mensch von einem anderen, den er beleidigt hat, nichts verdienen kann, es sei denn, er leistet ihm Genugtuung und wird versöhnt.