I-II, q. 114 a. 1
Ob der Mensch von Gott etwas verdienen kann?
Quaestio 114 · Vom Verdienst
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch von Gott nichts verdienen kann. Denn niemand, so scheint es, erwirbt Verdienste dadurch, dass er einem anderen das Seine gibt. Durch all das Gute, das wir tun, können wir Gott aber keine ausreichende Gegenleistung erbringen, da ihm noch mehr geschuldet ist, wie auch der Philosoph sagt (Ethic. viii, 14). Daher steht geschrieben (Lk 17,10): „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sagt: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ Deshalb kann der Mensch von Gott nichts verdienen.
Einwand 2: Ferner scheint es, dass der Mensch von Gott nichts durch das verdient, was nur ihm selbst nützt und Gott nichts nützt. Indem der Mensch gut handelt, nützt er sich selbst oder einem anderen Menschen, aber nicht Gott; denn es steht geschrieben (Ijob 35,7): „Wenn du gerecht handelst, was gibst du ihm, oder was empfängt er aus deiner Hand?“ Daher kann der Mensch von Gott nichts verdienen.
Einwand 3: Ferner macht jeder, der etwas von einem anderen verdient, diesen zu seinem Schuldner; denn der Lohn des Menschen ist eine ihm geschuldete Pflicht. Gott aber ist niemandes Schuldner; daher steht geschrieben (Röm 11,35): „Wer hat ihm zuerst gegeben, dass es ihm vergolten werde?“ Daher kann niemand etwas von Gott verdienen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Jer 31,16): „Es gibt einen Lohn für deine Arbeit.“ Ein Lohn aber bedeutet etwas, das aufgrund von Verdienst gewährt wird. Daher scheint es, dass ein Mensch von Gott etwas verdienen kann.
Ich antworte darauf, dass Verdienst und Lohn sich auf dasselbe beziehen; denn Lohn bedeutet etwas, das jemandem als Gegenleistung für Arbeit oder Mühe gegeben wird, gleichsam als Preis dafür. Daher ist es, wie es ein Akt der Gerechtigkeit ist, für etwas, das man von einem anderen empfangen hat, einen gerechten Preis zu zahlen, ebenso ein Akt der Gerechtigkeit, eine Gegenleistung für Arbeit oder Mühe zu erbringen. Nun ist die Gerechtigkeit eine Art Gleichheit, wie aus dem Philosophen (Ethic. v, 3) hervorgeht, und daher besteht Gerechtigkeit schlechthin zwischen denen, die schlechthin gleich sind; wo aber keine absolute Gleichheit zwischen ihnen besteht, da gibt es auch keine absolute Gerechtigkeit, sondern es kann eine gewisse Art von Gerechtigkeit geben, wie wenn wir vom Recht eines Vaters oder eines Herrn sprechen (Ethic. v, 6), wie der Philosoph sagt. Und daher gibt es dort, wo Gerechtigkeit schlechthin besteht, auch den Charakter von Verdienst und Lohn schlechthin. Wo aber kein Recht schlechthin besteht, sondern nur ein relatives, da gibt es keinen Charakter von Verdienst schlechthin, sondern nur relativ, insofern sich dort der Charakter der Gerechtigkeit findet, da das Kind etwas vom Vater und der Sklave von seinem Herrn verdient.
Nun ist es klar, dass zwischen Gott und dem Menschen die größte Ungleichheit besteht: denn sie sind unendlich voneinander entfernt, und alles Gute des Menschen ist von Gott. Daher kann es zwischen Mensch und Gott keine Gerechtigkeit der absoluten Gleichheit geben, sondern nur eine einer gewissen Proportion, insofern beide nach ihrer eigenen Weise wirken. Nun ist die Art und das Maß der menschlichen Tugend im Menschen von Gott. Daher existiert das Verdienst des Menschen bei Gott nur unter der Voraussetzung der göttlichen Anordnung, so dass der Mensch von Gott als Lohn für sein Wirken das erhält, wozu Gott ihm die Kraft zum Wirken gegeben hat, so wie auch natürliche Dinge durch ihre eigenen Bewegungen und Wirkungen das erreichen, wozu sie von Gott geordnet wurden; freilich auf unterschiedliche Weise, da das vernunftbegabte Geschöpf sich durch seinen freien Willen selbst zum Handeln bewegt, weshalb seine Handlung den Charakter des Verdienstes hat, was bei anderen Geschöpfen nicht der Fall ist.
Antwort auf Einwand 1: Der Mensch erwirbt Verdienste, insofern er durch seinen freien Willen tut, was er soll; andernfalls wäre der Akt der Gerechtigkeit, durch den jemand eine Schuld begleicht, nicht verdienstvoll.
Antwort auf Einwand 2: Gott sucht von unseren Gütern keinen Nutzen, sondern Ehre, d.h. die Offenbarung seiner Güte; so wie er sie auch in seinen eigenen Werken sucht. Nun wächst ihm nichts zu, sondern nur uns selbst durch unsere Verehrung für ihn. Daher verdienen wir von Gott nicht, dass ihm durch unsere Werke etwas zuwächst, sondern insofern wir für seine Ehre arbeiten.
Antwort auf Einwand 3: Da unsere Handlung den Charakter des Verdienstes nur unter der Voraussetzung der göttlichen Anordnung hat, folgt daraus nicht, dass Gott schlechthin unser Schuldner wird, sondern seiner selbst, insofern es recht ist, dass sein Wille ausgeführt wird.