I-II, q. 113 a. 10
Ob die Rechtfertigung des Gottlosen ein Wunderwerk ist?
Quaestio 113 · Von den Wirkungen der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass die Rechtfertigung des Gottlosen ein Wunderwerk ist. Denn Wunderwerke sind größer als nicht-wunderbare. Nun ist die Rechtfertigung des Gottlosen größer als die anderen Wunderwerke, wie aus dem Zitat von Augustinus (Artikel [9]) klar ist. Daher ist die Rechtfertigung des Gottlosen ein Wunderwerk.
Einwand 2: Ferner ist die Bewegung des Willens in der Seele wie die natürliche Neigung in natürlichen Dingen. Aber wenn Gott in natürlichen Dingen gegen ihre Neigung ihrer Natur wirkt, ist es ein Wunderwerk, wie wenn Er den Blinden das Augenlicht gab oder die Toten auferweckte. Nun ist der Wille des Gottlosen auf das Böse gerichtet. Da also Gott, indem Er einen Menschen rechtfertigt, ihn zum Guten bewegt, scheint es, dass die Rechtfertigung des Gottlosen wunderbar ist.
Einwand 3: Ferner, wie die Weisheit eine Gabe Gottes ist, so ist es auch die Gerechtigkeit. Nun ist es wunderbar, dass jemand plötzlich Weisheit von Gott ohne Studium erlangt. Deshalb ist es wunderbar, dass der Gottlose von Gott gerechtfertigt wird.
Dagegen spricht, dass Wunderwerke über die natürliche Kraft hinausgehen. Nun geht die Rechtfertigung des Gottlosen nicht über die natürliche Kraft hinaus; denn Augustinus sagt (De Praed. Sanct. v), dass „fähig zu sein, Glauben zu haben, und fähig zu sein, Liebe zu haben, zur Natur des Menschen gehört; aber Glauben und Liebe zu haben, gehört zur Gnade der Gläubigen.“ Deshalb ist die Rechtfertigung des Gottlosen nicht wunderbar.
Ich antworte darauf, dass es bei Wunderwerken üblich ist, drei Dinge zu finden: Das erste ist auf Seiten der aktiven Kraft, weil sie nur durch göttliche Kraft vollbracht werden können; und sie sind schlechthin wunderbar, da ihre Ursache verborgen ist, wie oben dargelegt (FP, Quaestio [105], Artikel [7]). Und so ist sowohl die Rechtfertigung des Gottlosen als auch die Erschaffung der Welt und allgemein jedes Werk, das von Gott allein getan werden kann, wunderbar.
Zweitens wird bei gewissen Wunderwerken gefunden, dass die eingeführte Form über die natürliche Kraft solcher Materie hinausgeht, wie bei der Auferstehung der Toten das Leben über der natürlichen Kraft eines solchen Körpers ist. Und so ist die Rechtfertigung des Gottlosen nicht wunderbar, weil die Seele von Natur aus fähig zur Gnade ist; da sie, weil sie nach dem Bild Gottes gemacht wurde, geeignet ist, Gott durch Gnade zu empfangen, wie Augustinus im obigen Zitat sagt.
Drittens wird bei Wunderwerken etwas gefunden, das außerhalb der gewöhnlichen und üblichen Ordnung der Verursachung einer Wirkung liegt, wie wenn ein kranker Mensch plötzlich und jenseits des gewohnten Verlaufs der Heilung durch Natur oder Kunst vollkommene Gesundheit empfängt; und so ist die Rechtfertigung des Gottlosen manchmal wunderbar und manchmal nicht. Denn der allgemeine und gewohnte Verlauf der Rechtfertigung ist, dass Gott die Seele innerlich bewegt und dass der Mensch zu Gott bekehrt wird, zuerst durch eine unvollkommene Bekehrung, damit sie danach vollkommen werde; weil „die begonnene Liebe Zunahme verdient, und wenn sie zugenommen hat, Vollkommenheit verdient“, wie Augustinus sagt (In Epist. Joan. Tract. v). Doch bewegt Gott die Seele manchmal so heftig, dass sie die Vollkommenheit der Gerechtigkeit sofort erreicht, wie es bei der Bekehrung des Paulus stattfand, die gleichzeitig von einer wunderbaren äußeren Niederwerfung begleitet war. Daher wird der Bekehrung des Paulus in der Kirche als wunderbar gedacht.
Antwort auf Einwand 1: Gewisse Wunderwerke, obwohl sie geringer sind als die Rechtfertigung des Gottlosen, was das verursachte Gut betrifft, liegen jenseits der gewohnten Ordnung solcher Wirkungen, und so haben sie mehr von der Natur eines Wunders.
Antwort auf Einwand 2: Es ist kein Wunderwerk, wann immer ein natürliches Ding entgegen seiner Neigung bewegt wird, sonst wäre es wunderbar, wenn Wasser erhitzt wird oder wenn ein Stein nach oben geworfen wird; sondern nur wann immer dies jenseits der Ordnung der eigenen Ursache geschieht, die dies natürlicherweise tut. Nun kann keine andere Ursache außer Gott den Gottlosen rechtfertigen, so wie nichts außer Feuer Wasser erhitzen kann. Daher ist die Rechtfertigung des Gottlosen durch Gott in dieser Hinsicht nicht wunderbar.
Antwort auf Einwand 3: Ein Mensch erwirbt Weisheit und Wissen natürlicherweise von Gott durch sein eigenes Talent und Studium. Daher ist es wunderbar, wenn ein Mensch außerhalb dieser Ordnung weise oder gelehrt gemacht wird. Aber ein Mensch erwirbt rechtfertigende Gnade natürlicherweise nicht durch seine eigene Handlung, sondern durch Gottes. Daher gibt es keine Gleichheit.