I-II, q. 109 a. 9
Ob jemand, der die Gnade bereits erlangt hat, durch sich selbst und ohne weitere Hilfe der Gnade Gutes tun und Sünden vermeiden kann?
Quaestio 109 · Von der Notwendigkeit der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass jeder, der die Gnade bereits erlangt hat, durch sich selbst und ohne weitere Hilfe der Gnade Gutes tun und Sünden vermeiden kann. Denn ein Ding ist nutzlos oder unvollkommen, wenn es nicht erfüllt, wofür es gegeben wurde. Nun ist uns die Gnade gegeben, damit wir Gutes tun und uns von der Sünde fernhalten. Wenn also der Mensch mit der Gnade dies nicht tun kann, scheint es, dass die Gnade entweder nutzlos oder unvollkommen ist.
Einwand 2: Ferner wohnt durch die Gnade der Heilige Geist in uns, gemäß 1 Kor 3,16: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ Da nun der Geist Gottes allmächtig ist, genügt Er, um sicherzustellen, dass wir Gutes tun, und uns vor der Sünde zu bewahren. Daher kann ein Mensch, der die Gnade erlangt hat, die oben genannten zwei Dinge ohne irgendeinen weiteren Beistand der Gnade tun.
Einwand 3: Ferner, wenn ein Mensch, der die Gnade erlangt hat, weiterer Hilfe der Gnade bedarf, um gerecht zu leben und sich frei von Sünde zu halten, wird er mit gleichem Recht noch einer anderen Gnade bedürfen, selbst wenn er diese erste Hilfe der Gnade erlangt hat. Also müssen wir ins Unendliche gehen; was unmöglich ist. Daher bedarf jeder, der in der Gnade ist, keiner weiteren Hilfe der Gnade, um gerecht zu handeln und sich frei von Sünde zu halten.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Natura et Gratia xxvi), dass „wie das Auge des Leibes, auch wenn es ganz gesund ist, nicht sehen kann, wenn es nicht durch den Glanz des Lichts unterstützt wird, so auch ein Mensch, selbst wenn er höchst gerecht ist, nicht gerecht leben kann, wenn er nicht durch das ewige Licht der Gerechtigkeit unterstützt wird.“ Aber die Rechtfertigung geschieht durch Gnade, gemäß Röm 3,24: „Gerechtfertigt umsonst durch seine Gnade.“ Daher bedarf selbst ein Mensch, der bereits die Gnade besitzt, eines weiteren Beistands der Gnade, um gerecht zu leben.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt wurde (Artikel [5]), bedarf der Mensch, um gerecht zu leben, einer zweifachen Hilfe Gottes – erstens einer habituellen Gabe, wodurch die verdorbene menschliche Natur geheilt wird und, nachdem sie geheilt ist, emporgehoben wird, um Werke zu wirken, die verdienstlich für das ewige Leben sind, welche die Fähigkeit der Natur übersteigen. Zweitens bedarf der Mensch der Hilfe der Gnade, um von Gott bewegt zu werden, zu handeln.
Nun bedarf der Mensch im Hinblick auf die erste Art der Hilfe keiner weiteren Hilfe der Gnade, z.B. eines weiteren eingegossenen Habitus. Doch bedarf er der Hilfe der Gnade auf eine andere Weise, d.h. um von Gott bewegt zu werden, gerecht zu handeln, und dies aus zwei Gründen: erstens aus dem allgemeinen Grund, dass kein geschaffenes Ding irgendeinen Akt hervorbringen kann, außer kraft der göttlichen Bewegung. Zweitens aus diesem besonderen Grund – dem Zustand der menschlichen Natur. Denn obwohl sie hinsichtlich des Geistes durch die Gnade geheilt ist, bleibt sie doch im Fleisch verdorben und vergiftet, wodurch sie „dem Gesetz der Sünde“ dient, Röm 7,25. Auch im Intellekt scheint die Dunkelheit der Unwissenheit zu sein, wodurch, wie geschrieben steht (Röm 8,26): „Wir wissen nicht, um was wir beten sollen, wie es sich gebührt“; da wir aufgrund der verschiedenen Wendungen der Umstände und weil wir uns selbst nicht vollkommen kennen, nicht vollständig wissen können, was zu unserem Besten ist, gemäß Weish 9,14: „Denn die Gedanken der sterblichen Menschen sind ängstlich und unsere Überlegungen unsicher.“ Daher müssen wir von Gott geführt und behütet werden, der alle Dinge weiß und vermag. Aus welchem Grund es sich auch für jene ziemt, die als Söhne Gottes wiedergeboren sind, zu sagen: „Führe uns nicht in Versuchung“ und „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“, und was sonst noch im Gebet des Herrn enthalten ist, das hierzu gehört.
Antwort auf Einwand 1: Die Gabe der habituellen Gnade wird uns nicht deshalb gegeben, damit wir des göttlichen Beistands nicht mehr bedürfen; denn jedes Geschöpf bedarf der Bewahrung in dem von Ihm empfangenen Guten. Wenn daher der Mensch, nachdem er die Gnade empfangen hat, immer noch des göttlichen Beistands bedarf, kann nicht gefolgert werden, dass die Gnade zwecklos gegeben wird oder dass sie unvollkommen ist, da der Mensch des göttlichen Beistands sogar im Zustand der Herrlichkeit bedürfen wird, wenn die Gnade vollkommen vollendet sein wird. Aber hier ist die Gnade in gewissem Maße unvollkommen, insofern sie den Menschen nicht vollständig heilt, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Die Operation des Heiligen Geistes, der bewegt und beschützt, ist nicht durch die Wirkung der habituellen Gnade begrenzt, die er in uns verursacht; sondern über diese Wirkung hinaus bewegt und beschützt Er uns zusammen mit dem Vater und dem Sohn.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument beweist lediglich, dass der Mensch keiner weiteren habituellen Gnade bedarf.