I-II, q. 109 a. 2
Ob der Mensch ohne Gnade etwas Gutes wollen oder tun kann?
Quaestio 109 · Von der Notwendigkeit der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch ohne Gnade Gutes wollen und tun kann. Denn das steht in der Macht des Menschen, worüber er Herr ist. Nun ist der Mensch Herr seiner Handlungen und besonders seines Wollens, wie oben gesagt wurde (Quaestio [1], Artikel [1]; Quaestio [13], Artikel [6]). Daher kann der Mensch aus sich selbst ohne die Hilfe der Gnade Gutes wollen und tun.
Einwand 2: Ferner hat der Mensch mehr Macht über das, was seiner Natur entspricht, als über das, was über seine Natur hinausgeht. Nun ist die Sünde gegen seine Natur, wie Damascenus sagt (De Fide Orth. ii, 30); wohingegen Tugendwerke seiner Natur entsprechen, wie oben gesagt wurde (Quaestio [71], Artikel [1]). Da also der Mensch aus sich selbst sündigen kann, kann er Gutes wollen und tun.
Einwand 3: Ferner ist das Gut des Verstandes die Wahrheit, wie der Philosoph sagt (Ethic. vi, 2). Nun kann der Intellekt aus sich selbst die Wahrheit erkennen, so wie jedes andere Ding seine eigene Operation aus sich selbst wirken kann. Daher kann der Mensch viel mehr aus sich selbst Gutes tun und wollen.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Röm 9,16): „So liegt es nun nicht an dem, der will“, nämlich zu wollen, „noch an dem, der läuft“, nämlich zu laufen, „sondern an Gott, der sich erbarmt.“ Und Augustinus sagt (De Corrept. et Gratia ii), dass „ohne Gnade die Menschen nichts Gutes tun, wenn sie entweder denken oder wollen oder lieben oder handeln.“
Ich antworte darauf, Die Natur des Menschen kann auf zweifache Weise betrachtet werden: erstens in ihrer Unversehrtheit, wie sie in unserem Stammvater vor der Sünde war; zweitens, wie sie in uns nach der Sünde unseres Stammvaters verdorben ist. Nun bedarf die menschliche Natur in beiden Zuständen der Hilfe Gottes als Erster Beweger, um irgendein Gut zu tun oder zu wollen, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Aber im Zustand der Unversehrtheit konnte der Mensch hinsichtlich der Hinlänglichkeit der operativen Kraft durch seine natürlichen Anlagen das seiner Natur angemessene Gute wollen und tun, wie das Gut der erworbenen Tugend; aber nicht das übersteigende Gute, wie das Gut der eingegossenen Tugend. Aber im Zustand der verdorbenen Natur bleibt der Mensch hinter dem zurück, was er durch seine Natur tun könnte, sodass er unfähig ist, es durch seine eigenen natürlichen Kräfte zu erfüllen. Doch weil die menschliche Natur durch die Sünde nicht gänzlich verdorben ist, sodass sie jedes natürlichen Gutes beraubt wäre, kann sie selbst im Zustand der verdorbenen Natur kraft ihrer natürlichen Anlagen ein gewisses partikulares Gut wirken, wie Wohnungen bauen, Weinberge pflanzen und dergleichen; doch kann sie nicht alles ihr natürliche Gute tun, sodass es ihr an nichts mangelte; so wie ein kranker Mensch aus sich selbst einige Bewegungen machen kann, doch nicht vollkommen mit den Bewegungen eines Gesunden bewegt werden kann, es sei denn, er werde durch die Hilfe von Medizin geheilt.
Und so bedarf der Mensch im Zustand der vollkommenen Natur einer der natürlichen Kraft hinzugefügten unverdienten Kraft aus einem Grund, nämlich um übernatürliches Gutes zu tun und zu wollen; aber aus zwei Gründen im Zustand der verdorbenen Natur, nämlich um geheilt zu werden und darüber hinaus, um Werke der übernatürlichen Tugend zu vollbringen, die verdienstlich sind. Darüber hinaus bedarf der Mensch in beiden Zuständen der göttlichen Hilfe, damit er bewegt werde, gut zu handeln.
Antwort auf Einwand 1: Der Mensch ist Herr seiner Handlungen und seines Wollens oder Nichtwollens aufgrund seiner überlegenden Vernunft, die sich auf die eine oder andere Seite neigen kann. Und obwohl er Herr seines Überlegens oder Nichtüberlegens ist, so kann dies doch nur durch eine vorhergehende Überlegung geschehen; und da dies nicht ins Unendliche gehen kann, müssen wir schließlich dazu kommen, dass der freie Wille des Menschen von einem äußeren Prinzip bewegt wird, das über dem menschlichen Geist steht, nämlich von Gott, wie der Philosoph im Kapitel „Über das Glück“ (Ethic. Eudem. vii) beweist. Daher ist der noch ungeschwächte Geist des Menschen nicht so sehr Herr seines Aktes, dass er nicht von Gott bewegt werden müsste; und viel mehr der durch die Sünde geschwächte freie Wille des Menschen, wodurch er durch die Verderbnis der Natur am Guten gehindert wird.
Antwort auf Einwand 2: Zu sündigen ist nichts anderes, als in dem Guten zu versagen, das einem Wesen gemäß seiner Natur zukommt. Nun bedarf jedes geschaffene Ding, da es sein Sein von einem anderen hat und in sich selbst betrachtet nichts ist, der Bewahrung durch einen anderen in dem Guten, das zu seiner Natur gehört. Denn es kann aus sich selbst im Guten versagen, so wie es aus sich selbst ins Nichtsein fallen kann, wenn es nicht von Gott erhalten wird.
Antwort auf Einwand 3: Der Mensch kann nicht einmal die Wahrheit ohne göttliche Hilfe erkennen, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]). Und doch ist die menschliche Natur durch die Sünde mehr verdorben im Hinblick auf das Begehren nach dem Guten als im Hinblick auf die Erkenntnis der Wahrheit.