I-II, q. 109 a. 3
Ob der Mensch aus seinen eigenen natürlichen Kräften und ohne Gnade Gott über alles lieben kann?
Quaestio 109 · Von der Notwendigkeit der Gnade
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch ohne Gnade Gott nicht aus seinen eigenen natürlichen Kräften über alles lieben kann. Denn Gott über alles zu lieben ist der eigentliche und vornehmste Akt der Liebe (Caritas). Nun kann der Mensch die Caritas nicht aus sich selbst besitzen, da die „Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“, wie es in Röm 5,5 heißt. Also kann der Mensch durch seine natürlichen Kräfte allein Gott nicht über alles lieben.
Einwand 2: Ferner kann sich keine Natur über sich selbst erheben. Aber Gott über alles zu lieben heißt, über sich selbst hinauszustreben. Also kann ohne die Hilfe der Gnade keine geschaffene Natur Gott über sich selbst lieben.
Einwand 3: Ferner gebührt Gott, der das höchste Gut ist, die beste Liebe, welche darin besteht, dass Er über alles geliebt wird. Nun ist der Mensch ohne Gnade nicht fähig, Gott die beste Liebe zu geben, die Ihm gebührt; andernfalls wäre es nutzlos, die Gnade hinzuzufügen. Daher kann der Mensch ohne Gnade und mit seinen natürlichen Kräften allein Gott nicht über alles lieben.
Dagegen spricht, Wie einige behaupten, wurde der Mensch zuerst nur mit natürlichen Anlagen erschaffen; und in diesem Zustand ist es offensichtlich, dass er Gott in gewissem Maße liebte. Aber er liebte Gott nicht gleichermaßen wie sich selbst oder weniger als sich selbst, sonst hätte er gesündigt. Also liebte er Gott über sich selbst. Also kann der Mensch durch seine natürlichen Kräfte allein Gott mehr als sich selbst und über alles lieben.
Ich antworte darauf, Wie oben gesagt wurde (FP, Quaestio [60], Artikel [5]), wo die verschiedenen Meinungen bezüglich der natürlichen Liebe der Engel dargelegt wurden, konnte der Mensch im Zustand der vollkommenen Natur durch seine natürliche Kraft das ihm natürliche Gute tun ohne Hinzufügung irgendeiner Gnadengabe, jedoch nicht ohne die Hilfe Gottes, der ihn bewegt. Nun ist es dem Menschen und jeder Natur, nicht nur der vernünftigen, sondern auch der unvernünftigen, und sogar der unbelebten Natur gemäß der Art der Liebe, die jedem Geschöpf zukommen kann, natürlich, Gott über alles zu lieben. Und der Grund dafür ist, dass es allen natürlich ist, Dinge zu suchen und zu lieben, insofern sie von Natur aus geeignet sind (gesucht und geliebt zu werden), da „alle Dinge so handeln, wie sie von Natur aus geeignet sind“, wie in Phys. ii, 8 gesagt wird. Nun ist es offensichtlich, dass das Gut des Teiles für das Gut des Ganzen ist; daher liebt alles durch sein natürliches Begehren und seine Liebe sein eigenes Gut um des Gemeinwohls des ganzen Universums willen, welches Gott ist. Daher sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass „Gott alles zur Liebe seiner selbst führt.“ Daher bezog der Mensch im Zustand der vollkommenen Natur die Liebe zu sich selbst und zu allen anderen Dingen auf die Liebe zu Gott als zu ihrem Ziel; und so liebte er Gott mehr als sich selbst und über alles. Aber im Zustand der verdorbenen Natur bleibt der Mensch im Begehren seines vernünftigen Willens dahinter zurück, welcher, wenn er nicht durch Gottes Gnade geheilt wird, seinem privaten Gut folgt, aufgrund der Verderbnis der Natur. Und daher müssen wir sagen, dass der Mensch im Zustand der vollkommenen Natur der Gabe der Gnade, die seinen natürlichen Anlagen hinzugefügt wird, nicht bedurfte, um Gott natürlicherweise über alles zu lieben, obwohl er der Hilfe Gottes bedurfte, um ihn dazu zu bewegen; aber im Zustand der verdorbenen Natur bedarf der Mensch selbst hierfür der Hilfe der Gnade, um seine Natur zu heilen.
Antwort auf Einwand 1: Die Caritas liebt Gott auf eine höhere Weise über alles, als die Natur es tut. Denn die Natur liebt Gott über alles, insofern Er der Anfang und das Ende des natürlichen Guten ist; wohingegen die Caritas Ihn liebt, wie Er der Gegenstand der Seligkeit ist, und insofern der Mensch eine geistliche Gemeinschaft mit Gott hat. Überdies fügt die Caritas der natürlichen Liebe zu Gott eine gewisse Schnelligkeit und Freude hinzu, in derselben Weise, wie jeder Tugendhabitus dem guten Akt etwas hinzufügt, der bloß durch die natürliche Vernunft eines Menschen getan wird, der den Tugendhabitus nicht hat.
Antwort auf Einwand 2: Wenn gesagt wird, dass die Natur sich nicht über sich selbst erheben kann, dürfen wir dies nicht so verstehen, als ob sie nicht zu irgendeinem Gegenstand über ihr gezogen werden könnte, denn es ist klar, dass unser Intellekt durch seine natürliche Erkenntnis Dinge über sich erkennen kann, wie in unserer natürlichen Gotteserkenntnis gezeigt wird. Sondern wir müssen verstehen, dass die Natur sich nicht zu einem Akt erheben kann, der das Maß ihrer Kraft übersteigt. Nun ist Gott über alles zu lieben kein solcher Akt; denn es ist jedem Geschöpf natürlich, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Liebe wird als die beste bezeichnet, sowohl in Bezug auf den Grad der Liebe als auch im Hinblick auf das Motiv des Liebens und die Art der Liebe. Und so ist der höchste Grad der Liebe jener, wodurch die Caritas Gott als den Geber der Seligkeit liebt, wie oben gesagt wurde.