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Maria ist aus berühmtem und heiligem Geschlecht, weil ihre Eltern sich durch Tugend und den Adel ihres Stammes auszeichneten.
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Maria ist aus berühmtem und heiligem Geschlecht, weil ihre Eltern sich durch Tugend und den Adel ihres Stammes auszeichneten. Joachim war aus dem Stamme Juda, Anna aus dem Stamme Levi; sie war die Tochter des Issachar oder eines gewissen Matthan. Durch ein offenbares Wunder erhielt sie in ihrem hohen Alter und nach langjähriger Unfruchtbarkeit eine unvergleichliche Tochter. Sowohl Nicephorus der Geschichtsschreiber, als auch der heilige Germanus, Patriarch von Konstantinopel, und Johannes Damascenus berichten, Maria sei die Frucht der Verheißung Gottes an ihre Eltern, weil Anna bisher unfruchtbar gewesen, wie auch Anna, die Frau des Helkana unfruchtbar war und durch Gottes Gnade Samuel empfing und gebar.

Nicephorus und Germanus haben nicht etwa aus apokryphen Büchern ihre Angaben geschöpft, sondern aus der Überlieferung, teils mündlicher, teils schriftlicher, um uns eine wahrheitsgetreue Geschichte der Jungfrau zu bieten. Denn nach dem Zeugnis des Epiphanius hatten einige sie gefälscht. Wie nun Anna, die Frau des Helkana, alle aufforderte, sich mit ihr zu freuen über das Ende ihrer Unfruchtbarkeit, so kann auch Anna, die Mutter Mariä, sagen: Beglückwünscht mich alle, ihr Auserwählten Israels, denn siehe, der Herr selbst hat mir zum Troste aller Sterblichen, zur Freude und zum Heile unserer Seelen den lebendigen Palast seiner Majestät und Herrlichkeit geschenkt.
Wann feierten jemals Eltern die Geburt einer solchen Tochter? Wie beglückwünschen Nachbarn, Verwandte und Freunde, liebe und fromme, aber bisher unfruchtbare Eltern am Geburtstag eines Kindes, das sie bekamen! Um wie viel mehr Joachim und Anna, denen Gott gegen alle Erwartung und Hoffnung das schönste und lieblichste Töchterchen schenkte. Ich glaube, was der Herr der heiligen Brigitta offenbarte, daß selbst die Engel im Himmel eine ganz außerordentliche Freude hatten, als sie vor Begründung der Welt, vom Heiligen Geist erleuchtet, die künftige Geburt Marias erkannten, ebenso Adam und Eva, alle Patriarchen, alle Gläubigen des Alten Bundes, die im Heiligen Geiste die Mutter des Messias voraussahen. Gewiß sehnten sie sich innigst nach ihr, da sie wußten, daß sie durch ihre einzige Geburt mehr als alle andern Mütter mit allen ihren Kindern der ganzen Welt nützen werde. Und als dann Maria wirklich geboren wurde, hatten Gott und die Engel eine neue Freude, menschlich gesprochen.
Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Geburt Marias und Johannes des Täufers: beide sind durch ein Wunder empfangen und geboren, weil hervorgegangen aus Eltern, die lange Zeit unfruchtbar gewesen; beide wurden vom Engel den Eltern verkündet, beide vor der Geburt im Mutterschoß geheiligt, beide durch einen ganz einzigartigen Ratschluß der göttlichen Vorsehung zu einem hohen Amt und zum Heile der ganzen Menschheit bestimmt, beide sind die Frucht beständigen Gebetes der Eltern. In beiden leuchtet Gottes Güte und Gnade, in Maria aber um so viel mehr, als es wichtiger war, daß der Messias von seiner Mutter geboren werde als sein Diener.
Maria wurde am 8. Dezember empfangen und am 8. September geboren. Ihre Geburt fällt in das Jahr 738 seit Erbauung Roms, und das 22. Jahr der Regierung des Kaisers Augustus, in die 64. Jahreswoche des Daniel und in das 14. Jahr der Regierung des Königs Herodes. Er war ein Idumäer, der das Königtum dem Stamme Juda mit Gewalt und Verbrechen nahm und sich aneignete; er war der erste auswärtige König der Juden, die Zeit war gekommen, wo die Prophetie des Patriarchen Jakob sich erfüllte: »Das Zepter wird nicht von Juda weichen und der Fürst nicht von seinen Lenden, bis da kommt, der da kommen soll und er wird sein die Erwartung der Heidenvölker« (Gen. 49, 10).
Der verblendete König Herodes suchte in seiner Wut alle Nachkommen Davids auszurotten, damit der Messias nicht daraus hervorgehen und niemand ihm die Herrschaft streitig machen könne. So wollte er den Plan Gottes zunichte machen. Da werden die aus dem Stamme Davids noch übrig gebliebenen Nachkommen, Joachim und Anna, von Gott auserwählt, daß sie die Mutter des Messias zur Welt bringen gegen den Willen des Herodes, und zu einer Zeit, wo das ganze Judenvolk in Verzweiflung war, weil Herodes es so peinigte und der Teufel Gottes Ratschluß vereiteln wollte.
Seit Erschaffung der Welt war es das Jahr 3947. Die Geburtsdaten Mariä und des Heilandes liegen also etwa 15 oder 16 Jahre auseinander. Aber beide sind geboren unter demselben römischen Kaiser und demselben jüdischen König, also unter demselben Weltherrscher und demselben Beherrscher des Judenlandes, nur zu verschiedenen Monaten und Tagen, Christus am 25. Dezember, Maria am 8. September.
Die Juden beginnen aber das bürgerliche Jahr mit dem Neumond im September, und das kirchliche mit der Tag- und Nachtgleiche im März; sie glauben auch, daß die Welt im Monat September erschaffen worden sei, ebenso Eva, die durch ihre Schönheit und die außerordentliche Anmut ihres Leibes das Auge Adams auf höchste ergötzte. Deswegen hat Gott es gefügt, daß auch Maria im September geboren wurde.
Denn sie ist die zweite Eva, die von Gott dem Schöpfer mit solcher Schönheit geschmückt wurde, daß er wohl niemand auf Erden mit größerem Wohlgefallen anblickte als sie, weil er in niemand – Christus ausgenommen – so viel Gnade, Gerechtigkeit, Wahrheit, Schönheit und Anmut erblickte als in ihr. Heute erschien auf Erden jener Garten aller Lust, d. h. aller geistigen Genüsse, geziert mit allen Blumen der Gnaden und Tugenden, gepflanzt von der Hand der göttlichen Weisheit, in dessen Mitte der Baum des Lebens stehen sollte, um allen Sterblichen durch Gottes unendliche Güte die Frucht des ewigen Heiles zu spenden. Jetzt sah man zum erstenmal die reine und auserwählte Wohnung, die der himmlische Vater mit den herrlichsten Edelsteinen aller Tugenden schmückte, damit sein Sohn, wenn er in die Welt kommt, darin liegen, ruhen und eine seiner würdige Stätte finde. Da sieh die wahre goldene Urne, die das allerheiligste Manna nicht bloß aufbewahren, sondern auch der ganzen Welt reichen soll, um es mit voller, ganzer Wonne zu genießen.
Damit wir nun dies alles, alle diese Wunder mit Muße und Ruhe erwägen können und Gott dafür danken, hat die Kirche den jährlichen Gedächtnistag der Geburt Mariä eingesetzt, deswegen singt die Kirche an diesem Tage: »Nativitas tua, Dei genitrix virgo, gaudium annuntiavit universo mundo«; deine Geburt, o Jungfrau und Gottesgebärerin, hat der ganzen Welt Freude verkündet. Auch bei den Griechen ist dieser Gesang im Gebrauch. Dasselbe besagt die feierliche Aufforderung: »Nativitatem hodiernam perpetuae Virginis Mariae, Dei genitricis solemniter celebremus«: laßt uns feierlich begehen die heutige Geburt der Gottesgebärerin, der immerwährenden Jungfrau Maria.
Schon die Geburt des Johannes, der nur ein Vorläufer und Herold Christi war, begehen wir öffentlich und feierlich und glauben, daß die Worte des Engels: »Multi in nativitate eius gaudebunt«: viele werden sich bei seiner Geburt freuen, auch uns gelten. Warum sollen wir dann nicht immer eine neue Freude empfinden, wenn die Zeit wiederkehrt, wo nicht nur die Mutter Christi, sondern auch unsere Mutter zum erstenmal erschien und mit ihrer Ankunft auch das Evangelium brachte, d. h. die frohe Botschaft, daß nun endlich die Welt nach so langer Finsternis aufatmen könne wie niemals vorher. Oder muß man nicht annehmen, daß nach langer, stockfinsterer Nacht die Sonne in ihrem ganzen Glanz aufgehen werde, wenn man die rosige und schöne Morgenröte aufgehen sieht?
Warum soll man da nicht mit Recht sagen: »Wer ist jene, die da heraufkommt wie die aufgehende Morgenröte, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne« (Hoh. L. 6, 9). Diese Morgenröte ist Maria, denn das Licht verscheucht die Finsternis, das Licht hat aber Maria gebracht. Die aufgehende Morgenröte ist das Ende der Nacht, der Beginn des Tages; Maria ist aber das Ende der Verdammnis und der Beginn und Ursprung des Heiles. Sie erscheint auch schön wie der Vollmond, da sie wegen ihres Kindes, das sie im Schoße hat, vollkommen schön erscheint. Auch auserwählt ist sie wie die Sonne, weil sie durch Gottes besondere Vorsehung durch ihre Weisheit mehr als alle andern in dieser Welt leuchtet und durch ihre Liebe auch erwärmt. Deshalb hat das Konzil von Lyon und Papst Gregor IX. dieses Fest bestätigt; aber schon zur Zeit des heiligen Johannes Damascenus war dieser Tag ein großer Festtag und er hat an diesem Tag Predigten auf Marias Geburt gehalten, ja schon im 6. Jahrhundert war dieser Tag ein gebotener Festtag.
Wer sollte nicht Marias Geburtstag mit Ehrfurcht feiern, da er das Vorspiel ist aller Geheimnisse Gottes, die kurze Zusammenfassung aller Bündnisse Gottes mit den Menschen, die Erfüllung aller göttlichen Verheißungen, die Eröffnung und das Endziel aller Geheimnisse, die Heimsuchung des ganzen Menschengeschlechtes, wie Johannes Damascenus sagt. Wenn man erwägt, an was dieser Tag uns erinnert, dann wird man gewiß nicht ohne Nutzen ihn feiern.
Dieser Tag erinnert uns an die alten Verheißungen Gottes über den Messias und seine Mutter, die er uns, getreu seinen Versprechungen, zu erfüllen sich anschickt. Dieser Tag lehrt, worin der wahre, liebenswürdige und gute Adel besteht, der Maria anderen so liebwert macht. Er erinnert alle Ehegatten und Eltern an ihre Pflichten, indem er ihnen Joachim und Anna als Beispiele solider Tugend vor Augen stellt, die in ihrer Ehe als herrlichste Frucht derselben und als größten Lohn ihrer ausdauernden Frömmigkeit Maria bekommen haben.
Marias Geburt erinnert uns an die leidensvolle und verderbte Geburt der Menschen, die als unglückliche Kinder Evas ihr Leben mit Weinen und Wimmern beginnen. Es ermahnt die Eltern, ihre Kinder, besonders die Mädchen, gut zu erziehen. Er erinnert uns an die Kindheit Mariä, an ihr Leben, ihre reinsten Sitten als Kind. An Mariä Geburt sollen wir nicht bloß an die Geburt der Jungfrau in der Zeit, aus dem Schoße ihrer Mutter denken, die gewiß sehr glorreich war, sondern an die hohe und fast unbegreifliche Auserwählung und Vorherbestimmung, durch die sie im Geiste Gottes von Ewigkeit her vor allen Heiligen von ihm auserwählt, geliebt, geschmückt war, erfüllt mit allen Tugenden und Gnaden, so daß sie in Wahrheit mit der Braut sagen konnte: »Dominus possedit me in initio viarum suarum«: Der Herr besaß mich am Anfang seiner Wege, bevor er am Beginn der Zeit etwas erschuf. Von Ewigkeit her bin ich vorausbestimmt, schon von altersher, bevor die Welt wurde (Sprichw. 8, 22–23).
Denn obwohl Christus, die höchste und ewige Weisheit es ist, von dem die angeführten Worte in erster Linie und vorzüglich gelten, so hindert doch nichts, sie in zweiter Linie auf seine Mutter anzuwenden. Oft kommt es in der Heiligen Schrift vor, daß ihre Worte in einem andern Sinn angewendet werden können, besonders Stellen im Buche der Sprichwörter oder im Ecclesiasticus. Einiges wird dort gesagt von der göttlichen Natur Christi, anderes von seiner menschlichen Natur; die Worte der letzteren Art kann man auch auf Maria, seine Mutter, anwenden, weil der Sohn Gottes, die Weisheit des Vaters, aus ihr Fleisch annahm, um das Heil der Menschen zu bewirken.
Der heilige Epiphanius erklärt die Worte im Buche der Sprichwörter (9, 1): »Die Weisheit selbst hat sich ein Haus gebaut« so: »Hier spricht die göttliche Person Christi, die in seiner Menschheit gegenwärtig ist und sagt von dieser seiner Menschheit: der Herr hat mich erschaffen, d. h. mich gebaut im Schoße Mariens, den Anfang seiner Wege zu seinen Werken (Sprichw. 8, 22). Der Anfang der Wege Christi nämlich bei seiner Herabkunft in diese Welt war der Leib Mariä, der in das Werk der Gerechtigkeit und des Heiles mit aufgenommen war.«
So dachte auch der heilige Basilius der Große und sagt: »Hier ist die Rede von dem, der dem Fleische nach aus Maria hervorging.«
Die Geburt Mariä war also um so glorreicher, als sie nach dem Plane des Allerhöchsten und der wunderbaren Vorherbestimmung des ewigen Wortes zum allerhöchsten und allerwürdigsten Amt berufen war und den höchsten Grad der Gnade und Glorie im Himmel und auf Erden vor allen andern Heiligen erlangen sollte. Aber Maria war nicht zufrieden mit dieser zuvorkommenden Gnade und unverdienten Berufung Gottes, sondern war von Geburt an aufs eifrigste bestrebt, alle ihre Sinne, alle Kräfte ihres Leibes und ihrer Seele dazu zu gebrauchen, um jeden Wink Gottes zu befolgen, um mit gutem Gewissen sagen zu können: »Die Gnade Gottes war in mir nicht umsonst, sondern sie blieb immer in mir«, »Wir sind Helfer Gottes, Gottes Mitarbeiter« (1. Kor. 15, 10; 13, 9). Bei uns ermattet und erkaltet oft dieses Streben, die Gnade Gottes zu bewahren und zu vermehren. In diesem Mädchen aber ließ dieser Fleiß niemals nach, im Gegenteil, er wurde alle Tage größer, so daß es nicht bloß dem Alter nach, sondern auch an Tugend immer größer und stärker wurde.
Ihre Geburt gewährt den Menschen eine ganz besondere Freude, weil sie der Anfang des Heiles aller Menschen ist und weil heute die Gebärerin des Bräutigams der ganzen Kirche geboren wurde. Dieses Fest ist der Ursprung aller übrigen Feste, weil Maria den Erlöser geboren hat, um den alle Feste sich drehen; ist also älter als alle andern Feste und deswegen um so mehr zu feiern. Salomon brachte mit dem ganzen jüdischen Volk so viele feierliche Opfer dar bei der Einweihung des Tempels (3. Kön. 8), der doch nur aus Stein gebaut war. Welche Freude soll dann nicht das christliche Volk bei der Geburt Marias haben, in deren Schoß Gott wie in einen wahren, allerheiligsten Tempel herniederstieg, aus ihr die menschliche Natur annahm, um mit den Menschen sichtbar zu verkehren.
Gewiß, auch in den Tempel Salomons stieg Gott hernieder, aber im Schoße der seligsten Jungfrau wohnte er viel wunderbarer und seliger, denn in ihr ist das Wort Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Auch dem jüdischen Tempel verlieh der Allmächtige Herrlichkeit durch seine Gegenwart daselbst, aber er hat aus ihm nichts zu seiner Natur gemacht; in den Schoß der Jungfrau aber kam er nicht bloß hernieder, sondern er nahm aus ihr alles, was zur menschlichen Natur gehört und vereinigte es mit sich. Da also die Würde unseres Tempels viel größer ist, so muß auch die Feier größer sein, da die geboren wurde, die vor Grundlegung der Welt aus allen auserwählt wurde und auch aus königlichem Geschlechte stammt.
Da seht die unversehrte und glorreiche Jungfrau Maria, durch deren Geburt die ganze heilige Kirche auf dem Erdenrund erleuchtet wird, im Gesetze vorgebildet, durch die Weissagungen der Patriarchen und Propheten vorausverkündet, vom Engel ehrfurchtsvoll gegrüßt, der Thron Gottes, der Herrschersitz der Gottheit, Palast des ewigen Königs, Schatzkammer, nein Schatz, durch den wir aus der Knechtschaft des blutdürstigen Räubers losgekauft sind, sie wird uns heute als Vorbild vor Augen gestellt. Freuen wir uns also und frohlocken wir über die Geburt der Jungfrau und Gottesgebärerin, denn ihre Geburt hat der Welt eine neue Freude verkündet und war der Anfang des Heiles der Menschheit.
Wie wir uns freuen über die Geburt Christi, so sollen wir uns auch freuen über die Geburt der Mutter Christi. Heute ist geboren die Königin der Engel, das Fenster des Himmels, die Türe des Paradieses, das Gezelt Gottes, der Stern des Meeres, die himmlische Leiter, auf der der himmlische König in Demut herabstieg in die Niederungen und auf der der Mensch, der dahingestreckt darniederlag, in die Höhe des Himmels hinaufsteigt. Heute erschien der Welt der Stern, durch den die Sonne der Gerechtigkeit ihr aufging, jener Stern, von dem durch den Propheten gesagt ist: »Ein Stern wird aus Jakob aufgehen und ein Mensch aus Israel hervorgehen« (Num. 24, 17). Heute ist geboren jene helleuchtende Jungfrau, aus der der schönste der Menschen hervorging, wie ein Bräutigam aus dem Brautgemach. Heute ist jene Prophezie in Erfüllung gegangen, die der Fürst der Propheten, Isaias, gleichsam als Herold der nahenden Königin der Welt mit lauter Stimme verkündete, indem er sprach: »Ein Zweig wird emporwachsen aus der Wurzel Jesse und eine Blume daraus hervorgehen« (11, 1).
Rupert von Deutz sagt dazu: »Maria ist die Prophetin, zu der der Prophet Isaias zu gehen geheißen wurde, in deren Schoß die Prophezien aller Propheten erfüllt wurden. Ja nicht bloß Isaias, sondern alle Propheten sind zu dieser Prophetin hinzugetreten, gar alle, denn die Gnaden, die den einzelnen Propheten gegeben wurden und die Weissagungen aller einzelnen vereinigen sich in dieser Prophetin, sind mit dem Heiligen Geist zugleich über sie gekommen. Isaias und alle heiligen Propheten haben sich selig gepriesen, als sie erkannten, sie dürften zu dieser Prophetin hinzutreten und ein gutes Wort sprechen diesem Tempel Gottes, diesem Heiligtum des Heiligen Geistes.«
Er sagt auch, Maria sei die Braut Gottes des Vaters von Anfang an gewesen, ihretwegen habe er die Synagoge geliebt und sie wie seine Frau gehalten. Denn vor allen Zeiten beschloß Gott, daß sein Wort, das er von Anbeginn der Welt durch Herz und Mund der Propheten verhieß, endlich aus Mariä Schoß Fleisch werden und dadurch, wie er bis dahin der Bräutigam der Synagoge gewesen, nun als Mensch gewordener Gott der Bräutigam der Kirche sein und heißen solle. Die seligste Jungfrau war nämlich der beste Teil der früheren Kirche Gottes, der Synagoge, und deshalb würdig die Braut Gottes des Vaters zu sein und war deshalb auch ein Vorbild und Beispiel der jüngeren Kirche, der Braut des Sohnes Gottes, weil der Heilige Geist, der im Schoße Mariens die Menschwerdung des eingeborenen Gottessohnes bewirkte, auch aus dem Schoße und durch den Schoß der Kirche, durch das lebendige Wasser der Gnade, die Wiedergeburt vieler Kinder Gottes bewirkt.
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