Suppl., q. 29 a. 1
Ob die Letzte Ölung ein Sakrament ist?
Quaestio 29 · Von der Letzten Ölung hinsichtlich ihres Wesens und ihrer Einsetzung.
Einwand 1: Es scheint, dass die Letzte Ölung kein Sakrament ist. Denn wie Öl bei Kranken verwendet wird, so auch bei Katechumenen. Aber die Salbung der Katechumenen mit Öl ist kein Sakrament. Also ist auch die Letzte Ölung der Kranken mit Öl keines.
Einwand 2: Ferner waren die Sakramente des Alten Gesetzes Vorbilder der Sakramente des Neuen Gesetzes. Aber im Alten Gesetz gab es kein Vorbild der Letzten Ölung. Also ist sie kein Sakrament des Neuen Gesetzes.
Einwand 3: Ferner zielt nach Dionysius (Eccl. Hier. iii, v) jedes Sakrament entweder auf Reinigung, Erleuchtung oder Vervollkommnung ab. Die Letzte Ölung zielt aber weder auf Reinigung noch auf Erleuchtung, denn dies wird allein der Taufe zugeschrieben, noch auf Vervollkommnung, denn dies gehört nach Dionysius (Eccl. Hier. ii) zur Firmung und zur Eucharistie. Also ist die Letzte Ölung kein Sakrament.
Dagegen spricht, dass die Sakramente der Kirche den Mängeln des Menschen in Bezug auf jeden Lebensstand hinreichend abhelfen. Nun tut dies für diejenigen, die aus diesem Leben scheiden, kein anderes Sakrament als die Letzte Ölung. Also ist sie ein Sakrament.
Ferner sind die Sakramente nichts anderes als geistige Heilmittel. Die Letzte Ölung aber ist ein geistiges Heilmittel, da sie zur Vergebung der Sünden dient, gemäß Jakobus 5,15. Also ist sie ein Sakrament.
Ich antworte darauf, dass unter den sichtbaren Handlungen der Kirche einige Sakramente sind, wie die Taufe, einige aber Sakramentalien, wie der Exorzismus. Der Unterschied zwischen diesen ist, dass ein Sakrament eine Handlung der Kirche ist, die die Hauptwirkung erreicht, die bei der Spendung der Sakramente beabsichtigt ist, wohingegen ein Sakramentale eine Handlung ist, die zwar jene Wirkung nicht erreicht, aber dennoch auf jene Haupthandlung hingeordnet ist. Nun ist die bei der Spendung der Sakramente beabsichtigte Wirkung die Heilung der Krankheit der Sünde; weshalb geschrieben steht (Jes 27,9): „Dies ist die ganze Frucht, dass die Sünde ... weggenommen werde.“ Da also die Letzte Ölung diese Wirkung erreicht, wie aus den Worten des Jakobus klar hervorgeht, und sie nicht als Zubehör auf ein anderes Sakrament hingeordnet ist, ist es offensichtlich, dass die Letzte Ölung kein Sakramentale, sondern ein Sakrament ist.
Antwort auf Einwand 1: Das Öl, mit dem die Katechumenen gesalbt werden, vermittelt ihnen durch seine Salbung nicht die Vergebung der Sünden, denn das gehört zur Taufe. Es disponiert sie jedoch für den Empfang der Taufe, wie oben dargelegt (TP, Frage [71], Artikel [3]). Daher ist jene Salbung kein Sakrament, wie es die Letzte Ölung ist.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Sakrament bereitet den Menschen unmittelbar auf die Herrlichkeit vor, da es denen gegeben wird, die aus diesem Leben scheiden. Und da es unter dem Alten Gesetz noch nicht an der Zeit war, in die Herrlichkeit einzugehen, weil „das Gesetz niemanden [Vulg.: 'nichts'] zur Vollkommenheit brachte“ (Hebr 7,19), so musste dieses Sakrament darin nicht durch ein entsprechendes Sakrament als ein Vorbild derselben Art vorausgeschattet werden. Dennoch wurde es gewissermaßen entfernt durch alle Heilungen vorausgeschattet, von denen im Alten Testament berichtet wird.
Antwort auf Einwand 3: Dionysius erwähnt die Letzte Ölung nicht, ebenso wenig wie die Buße oder die Ehe, weil er nicht die Absicht hatte, irgendeine Frage über die Sakramente zu entscheiden, außer insofern sie dazu dienen, die geordnete Disposition der kirchlichen Hierarchie in Bezug auf die Diener, ihre Handlungen und die Empfänger zu veranschaulichen. Da jedoch die Letzte Ölung Gnade und Vergebung der Sünden verleiht, besteht kein Zweifel, dass sie eine erleuchtende und reinigende Kraft besitzt, ebenso wie die Taufe, wenn auch nicht so reichlich.