Suppl., q. 29 a. 2
Ob die Letzte Ölung *ein* Sakrament ist?
Quaestio 29 · Von der Letzten Ölung hinsichtlich ihres Wesens und ihrer Einsetzung.
Einwand 1: Es scheint, dass die Letzte Ölung nicht ein Sakrament ist. Denn die Einheit eines Dinges hängt von seiner Materie und Form ab, da Sein und Einheit aus derselben Quelle stammen. Nun wird die Form dieses Sakraments während der einen Spendung mehrmals gesprochen, und die Materie wird auf den Gesalbten in Bezug auf verschiedene Teile seines Körpers angewandt. Also ist es nicht ein Sakrament.
Einwand 2: Ferner ist die Salbung selbst ein Sakrament, denn es wäre absurd zu sagen, dass das Öl ein Sakrament ist. Aber es gibt mehrere Salbungen. Also gibt es mehrere Sakramente.
Einwand 3: Ferner sollte ein Sakrament von einem Diener vollzogen werden. Aber der Fall könnte eintreten, dass die Letzte Ölung nicht von einem Diener gespendet werden kann: so etwa, wenn der Priester nach der ersten Salbung stirbt, müsste ein anderer Priester mit den anderen fortfahren. Also ist die Letzte Ölung nicht ein Sakrament.
Dagegen spricht: Wie sich das Untertauchen zur Taufe verhält, so verhält sich die Salbung zu diesem Sakrament. Aber mehrere Untertauchungen sind nur ein Sakrament der Taufe. Also sind auch die mehreren Salbungen bei der Letzten Ölung ein Sakrament.
Ferner, wenn es nicht ein Sakrament wäre, dann wäre es nach der ersten Salbung für die Vollkommenheit des Sakraments nicht wesentlich, dass die zweite Salbung vollzogen wird, da jedes Sakrament ein vollkommenes Sein aus sich selbst heraus hat. Das ist aber nicht wahr. Also ist es ein Sakrament.
Ich antworte darauf, dass ein Ding streng genommen auf dreifache Weise numerisch eins ist. Erstens als etwas Unteilbares, das weder aktuell noch potentiell mehreres ist – wie ein Punkt und die Einheit. Zweitens als etwas Kontinuierliches, das aktuell eins, aber potentiell mehreres ist – wie eine Linie. Drittens als etwas Vollständiges, das aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist – wie ein Haus, das in gewisser Weise mehrere Dinge ist, sogar aktuell, obwohl diese mehreren Dinge zusammengehen, um eines zu machen. Auf diese Weise wird jedes Sakrament als ein Ding bezeichnet, insofern die vielen Dinge, die in einem Sakrament enthalten sind, zu dem Zweck vereint sind, ein Ding zu bezeichnen oder zu verursachen, weil ein Sakrament ein Zeichen der Wirkung ist, die es hervorbringt. Wenn daher eine Handlung für eine vollkommene Bezeichnung ausreicht, besteht die Einheit des Sakraments in dieser Handlung allein, wie bei der Firmung zu sehen ist. Wenn jedoch die Bezeichnung des Sakraments sowohl in einer als auch in mehreren Handlungen liegen kann, dann kann das Sakrament sowohl in einer als auch in mehreren Handlungen vollständig sein, so wie die Taufe in einem Untertauchen und in dreien, da die Waschung, die in der Taufe bezeichnet wird, durch ein Untertauchen und durch mehrere vollendet werden kann. Aber wenn die vollkommene Bezeichnung nicht anders als durch mehrere Handlungen ausgedrückt werden kann, dann sind diese mehreren Handlungen wesentlich für die Vollkommenheit des Sakraments, wie es am Beispiel der Eucharistie deutlich wird, denn die Erquickung des Leibes, welche die der Seele bezeichnet, kann nur durch Speise und Trank erlangt werden. Dasselbe gilt für dieses Sakrament, weil die Heilung der inneren Wunden nicht vollkommen bezeichnet werden kann, außer durch die Anwendung des Heilmittels auf die verschiedenen Ursprünge der Wunden. Daher sind mehrere Handlungen wesentlich für die Vollkommenheit dieses Sakraments.
Antwort auf Einwand 1: Die Einheit eines vollständigen Ganzen wird nicht aufgrund einer Verschiedenheit von Materie oder Form in den Teilen dieses Ganzen zerstört. So ist es offensichtlich, dass weder dieselbe Materie noch dieselbe Form im Fleisch und in den Knochen ist, aus denen ein Mensch zusammengesetzt ist. In gleicher Weise zerstört auch im Sakrament der Eucharistie und in diesem Sakrament die Verschiedenheit von Materie und Form nicht die Einheit des Sakraments.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl jene Handlungen schlechthin mehrere sind, so sind sie doch in einer vollständigen Handlung vereint, nämlich der Salbung aller äußeren Sinne, woraus die innere Krankheit entsteht.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl bei der Eucharistie, wenn der Priester nach der Wandlung des Brotes stirbt, ein anderer Priester mit der Wandlung des Weines fortfahren kann, indem er dort beginnt, wo der andere aufgehört hat, oder mit frischer Materie von neuem beginnen kann, kann er bei der Letzten Ölung nicht von neuem beginnen, sondern sollte immer fortfahren, weil denselben Teil ein zweites Mal zu salben so viel Wirkung hervorrufen würde, als wenn man eine Hostie ein zweites Mal wandeln würde, was keinesfalls geschehen darf. Auch zerstört die Mehrheit der Diener nicht die Einheit dieses Sakraments, weil sie nur als Werkzeuge handeln, und die Einheit der Arbeit eines Schmiedes wird nicht dadurch zerstört, dass er mehrere Hämmer benutzt.