I-II, q. 72 a. 4
Ob die Sünde passend eingeteilt wird in Sünde gegen Gott, gegen sich selbst und gegen den Nächsten?
Quaestio 72 · Von der Unterscheidung der Sünden
Einwand 1: Es scheint, dass die Sünde unpassend eingeteilt wird in Sünde gegen Gott, gegen den Nächsten und gegen sich selbst. Denn das, was allen Sünden gemeinsam ist, sollte nicht als ein Teil in der Einteilung der Sünde gerechnet werden. Aber es ist allen Sünden gemeinsam, gegen Gott zu sein: denn es wird in der Definition der Sünde festgestellt, dass sie „gegen das Gesetz Gottes“ ist, wie oben dargelegt (Quaestio [66], Artikel [6]). Daher sollte die Sünde gegen Gott nicht als ein Teil der Einteilung der Sünde gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner sollte jede Einteilung aus Dingen bestehen, die im Gegensatz zueinander stehen. Aber diese drei Arten von Sünde stehen nicht im Gegensatz zueinander: denn wer gegen seinen Nächsten sündigt, sündigt gegen sich selbst und gegen Gott. Daher wird die Sünde nicht passend in diese drei eingeteilt.
Einwand 3: Ferner wird die Spezifizierung nicht von äußeren Dingen genommen. Aber Gott und unser Nächster sind außerhalb von uns. Daher werden Sünden nicht spezifisch im Hinblick auf sie unterschieden: und folglich wird die Sünde unpassend gemäß diesen drei eingeteilt.
Dagegen spricht, dass Isidor (De Summo Bono) bei der Angabe der Einteilung der Sünden sagt, dass „vom Menschen gesagt wird, er sündige gegen sich selbst, gegen Gott und gegen seinen Nächsten“.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [71], Artikel [1], 6), die Sünde ein ungeordneter Akt ist. Nun sollte es im Menschen eine dreifache Ordnung geben: eine in Bezug auf die Regel der Vernunft, insofern alle unsere Handlungen und Leidenschaften der Regel der Vernunft angemessen sein sollten: eine andere Ordnung ist in Bezug auf die Regel des göttlichen Gesetzes, wodurch der Mensch in allen Dingen geleitet werden sollte: und wenn der Mensch von Natur aus ein einzelgängerisches Lebewesen wäre, würde diese zweifache Ordnung genügen. Aber da der Mensch von Natur aus ein bürgerliches und soziales Lebewesen ist, wie in Polit. i, 2 bewiesen wird, ist daher eine dritte Ordnung notwendig, wodurch der Mensch in Bezug auf andere Menschen, unter denen er wohnen muss, geleitet wird. Von diesen Ordnungen enthält die zweite die erste und übertrifft sie. Denn was auch immer unter der Ordnung der Vernunft begriffen ist, ist unter der Ordnung Gottes selbst begriffen. Doch sind einige Dinge unter der Ordnung Gottes begriffen, welche die menschliche Vernunft übertreffen, wie Glaubensangelegenheiten und Dinge, die Gott allein geschuldet sind. Daher wird von dem, der in solchen Angelegenheiten sündigt, zum Beispiel durch Häresie, Sakrileg oder Blasphemie, gesagt, dass er gegen Gott sündigt. In gleicher Weise schließt die erste Ordnung die dritte ein und übertrifft sie, weil wir in allen Dingen, worin wir in Bezug auf unseren Nächsten geleitet werden, gemäß der Ordnung der Vernunft geleitet werden müssen. Doch in einigen Dingen werden wir gemäß der Vernunft nur in Bezug auf uns selbst geleitet und nicht in Bezug auf unseren Nächsten; und wenn der Mensch in diesen Angelegenheiten sündigt, wird gesagt, dass er gegen sich selbst sündigt, wie man beim Schlemmer, beim Wollüstigen und beim Verschwender sieht. Aber wenn der Mensch in Angelegenheiten sündigt, die seinen Nächsten betreffen, wird gesagt, dass er gegen seinen Nächsten sündigt, wie beim Dieb und Mörder erscheint. Nun sind die Dinge, wodurch der Mensch auf Gott, seinen Nächsten und sich selbst ausgerichtet wird, verschieden. Weshalb diese Unterscheidung der Sünden hinsichtlich ihrer Objekte erfolgt, gemäß denen die Arten der Sünden diversifiziert werden: und folglich ist diese Unterscheidung der Sünden eigentlich eine von verschiedenen Arten von Sünden: weil auch die Tugenden, denen die Sünden entgegengesetzt sind, sich hinsichtlich dieser drei spezifisch unterscheiden. Denn es ist aus dem Gesagten (Quaestio [62], Artikel [1], 2, 3) offensichtlich, dass der Mensch durch die theologischen Tugenden auf Gott ausgerichtet wird; durch Mäßigung und Tapferkeit auf sich selbst; und durch Gerechtigkeit auf seinen Nächsten.
Antwort auf den 1. Einwand: Gegen Gott zu sündigen ist allen Sünden gemeinsam, insofern die Ordnung auf Gott jede menschliche Ordnung einschließt; aber insofern die Ordnung auf Gott die anderen beiden Ordnungen übertrifft, ist die Sünde gegen Gott eine besondere Art von Sünde.
Antwort auf den 2. Einwand: Wenn mehrere Dinge, von denen eines das andere einschließt, voneinander unterschieden werden, wird diese Unterscheidung so verstanden, dass sie sich nicht auf den Teil bezieht, der im anderen enthalten ist, sondern auf das, worin eines über das andere hinausgeht. Dies kann man bei der Einteilung von Zahlen und Figuren sehen: denn ein Dreieck wird von einer vierseitigen Figur nicht hinsichtlich dessen unterschieden, dass es darin enthalten ist, sondern hinsichtlich dessen, worin es von ihr übertroffen wird: und dasselbe gilt für die Zahlen drei und vier.
Antwort auf den 3. Einwand: Obwohl Gott und unser Nächster außerhalb des Sünders selbst sind, sind sie nicht außerhalb des Aktes der Sünde, sondern beziehen sich auf ihn als auf sein Objekt.