I-II, q. 17 a. 9
Ob die Akte der äußeren Glieder befohlen werden?
Quaestio 17 · Von den vom Willen befohlenen Akten
Einwand 1: Es scheint, dass die Glieder des Körpers der Vernunft hinsichtlich ihrer Akte nicht gehorchen. Denn es ist offensichtlich, dass die Glieder des Körpers weiter von der Vernunft entfernt sind als die Vermögen der vegetativen Seele. Aber die Vermögen der vegetativen Seele gehorchen der Vernunft nicht, wie oben dargelegt (Artikel [8]). Also gehorchen die Glieder des Körpers noch viel weniger.
Einwand 2: Ferner ist das Herz das Prinzip der tierischen Bewegung. Aber die Bewegung des Herzens ist nicht dem Befehl der Vernunft unterworfen: denn Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xxii.] sagt, dass „der Puls nicht von der Vernunft kontrolliert wird.“ Also ist die Bewegung der körperlichen Glieder nicht dem Befehl der Vernunft unterworfen.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Civ. Dei xiv, 16), dass „die Bewegung der Zeugungsglieder manchmal unpassend ist und nicht gewünscht; manchmal, wenn sie gesucht wird, versagt sie, und während das Herz vor Verlangen warm ist, bleibt der Körper kalt.“ Also sind die Bewegungen der Glieder der Vernunft nicht gehorsam.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. viii, 9): „Der Geist befiehlt eine Bewegung der Hand, und so bereitwillig ist die Hand zu gehorchen, dass man kaum den Gehorsam vom Befehl unterscheiden kann.“
Ich antworte darauf, dass die Glieder des Körpers Organe der Seelenvermögen sind. Folglich stehen die Glieder des Körpers, je nachdem wie die Vermögen der Seele hinsichtlich des Gehorsams gegenüber der Vernunft stehen, in ebensolcher Beziehung dazu. Da nun die sinnlichen Vermögen dem Befehl der Vernunft unterworfen sind, während die natürlichen Vermögen es nicht sind, sind daher alle Bewegungen der Glieder, die von den sinnlichen Vermögen bewegt werden, dem Befehl der Vernunft unterworfen; wohingegen jene Bewegungen der Glieder, die aus den natürlichen Vermögen entspringen, nicht dem Befehl der Vernunft unterworfen sind.
Antwort auf Einwand 1: Die Glieder bewegen sich nicht selbst, sondern werden durch die Vermögen der Seele bewegt; von welchen Vermögen einige in engerem Kontakt mit der Vernunft stehen als die Vermögen der vegetativen Seele.
Antwort auf Einwand 2: In Dingen, die Intellekt und Willen betreffen, steht das, was der Natur gemäß ist, an erster Stelle, woraus alle anderen Dinge abgeleitet werden: so wird aus der Erkenntnis der Prinzipien, die natürlicherweise erkannt werden, die Erkenntnis der Schlussfolgerungen abgeleitet; und aus dem Wollen des Ziels, das natürlicherweise begehrt wird, wird die Wahl der Mittel abgeleitet. So ist auch bei körperlichen Bewegungen das Prinzip der Natur gemäß. Nun beginnt das Prinzip der körperlichen Bewegungen mit der Bewegung des Herzens. Folglich ist die Bewegung des Herzens der Natur gemäß und nicht dem Willen gemäß: denn wie ein eigentümliches Akzidens resultiert sie aus dem Leben, welches aus der Vereinigung von Seele und Körper folgt. So resultiert die Bewegung schwerer und leichter Dinge aus ihrer substantiellen Form: aus welchem Grund gesagt wird, dass sie von ihrem Erzeuger bewegt werden, wie der Philosoph feststellt (Phys. viii, 4). Daher wird diese Bewegung „vital“ genannt. Aus diesem Grund sagt Gregor von Nyssa (Nemesius, De Nat. Hom. xxii), dass, so wie die Bewegung der Zeugung und Ernährung der Vernunft nicht gehorcht, so auch nicht der Puls, welcher eine vitale Bewegung ist. Mit dem Puls meint er die Bewegung des Herzens, die durch die Pulsadern angezeigt wird.
Antwort auf Einwand 3: Wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 17,20), geschieht es zur Strafe für die Sünde, dass die Bewegung dieser Glieder der Vernunft nicht gehorcht: in dem Sinne, dass die Seele für ihre Rebellion gegen Gott durch die Ununterworfenheit jenes Gliedes bestraft wird, durch welches die Erbsünde auf die Nachkommen übertragen wird.
Aber weil, wie wir später darlegen werden, die Wirkung der Sünde unseres ersten Elternteils war, dass seine Natur sich selbst überlassen wurde, durch den Entzug der übernatürlichen Gabe, die Gott dem Menschen verliehen hatte, müssen wir die natürliche Ursache für die Ununterworfenheit dieses besonderen Gliedes unter die Vernunft betrachten. Dies wird von Aristoteles (De Causis Mot. Animal.) dargelegt, der sagt, dass „die Bewegungen des Herzens und der Zeugungsorgane unfreiwillig sind“, und dass der Grund dafür folgender ist. Diese Glieder werden anlässlich irgendeiner Wahrnehmung erregt; insofern der Intellekt und die Einbildungskraft solche Dinge vorstellen, die die Leidenschaften der Seele erregen, deren Folge diese Bewegungen sind. Aber sie werden nicht auf Befehl der Vernunft oder des Intellekts bewegt, weil diese Bewegungen durch eine gewisse natürliche Veränderung von Hitze und Kälte bedingt sind, welche Veränderung nicht dem Befehl der Vernunft unterworfen ist. Dies ist bei diesen zwei Organen im Besonderen der Fall, weil jedes gleichsam ein separates tierisches Wesen ist, insofern es ein Prinzip des Lebens ist; und das Prinzip ist virtuell das Ganze. Denn das Herz ist das Prinzip der Sinne; und vom Zeugungsorgan geht die samenhafte Kraft aus, welche virtuell das gesamte Lebewesen ist. Folglich haben sie ihre eigenen Bewegungen von Natur aus: weil Prinzipien notwendigerweise natürlich sein müssen, wie oben dargelegt (Antwort auf Einwand 2).