I, q. 63 a. 9
Ob jene, die sündigten, so viele waren wie jene, die standhaft blieben?
Quaestio 63 · Die Bosheit der Engel hinsichtlich der Sünde
Einwand 1: Es scheint, dass mehr Engel sündigten als standhaft blieben. Denn, wie der Philosoph sagt (Ethic. ii, 6): „Das Böse ist in vielen, aber das Gute ist in wenigen.“
Einwand 2: Ferner sind Gerechtigkeit und Sünde in gleicher Weise in Menschen und in Engeln zu finden. Aber es sind mehr böse Menschen zu finden als gute; gemäß Pred 1,15: „Die Zahl der Toren ist unendlich.“ Deshalb verhält es sich aus demselben Grund so bei den Engeln.
Einwand 3: Ferner werden die Engel gemäß Personen und Ordnungen unterschieden. Deshalb, wenn mehr engelhafte Personen standhaft blieben, so würde es scheinen, dass jene, die sündigten, nicht aus allen Ordnungen waren.
Dagegen spricht, dass es heißt (2 Kön 6,16): „Es sind mehr bei uns als bei ihnen“: was von den guten Engeln ausgelegt wird, die bei uns sind, um uns zu helfen, und den bösen Geistern, die unsere Feinde sind.
Ich antworte darauf, dass mehr Engel standhaft blieben als sündigten. Weil Sünde der natürlichen Neigung entgegengesetzt ist; während das, was gegen die natürliche Ordnung ist, mit geringerer Häufigkeit geschieht; denn die Natur verschafft ihre Wirkungen entweder immer oder meistens.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph spricht im Hinblick auf Menschen, in denen das Böse aus dem Streben nach sinnlichen Vergnügungen zustande kommt, die den meisten Menschen bekannt sind, und aus dem Verlassen des von der Vernunft diktierten Guten, welches Gut den wenigen bekannt ist. In den Engeln gibt es nur eine intellektuelle Natur; daher gilt das Argument nicht.
Und daraus haben wir die Antwort auf die zweite Schwierigkeit.
Antwort auf Einwand 3: Nach denen, die der Meinung sind, dass der Hauptteufel zur niedrigeren Ordnung der Engel gehörte, die über irdische Angelegenheiten gesetzt sind, ist es offensichtlich, dass einige jeder Ordnung nicht fielen, sondern nur jene der niedrigsten Ordnung. Nach denen, die behaupten, dass der Hauptteufel von der höchsten Ordnung war, ist es wahrscheinlich, dass einige jeder Ordnung fielen; so wie Menschen in jede Ordnung aufgenommen werden, um den engelhaften Ruin zu ersetzen. In dieser Ansicht ist die Freiheit des freien Willens mehr begründet; welcher in jedem Grad der Kreatur zum Bösen gewandt werden kann. In der Heiligen Schrift jedoch werden die Namen einiger Ordnungen, wie der Seraphim und Throne, nicht Dämonen zugeschrieben; da sie von der Glut der Liebe und von Gottes Einwohnung abgeleitet sind, die nicht mit Todsünde vereinbar sind. Doch die Namen der Cherubim, Mächte und Fürstentümer werden ihnen zugeschrieben; weil diese Namen von Wissen und von Macht abgeleitet sind, was sowohl Guten als auch Schlechten gemeinsam sein kann.