I, q. 63 a. 2
Ob nur die Sünde des Stolzes und des Neides in einem Engel existieren kann?
Quaestio 63 · Die Bosheit der Engel hinsichtlich der Sünde
Einwand 1: Es scheint, dass es in den Engeln noch andere Sünden außer denen des Stolzes und des Neides geben kann. Denn wer sich an irgendeiner Art von Sünde erfreuen kann, kann in die Sünde selbst fallen. Die Dämonen aber erfreuen sich sogar an den Obszönitäten fleischlicher Sünden; wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 3). Deshalb kann es auch fleischliche Sünden in den Dämonen geben.
Einwand 2: Ferner, wie Stolz und Neid geistige Sünden sind, so sind es auch Trägheit, Habsucht und Zorn. Aber geistige Sünden betreffen den Geist, so wie fleischliche Sünden das Fleisch betreffen. Deshalb kann es nicht nur Stolz und Neid in den Engeln geben, sondern ebenso Trägheit und Habsucht.
Einwand 3: Ferner entspringen nach Gregor (Moral. xxxi) viele Laster aus dem Stolz; und in gleicher Weise aus dem Neid. Wenn aber die Ursache gegeben ist, folgt die Wirkung. Wenn es also Stolz und Neid in den Engeln geben kann, so kann es aus demselben Grund auch andere Laster in ihnen geben.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 3), der Teufel sei „kein Hurer noch ein Trunkenbold, noch irgendetwas dergleichen; dennoch ist er stolz und neidisch.“
Ich antworte darauf, dass Sünde auf zwei Weisen in einem Subjekt existieren kann: erstens durch tatsächliche Schuld und zweitens durch Neigung (Affekt). Was die Schuld betrifft, so sind alle Sünden in den Dämonen; da sie, indem sie Menschen zur Sünde verleiten, die Schuld aller Sünden auf sich laden. Aber was die Neigung betrifft, können nur jene Sünden in den Dämonen sein, die zu einer geistigen Natur gehören können. Nun kann eine geistige Natur nicht von solchen Vergnügungen berührt werden, die den Körpern zukommen, sondern nur von solchen, die im Einklang mit geistigen Dingen stehen; weil nichts berührt wird außer in Bezug auf etwas, das in irgendeiner Weise seiner Natur angemessen ist. Es kann aber keine Sünde geben, wenn jemand zum Guten der geistigen Ordnung angeregt wird; es sei denn, in solcher Neigung wird die Regel des Vorgesetzten nicht eingehalten. Genau dies ist die Sünde des Stolzes – sich einem Vorgesetzten nicht unterzuordnen, wenn Unterordnung geschuldet ist. Folglich kann die erste Sünde des Engels keine andere als Stolz sein.
Doch als Folge war es möglich, dass auch Neid in ihnen war, da das Streben des Begehrens nach etwas auf seiner Seite Widerstand gegen alles Entgegengesetzte einschließt. Nun grämt sich der Neidische über das Gut, das ein anderer besitzt, insofern er das Gut seines Nächsten als ein Hindernis für sein eigenes erachtet. Das Gut eines anderen aber konnte nicht als Hindernis für das vom bösen Engel begehrte Gut erachtet werden, außer insofern er eine einzigartige Vorzüglichkeit begehrte, die aufgrund der Vorzüglichkeit eines anderen aufhören würde, einzigartig zu sein. So folgte nach der Sünde des Stolzes das Übel des Neides im sündigenden Engel, wodurch er sich über das Gut des Menschen grämte und auch über die göttliche Vorzüglichkeit, insofern Gott gegen den Willen des Teufels den Menschen zur göttlichen Ehre gebraucht.
Antwort auf Einwand 1: Die Dämonen erfreuen sich nicht an den Obszönitäten der Sünden des Fleisches, als ob sie selbst zu fleischlichen Vergnügungen geneigt wären: Es geschieht gänzlich aus Neid, dass sie an allen Arten menschlicher Sünden Gefallen finden, insofern diese Hindernisse für das Gut des Menschen sind.
Antwort auf Einwand 2: Habsucht, als eine spezielle Art von Sünde betrachtet, ist die unmäßige Gier nach zeitlichen Besitztümern, die dem Gebrauch des menschlichen Lebens dienen und deren Wert in Geld geschätzt werden kann; dazu sind Dämonen überhaupt nicht geneigt, ebenso wenig wie zu fleischlichen Vergnügungen. Folglich kann Habsucht im eigentlichen Sinne nicht in ihnen sein. Wenn aber jede unmäßige Gier nach dem Besitz irgendeines geschaffenen Gutes Habsucht genannt wird, so ist auf diese Weise Habsucht unter dem Stolz enthalten, der in den Dämonen ist. Zorn impliziert Leidenschaft, und ebenso die Begehrlichkeit; folglich können sie nur metaphorisch in den Dämonen existieren. Trägheit ist eine Art von Traurigkeit, wodurch ein Mensch in geistlichen Übungen träge wird, weil sie den Körper ermüden; was auf die Dämonen nicht zutrifft. So ist es offensichtlich, dass Stolz und Neid die einzigen geistigen Sünden sind, die in Dämonen gefunden werden können; jedoch so, dass Neid nicht als Leidenschaft aufgefasst wird, sondern als ein Wille, der dem Gut eines anderen widersteht.
Antwort auf Einwand 3: Unter Neid und Stolz, wie sie in den Dämonen gefunden werden, sind alle anderen von ihnen abgeleiteten Sünden begriffen.