I, q. 63 a. 3
Ob der Teufel begehrte, wie Gott zu sein?
Quaestio 63 · Die Bosheit der Engel hinsichtlich der Sünde
Einwand 1: Es scheint, dass der Teufel nicht begehrte, wie Gott zu sein. Denn was nicht unter die Auffassung fällt, fällt nicht unter das Begehren; weil das aufgefasste Gute das Begehren bewegt, sei es sinnlich, rational oder intellektuell; und Sünde besteht nur in solchem Begehren. Aber dass irgendeine Kreatur Gottes gleich sei, fällt nicht unter die Auffassung, weil es einen Widerspruch impliziert; denn wenn das Endliche dem Unendlichen gleicht, dann wäre es selbst unendlich. Deshalb konnte ein Engel nicht begehren, wie Gott zu sein.
Einwand 2: Ferner kann das natürliche Ziel immer ohne Sünde begehrt werden. Aber Gott ähnlich zu werden, ist das Ziel, zu dem jede Kreatur von Natur aus tendiert. Wenn also der Engel begehrte, wie Gott zu sein, nicht durch Gleichheit, sondern durch Ähnlichkeit, so scheint es, dass er dadurch nicht sündigte.
Einwand 3: Ferner wurde der Engel mit größerer Fülle der Weisheit erschaffen als der Mensch. Aber kein Mensch, außer einem Narren, trifft jemals die Wahl, einem Engel gleich zu sein, noch weniger Gott; weil die Wahl nur Dinge betrifft, die möglich sind, über die man Überlegungen anstellt. Deshalb sündigte der Engel noch viel weniger dadurch, dass er begehrte, wie Gott zu sein.
Dagegen spricht, dass es in der Person des Teufels heißt (Jes 14,13.14): „Ich will in den Himmel hinaufsteigen ... ich will dem Höchsten gleich sein.“ Und Augustinus (De Qu. Vet. Test. cxiii) sagt, dass er, „aufgeblasen vor Stolz, Gott genannt werden wollte.“
Ich antworte darauf, dass der Engel zweifellos sündigte, indem er suchte, wie Gott zu sein. Aber dies kann auf zwei Weisen verstanden werden: erstens durch Gleichheit; zweitens durch Ähnlichkeit. Er konnte nicht auf die erste Weise suchen, wie Gott zu sein; weil er durch natürliche Erkenntnis wusste, dass dies unmöglich war: und es gab keinen Habitus, der seinem ersten sündhaften Akt vorausging, noch irgendeine Leidenschaft, die seinen Geist fesselte, so dass er dazu verleitet wurde, das Unmögliche zu wählen, indem er in irgendeinem Besonderen versagte; wie es manchmal bei uns geschieht. Und selbst angenommen, es wäre möglich, wäre es gegen das natürliche Begehren; weil in allem das natürliche Begehren existiert, seine eigene Natur zu bewahren; welche nicht bewahrt würde, wenn sie in eine andere Natur verwandelt würde. Folglich kann keine Kreatur einer niedrigeren Ordnung jemals den Grad einer höheren Natur begehren; so wie ein Esel nicht begehrt, ein Pferd zu sein: denn würde er so erhoben, würde er aufhören, er selbst zu sein. Aber hierin täuscht uns die Einbildung; denn man neigt dazu zu denken, dass, weil ein Mensch einen höheren Grad hinsichtlich der Akzidentien zu besetzen sucht, die zunehmen können ohne die Zerstörung des Subjekts, er auch einen höheren Grad der Natur suchen kann, zu dem er nicht gelangen könnte, ohne aufzuhören zu existieren. Nun ist es ganz offensichtlich, dass Gott die Engel übertrifft, nicht bloß in Akzidentien, sondern auch im Grad der Natur; und ein Engel den anderen. Folglich ist es unmöglich, dass ein Engel niedrigeren Grades die Gleichheit mit einem höheren begehrt; und noch viel mehr, die Gleichheit mit Gott zu begehren.
Zu begehren, wie Gott zu sein gemäß der Ähnlichkeit, kann auf zwei Weisen geschehen. Auf eine Weise hinsichtlich jener Ähnlichkeit, wodurch alles gemacht ist, um Gott ähnlich zu sein. Und so, wenn jemand auf diese Weise begehrt, gottähnlich zu sein, begeht er keine Sünde; vorausgesetzt, dass er solche Ähnlichkeit in der richtigen Ordnung begehrt, das heißt, dass er sie von Gott erlange. Aber er würde sündigen, wenn er begehrte, Gott ähnlich zu sein, selbst auf die richtige Weise, aber aus eigener und nicht aus Gottes Kraft. Auf eine andere Weise kann man begehren, Gott in irgendeiner Hinsicht ähnlich zu sein, die einem nicht natürlich ist; wie wenn jemand begehren würde, Himmel und Erde zu erschaffen, was Gott eigen ist; in welchem Begehren Sünde wäre. Auf diese Weise begehrte der Teufel, wie Gott zu sein. Nicht dass er begehrte, Gott zu ähneln, indem er absolut niemandem unterworfen wäre; denn so würde er sein eigenes ‚Nicht-Sein‘ begehren; da keine Kreatur existieren kann, außer indem sie ihre Existenz unter Gott hält. Sondern er begehrte Ähnlichkeit mit Gott in dieser Hinsicht – indem er als sein letztes Ziel der Seligkeit etwas begehrte, das er durch die Kraft seiner eigenen Natur erreichen konnte, und sein Begehren von der übernatürlichen Seligkeit abwandte, die durch Gottes Gnade erlangt wird. Oder, wenn er als sein letztes Ziel jene Ähnlichkeit Gottes begehrte, die durch Gnade verliehen wird, so suchte er sie durch die Kraft seiner eigenen Natur zu haben; und nicht aus göttlichem Beistand gemäß Gottes Anordnung. Dies stimmt mit Anselms Meinung überein, der sagt [*De casu diaboli, iv.], dass „er das suchte, zu dem er gekommen wäre, wenn er standhaft geblieben wäre.“ Diese zwei Ansichten fallen in gewisser Weise zusammen; weil er nach beiden Ansichten die endgültige Seligkeit aus eigener Kraft zu haben suchte, wohingegen dies Gott allein eigen ist.
Da nun das, was aus sich selbst existiert, die Ursache dessen ist, was aus einem anderen existiert, folgt daraus ferner, dass er suchte, Herrschaft über andere zu haben; worin er auch verkehrterweise wünschte, Gott ähnlich zu sein.
Daraus haben wir die Antwort auf alle Einwände.