I, q. 62 a. 9
Ob die seligen Engel in der Seligkeit fortschreiten?
Quaestio 62 · Von der Vollkommenheit der Engel in der Ordnung der Gnade und der Herrlichkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass die seligen Engel in der Seligkeit fortschreiten können. Denn die Liebe ist das Prinzip des Verdienstes. Aber es gibt vollkommene Liebe in den Engeln. Also können die seligen Engel verdienen. Nun, wenn das Verdienst zunimmt, nimmt der Lohn der Seligkeit zu. Also können die seligen Engel in der Seligkeit fortschreiten.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Doctr. Christ. i), dass „Gott uns zu unserem eigenen Gewinn gebraucht und zu Seiner eigenen Güte. Dasselbe geschieht mit den Engeln, die Er für geistliche Dienste gebraucht“; da „sie alle [*Vulg.: ‚Sind sie nicht alle . . . ?‘] dienstbare Geister sind, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Erbe des Heils empfangen sollen“ (Hebr 1,14). Dies wäre nicht zu ihrem Nutzen, wenn sie dadurch nicht verdienten, noch zur Seligkeit fortschritten. Es bleibt also, dass die seligen Engel verdienen können und in der Seligkeit fortschreiten können.
Einwand 3: Ferner zeugt es von Unvollkommenheit für jemanden, der nicht den vordersten Platz einnimmt, nicht fortschreiten zu können. Aber die Engel sind nicht im höchsten Grad der Seligkeit. Wenn sie also nicht höher aufsteigen können, schiene es, dass Unvollkommenheit und Mangel in ihnen ist; was nicht zulässig ist.
Dagegen spricht: Verdienst und Fortschritt gehören zu diesem gegenwärtigen Zustand des Lebens. Aber Engel sind keine Pilger, die zur Seligkeit reisen, sie sind bereits im Besitz der Seligkeit. Folglich können die seligen Engel weder verdienen noch in der Seligkeit fortschreiten.
Ich antworte darauf: In jeder Bewegung ist die Absicht des Bewegers auf ein bestimmtes Ziel gerichtet, zu dem er das bewegliche Subjekt zu führen beabsichtigt; weil die Absicht auf das Ziel schaut, dem ein unendlicher Fortschritt widerstreitet. Nun ist es offensichtlich, da das vernünftige Geschöpf nicht aus eigener Kraft zu seiner Seligkeit gelangen kann, die in der Schau Gottes besteht, wie aus dem klar ist, was vorangegangen ist (Quaestio [12], Artikel [4]), dass es von Gott zu seiner Seligkeit hin bewegt werden muss. Daher muss es ein bestimmtes Ding geben, auf das jedes vernünftige Geschöpf als auf sein letztes Ziel gerichtet ist.
Nun kann dieser eine bestimmte Gegenstand in der Schau Gottes nicht genau in dem bestehen, was gesehen wird; denn die Höchste Wahrheit wird von allen Seligen in verschiedenen Graden gesehen: sondern es ist von Seiten der Weise der Schau, dass verschiedene Grenzen im Voraus durch die Absicht Dessen festgesetzt sind, Der zum Ziel hin lenkt. Denn es ist unmöglich, dass, während das vernünftige Geschöpf zur Schau des Höchsten Wesens geführt wird, es in derselben Weise zur höchsten Weise der Schau geführt würde, welche das Umfassen ist, denn dies gehört Gott allein; wie aus dem offensichtlich ist, was oben gesagt wurde (Quaestio [12], Artikel [7]; Quaestio [14], Artikel [3]). Aber da unendliche Wirksamkeit erforderlich ist, um Gott zu umfassen, während die Wirksamkeit des Geschöpfes im Schauen nur endlich ist; und da jedes endliche Wesen in unendlichen Graden vom Unendlichen entfernt ist; geschieht es, dass das vernünftige Geschöpf Gott mehr oder weniger klar versteht gemäß unendlichen Graden. Und wie die Seligkeit in der Schau besteht, so liegt der Grad der Schau in einer bestimmten Weise der Schau.
Daher wird jedes vernünftige Geschöpf so von Gott zum Ziel seiner Seligkeit geführt, dass es aus Gottes Vorherbestimmung sogar zu einem bestimmten Grad der Seligkeit gebracht wird. Folglich, wenn dieser Grad einmal gesichert ist, kann es nicht zu einem höheren Grad übergehen.
Antwort auf Einwand 1: Verdienst gehört zu einem Subjekt, das sich auf sein Ziel hin bewegt. Nun wird das vernünftige Geschöpf auf sein Ziel hin bewegt, nicht bloß passiv, sondern auch durch aktives Wirken. Wenn das Ziel innerhalb der Macht des vernünftigen Geschöpfes liegt, dann wird gesagt, dass seine Handlung das Ziel beschafft; wie der Mensch Wissen durch Nachdenken erwirbt: aber wenn das Ziel über seiner Macht ist und von einem anderen erwartet wird, dann wird die Handlung verdienstlich für ein solches Ziel sein. Aber was bereits im letzten Endpunkt ist, von dem wird nicht gesagt, dass es bewegt wird, sondern dass es bewegt worden ist. Folglich gehört das Verdienen zur unvollkommenen Liebe dieses Lebens; wohingegen die vollkommene Liebe nicht verdient, sondern vielmehr den Lohn genießt. So wie auch in erworbenen Habitus die Operation, die dem Habitus vorausgeht, den Habitus hervorbringt; aber die Operation aus einem erworbenen Habitus sowohl vollkommen als auch genussreich ist. In derselben Weise hat der Akt der vollkommenen Liebe keine Qualität des Verdienstes, sondern gehört vielmehr zur Vollkommenheit des Lohnes.
Antwort auf Einwand 2: Ein Ding kann auf zweifache Weise nützlich genannt werden. Erstens, als auf dem Weg zu einem Ziel seiend; und so ist das Verdienst der Seligkeit nützlich. Zweitens, wie der Teil nützlich für das Ganze ist; wie die Wand für ein Haus. Auf diese Weise sind die Dienste der Engel nützlich für die seligen Engel, insofern sie ein Teil ihrer Seligkeit sind; denn erworbene Vollkommenheit auf andere auszugießen, gehört zur Natur dessen, was vollkommen ist, als vollkommen betrachtet.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl ein seliger Engel nicht absolut im höchsten Grad der Seligkeit ist, ist er doch in seiner eigenen Hinsicht im höchsten Grad, gemäß der göttlichen Vorherbestimmung. Dennoch kann die Freude der Engel vermehrt werden in Bezug auf das Heil derer, die durch ihre Dienste gerettet werden, gemäß Lk 15,10: „Es ist [Vulg. ‚wird sein‘] Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“ Solche Freude gehört zu ihrem akzidentellen Lohn, der bis zum Tag des Gerichts vermehrt werden kann. Daher sagen einige Autoren, dass sie hinsichtlich ihres akzidentellen Lohnes verdienen können. Aber es ist besser zu sagen, dass die Seligen auf keine Weise verdienen können, ohne zur gleichen Zeit Pilger und Vollendeter zu sein; wie Christus, Der allein ein solcher war. Denn die Seligen erwerben solche Freude eher aus der Kraft ihrer Seligkeit, als dass sie sie verdienen.