I, q. 62 a. 3
Ob die Engel in der Gnade erschaffen wurden?
Quaestio 62 · Von der Vollkommenheit der Engel in der Ordnung der Gnade und der Herrlichkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel nicht in der Gnade erschaffen wurden. Denn Augustinus sagt (Gen. ad lit. ii, 8), dass die engelsgleiche Natur zuerst ohne Form gemacht wurde und „Himmel“ genannt wurde: aber danach empfing sie ihre Form und wurde dann „Licht“ genannt. Aber eine solche Formung kommt von der Gnade. Also wurden sie nicht in der Gnade erschaffen.
Einwand 2: Ferner wendet die Gnade das vernünftige Geschöpf Gott zu. Wenn daher der Engel in der Gnade erschaffen worden wäre, hätte sich niemals ein Engel von Gott abgewandt.
Einwand 3: Ferner steht die Gnade in der Mitte zwischen Natur und Herrlichkeit. Aber die Engel wurden nicht in ihrer Erschaffung beseligt. Daher scheint es, dass sie nicht in der Gnade erschaffen wurden; sondern dass sie zuerst nur in der Natur erschaffen wurden und dann die Gnade empfingen und dass sie als letztes beseligt wurden.
Dagegen spricht: Augustinus sagt (De Civ. Dei xii, 9): „Wer wirkte den guten Willen der Engel? Wer, außer Dem, Der sie mit Seinem Willen erschuf, das heißt, mit der reinen Liebe, womit sie Ihm anhangen; indem Er zugleich ihre Natur aufbaute und ihnen Gnade verlieh?“
Ich antworte darauf: Obwohl es hierüber widerstreitende Meinungen gibt, indem einige halten, dass die Engel nur in einem natürlichen Zustand erschaffen wurden, während andere behaupten, dass sie in der Gnade erschaffen wurden; so scheint es doch wahrscheinlicher und mehr im Einklang mit den Aussagen der heiligen Männer, dass sie in der heiligmachenden Gnade erschaffen wurden. Denn wir sehen, dass alle Dinge, die im Laufe der Zeit durch das Werk der göttlichen Vorsehung erschaffen wurden, durch das Wirken Gottes in der ersten Formung der Dinge gemäß keimhaften Formen hervorgebracht wurden, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii, 3), wie Bäume, Tiere und der Rest. Nun ist es offensichtlich, dass die heiligmachende Gnade in derselben Beziehung zur Seligkeit steht wie die keimhafte Form in der Natur zur natürlichen Wirkung; daher wird (1 Joh 3,9) die Gnade der „Samen“ Gottes genannt. Wie also nach Augustinus Meinung behauptet wird, dass die keimhaften Formen aller natürlichen Wirkungen dem Geschöpf eingepflanzt wurden, als es körperlich erschaffen wurde, so wurden die Engel sogleich vom Anfang an in der Gnade erschaffen.
Antwort auf Einwand 1: Eine solche Formlosigkeit in den Engeln kann entweder im Vergleich zu ihrer Formung in der Herrlichkeit verstanden werden; und so ging die Formlosigkeit der Formung durch zeitlichen Vorrang voraus. Oder aber sie kann von der Formung gemäß der Gnade verstanden werden: und so ging sie nicht in der zeitlichen Ordnung voraus, sondern in der Ordnung der Natur; wie Augustinus es hinsichtlich der Formung der körperlichen Dinge hält (Gen. ad lit. i, 15).
Antwort auf Einwand 2: Jede Form neigt das Subjekt nach der Weise der Natur des Subjekts. Nun ist es die Weise einer intellektuellen Natur, frei zu den Objekten geneigt zu sein, die sie begehrt. Folglich erzwingt die Bewegung der Gnade keine Notwendigkeit; sondern wer Gnade hat, kann es unterlassen, sie zu gebrauchen, und kann sündigen.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl in der Ordnung der Natur die Gnade in der Mitte zwischen Natur und Herrlichkeit steht, ist dennoch in der zeitlichen Ordnung in der erschaffenen Natur die Herrlichkeit nicht gleichzeitig mit der Natur; weil die Herrlichkeit das Ziel des Wirkens der Natur ist, die von der Gnade unterstützt wird. Aber die Gnade steht nicht als das Ziel des Wirkens, weil sie nicht aus Werken ist, sondern als das Prinzip des rechten Wirkens. Daher war es angemessen, dass die Gnade sogleich mit der Natur gegeben wurde.