I, q. 62 a. 5
Ob der Engel die Seligkeit unmittelbar nach einem Akt des Verdienstes erlangte?
Quaestio 62 · Von der Vollkommenheit der Engel in der Ordnung der Gnade und der Herrlichkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass der Engel die Seligkeit nicht augenblicklich nach einem Akt des Verdienstes besaß. Denn es ist für einen Menschen schwieriger, gut zu handeln, als für einen Engel. Aber der Mensch wird nicht sofort nach einem Akt des Verdienstes belohnt. Also auch der Engel nicht.
Einwand 2: Ferner konnte ein Engel sofort handeln, und zwar in einem Augenblick, vom allerersten Beginn seiner Erschaffung an, denn selbst natürliche Körper beginnen im selben Augenblick ihrer Erschaffung bewegt zu werden; und wenn die Bewegung eines Körpers augenblicklich sein könnte, wie Operationen des Geistes und Willens, hätte er Bewegung im ersten Augenblick seiner Entstehung. Folglich, wenn der Engel die Seligkeit durch einen Akt seines Willens verdiente, verdiente er sie im ersten Augenblick seiner Erschaffung; und so, wenn ihre Seligkeit nicht verzögert wurde, dann waren die Engel im ersten Augenblick in der Seligkeit.
Einwand 3: Ferner muss es viele Zwischenräume zwischen Dingen geben, die weit auseinander liegen. Aber der selige Zustand der Engel ist sehr weit entfernt von ihrem natürlichen Zustand: während das Verdienst in der Mitte steht. Also müsste der Engel viele Stufen des Verdienstes durchlaufen, um die Seligkeit zu erreichen.
Dagegen spricht: Die Seele des Menschen und ein Engel sind gleichermaßen zur Seligkeit geordnet: folglich wird den Heiligen Gleichheit mit den Engeln verheißen. Nun tritt die vom Körper getrennte Seele, wenn sie Verdienst hat, das der Seligkeit würdig ist, sofort in die Seligkeit ein, sofern es kein Hindernis gibt. Also tut dies auch ein Engel. Nun hatte ein Engel augenblicklich, in seinem ersten Akt der Liebe, das Verdienst der Seligkeit. Also ging er, da es kein Hindernis in ihm gab, sofort durch nur einen verdienstlichen Akt in die Seligkeit über.
Ich antworte darauf: Der Engel wurde augenblicklich nach dem ersten Akt der Liebe selig, wodurch er die Seligkeit verdiente. Der Grund hierfür ist, weil die Gnade die Natur gemäß der Weise der Natur vervollkommnet; wie jede Vollkommenheit im empfänglichen Subjekt gemäß dessen Weise empfangen wird. Nun ist es der engelsgleichen Natur eigen, ihre natürliche Vollkommenheit nicht durch den Übergang von einer Stufe zur anderen zu empfangen; sondern sie sogleich natürlich zu haben, wie oben gezeigt wurde (Artikel [1]; Quaestio [58], Artikel [3],4). Aber wie der Engel von seiner Natur her zur natürlichen Vollkommenheit geneigt ist, so ist er durch Verdienst zur Herrlichkeit geneigt. Daher sicherte sich der Engel augenblicklich nach dem Verdienst die Seligkeit. Nun kann das Verdienst der Seligkeit bei Engel und Mensch gleichermaßen aus nur einem Akt stammen; weil der Mensch die Seligkeit durch jeden von der Liebe geformten Akt verdient. Daher bleibt es dabei, dass ein Engel sogleich nach einem Akt der Liebe beseligt wurde.
Antwort auf Einwand 1: Der Mensch war nicht dazu bestimmt, seine letzte Vollkommenheit sofort zu sichern, wie der Engel. Daher wurde dem Menschen ein längerer Weg zugewiesen als dem Engel, um die Seligkeit zu sichern.
Antwort auf Einwand 2: Der Engel steht über der Zeit der körperlichen Dinge; daher sind die verschiedenen Augenblicke bezüglich der Engel nicht anders zu nehmen als als Zählung der Aufeinanderfolge ihrer Akte. Nun konnte ihr Akt, der die Seligkeit verdiente, nicht gleichzeitig mit dem Akt der Seligkeit in ihnen sein, welcher Genuss ist; da der eine zur unvollkommenen Gnade gehört und der andere zur vollendeten Gnade. Folglich bleibt es dabei, dass verschiedene Augenblicke gedacht werden müssen, in deren einem der Engel die Seligkeit verdiente und in einem anderen beseligt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Es liegt in der Natur eines Engels, augenblicklich die Vollkommenheit zu erreichen, auf die er hingeordnet ist. Folglich ist nur ein verdienstlicher Akt erforderlich; welcher Akt insofern ein Zwischenraum genannt werden kann, als der Engel durch ihn zur Seligkeit gebracht wird.