I, q. 62 a. 6
Ob die Engel Gnade und Herrlichkeit gemäß dem Grad ihrer natürlichen Gaben empfangen?
Quaestio 62 · Von der Vollkommenheit der Engel in der Ordnung der Gnade und der Herrlichkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel Gnade und Herrlichkeit nicht gemäß dem Grad ihrer natürlichen Gaben empfingen. Denn Gnade wird aus Gottes absolutem Willen verliehen. Also hängt der Grad der Gnade von Gottes Willen ab und nicht vom Grad ihrer natürlichen Gaben.
Einwand 2: Ferner scheint ein sittlicher Akt enger mit der Gnade verbunden zu sein als die Natur; weil ein sittlicher Akt vorbereitend für die Gnade ist. Aber Gnade kommt nicht „aus Werken“, wie Röm 11,6 gesagt wird. Also hängt der Grad der Gnade noch viel weniger vom Grad ihrer natürlichen Gaben ab.
Einwand 3: Ferner sind Mensch und Engel gleichermaßen zur Seligkeit oder Gnade geordnet. Aber der Mensch empfängt nicht mehr Gnade gemäß dem Grad seiner natürlichen Gaben. Also auch der Engel nicht.
Dagegen spricht: Es ist die Aussage des Meisters der Sentenzen (Sent. ii, D, 3), dass „jene Engel, die mit feineren Naturen und schärferer Intelligenz in der Weisheit erschaffen wurden, gleichermaßen mit größeren Gnadengaben ausgestattet wurden.“
Ich antworte darauf: Es ist vernünftig anzunehmen, dass Gnadengaben und Vollkommenheit der Seligkeit den Engeln gemäß dem Grad ihrer natürlichen Gaben verliehen wurden. Der Grund hierfür kann aus zwei Quellen gezogen werden. Erstens von Seiten Gottes, Der in der Ordnung Seiner Weisheit verschiedene Grade in der engelsgleichen Natur festsetzte. Nun, da die engelsgleiche Natur von Gott zur Erlangung von Gnade und Seligkeit gemacht wurde, so scheinen gleichermaßen die Stufen der engelsgleichen Natur für die verschiedenen Grade von Gnade und Herrlichkeit geordnet zu sein; gerade so wie, zum Beispiel, wenn der Baumeister die Steine für den Bau eines Hauses behaut, aus der Tatsache, dass er einige kunstvoller und passender vorbereitet als andere, klar ist, dass er sie für den schmuckvolleren Teil des Hauses absondert. So scheint es, dass Gott jene Engel für größere Gnadengaben und vollere Seligkeit bestimmte, die Er von einer höheren Natur machte.
Zweitens ist dasselbe von Seiten des Engels offensichtlich. Der Engel ist keine Zusammensetzung aus verschiedenen Naturen, sodass die Neigung der einen die Tendenz der anderen durchkreuzt oder verzögert; wie es im Menschen geschieht, in dem die Bewegung seines intellektiven Teils entweder verzögert oder durchkreuzt wird durch die Neigung seines sensitiven Teils. Aber wenn es nichts gibt, was sie verzögert oder durchkreuzt, wird die Natur mit ihrer ganzen Energie bewegt. So ist es vernünftig anzunehmen, dass die Engel, die eine höhere Natur hatten, mächtiger und wirksamer zu Gott gewandt wurden. Dasselbe geschieht bei Menschen, da größere Gnade und Herrlichkeit gemäß dem größeren Ernst ihrer Hinwendung zu Gott verliehen werden. Daher scheint es, dass die Engel, die die größeren natürlichen Kräfte hatten, die meiste Gnade und Herrlichkeit hatten.
Antwort auf Einwand 1: Wie die Gnade aus Gottes Willen allein kommt, so gleichermaßen die Natur des Engels: und wie Gottes Wille die Natur für die Gnade ordnete, so ordnete er die verschiedenen Grade der Natur zu den verschiedenen Graden der Gnade.
Antwort auf Einwand 2: Die Akte des vernünftigen Geschöpfes sind vom Geschöpf selbst; wohingegen die Natur unmittelbar von Gott ist. Dementsprechend scheint es eher, dass Gnade gemäß dem Grad der Natur verliehen wird als gemäß den Werken.
Antwort auf Einwand 3: Die Verschiedenheit der natürlichen Gaben ist auf eine Weise in den Engeln, die selbst spezifisch verschieden sind; und auf eine ganz andere Weise in den Menschen, die nur numerisch verschieden sind. Denn der spezifische Unterschied ist wegen des Ziels; während der numerische Unterschied wegen der Materie ist. Ferner gibt es etwas im Menschen, das die Bewegung seiner intellektiven Natur durchkreuzen oder behindern kann; aber nicht in den Engeln. Folglich ist das Argument nicht dasselbe für beide.