I, q. 62 a. 1
Ob die Engel in der Seligkeit erschaffen wurden?
Quaestio 62 · Von der Vollkommenheit der Engel in der Ordnung der Gnade und der Herrlichkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel in der Seligkeit erschaffen wurden. Denn es heißt (De Eccl. Dogm. xxix), dass „die Engel, die in der Seligkeit verharren, in der sie erschaffen wurden, den Vorzug, den sie haben, nicht von Natur aus besitzen.“ Also wurden die Engel in der Seligkeit erschaffen.
Einwand 2: Ferner ist die engelsgleiche Natur edler als das körperliche Geschöpf. Aber das körperliche Geschöpf wurde sogleich bei seiner Erschaffung vollkommen und vollständig gemacht; noch hatte sein Mangel an Form einen zeitlichen Vorrang, sondern nur einen der Natur nach, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. i, 15). Daher schuf Gott auch die engelsgleiche Natur nicht unvollkommen und unvollständig. Aber ihre Formung und Vollendung leiten sich von ihrer Seligkeit ab, durch die sie Gott genießt. Also wurde sie in der Seligkeit erschaffen.
Einwand 3: Ferner wurden nach Augustinus (Gen. ad lit. iv, 34; v, 5) die Dinge, von denen wir lesen, dass sie in den Werken der sechs Tage gemacht wurden, alle zugleich zu einer Zeit gemacht; und so müssen alle sechs Tage augenblicklich vom Beginn der Schöpfung an existiert haben. Aber nach seiner Auslegung war in jenen sechs Tagen „der Morgen“ die Erkenntnis der Engel, gemäß derer sie das Wort und die Dinge im Wort erkannten. Also erkannten sie sogleich ab ihrer Erschaffung das Wort und die Dinge im Wort. Aber die Seligkeit der Engel kommt vom Schauen des Wortes. Folglich waren die Engel sogleich vom allerersten Beginn ihrer Erschaffung an in der Seligkeit.
Dagegen spricht: Im Guten gefestigt oder bestärkt zu sein, gehört zum Wesen der Seligkeit. Aber die Engel waren nicht im Guten gefestigt, sobald sie erschaffen waren; der Fall einiger von ihnen zeigt dies. Also waren die Engel nicht von ihrer Erschaffung an in der Seligkeit.
Ich antworte darauf: Unter dem Namen Seligkeit wird die letzte Vollendung der vernünftigen oder intellektuellen Natur verstanden; und daher kommt es, dass sie natürlicherweise ersehnt wird, da alles natürlicherweise seine letzte Vollendung ersehnt. Nun gibt es eine zweifache letzte Vollendung der vernünftigen oder intellektuellen Natur. Die erste ist eine, die sie aus eigener natürlicher Kraft erlangen kann; und dies wird in gewissem Maße Seligkeit oder Glückseligkeit genannt. Daher sagt Aristoteles (Ethic. x), dass die letzte Glückseligkeit des Menschen in seiner vollkommensten Betrachtung besteht, wodurch er in diesem Leben den besten intelligiblen Gegenstand schauen kann; und das ist Gott. Über dieser Glückseligkeit gibt es noch eine andere, auf die wir in der Zukunft hoffen, wodurch „wir Gott sehen werden, wie Er ist.“ Dies liegt jenseits der Natur jedes erschaffenen Intellekts, wie oben gezeigt wurde (Quaestio [12], Artikel [4]).
So bleibt also zu sagen, dass der Engel hinsichtlich dieser ersten Seligkeit, die er durch seine natürliche Kraft erlangen konnte, bereits selig erschaffen wurde. Denn der Engel erwirbt eine solche Seligkeit nicht durch irgendein fortschreitendes Handeln, wie der Mensch, sondern ist, wie oben bemerkt wurde (Quaestio [58], Artikel [3],4), aufgrund seiner natürlichen Würde sogleich im Besitz derselben. Aber die Engel hatten vom Beginn ihrer Erschaffung an nicht jene letzte Seligkeit, die über die Kraft der Natur hinausgeht; weil eine solche Seligkeit kein Teil ihrer Natur ist, sondern ihr Ziel; und folglich sollten sie sie nicht unmittelbar von Anfang an haben.
Antwort auf Einwand 1: Seligkeit wird dort für jene natürliche Vollkommenheit genommen, die der Engel im Stand der Unschuld hatte.
Antwort auf Einwand 2: Das körperliche Geschöpf konnte nicht sogleich zu Beginn seiner Erschaffung die Vollkommenheit haben, zu der es durch sein Wirken gebracht wird; folglich fand nach Augustinus (Gen. ad. lit. v, 4,23; viii, 3) das Wachsen der Pflanzen aus der Erde nicht sofort unter den ersten Werken statt, in denen der Erde nur die Keimkraft der Pflanzen verliehen wurde. In gleicher Weise hatte das engelsgleiche Geschöpf zu Beginn seiner Existenz die Vollkommenheit seiner Natur; aber es hatte nicht die Vollkommenheit, zu der es durch sein Wirken gelangen musste.
Antwort auf Einwand 3: Der Engel hat eine zweifache Erkenntnis des Wortes; die eine, die natürlich ist, und die andere gemäß der Herrlichkeit. Er hat eine natürliche Erkenntnis, wodurch er das Wort durch eine Ähnlichkeit desselben erkennt, die in seiner Natur leuchtet; und er hat eine Erkenntnis der Herrlichkeit, wodurch er das Wort durch Sein Wesen erkennt. Durch beide Arten der Erkenntnis erkennt der Engel die Dinge im Wort; unvollkommen durch seine natürliche Erkenntnis und vollkommen durch seine Erkenntnis der Herrlichkeit. Daher war die erste Erkenntnis der Dinge im Wort dem Engel vom Beginn seiner Erschaffung an gegenwärtig; während die zweite es nicht war, sondern erst, als die Engel durch die Hinwendung zum Guten selig wurden. Und dies wird eigentlich ihre Morgenerkenntnis genannt.