I, q. 62 a. 8
Ob ein seliger Engel sündigen kann?
Quaestio 62 · Von der Vollkommenheit der Engel in der Ordnung der Gnade und der Herrlichkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass ein seliger Engel sündigen kann. Denn, wie oben gesagt wurde (Artikel [7]), schafft die Seligkeit die Natur nicht ab. Aber es gehört zum eigentlichen Begriff der erschaffenen Natur, dass sie fehlen kann. Also kann ein seliger Engel sündigen.
Einwand 2: Ferner sind die vernünftigen Kräfte auf Entgegengesetztes bezogen, wie der Philosoph bemerkt (Metaph. iv, text. 3). Aber der Wille des Engels in der Seligkeit hört nicht auf, vernünftig zu sein. Also ist er auf Gutes und Böses geneigt.
Einwand 3: Ferner gehört es zur Freiheit des freien Willens, dass man Gutes oder Böses wählen kann. Aber die Freiheit des Willens ist in den seligen Engeln nicht verringert. Also können sie sündigen.
Dagegen spricht: Augustinus sagt (Gen. ad lit. xi), dass „in den heiligen Engeln jene Natur ist, die nicht sündigen kann.“ Also können die heiligen Engel nicht sündigen.
Ich antworte darauf: Die seligen Engel können nicht sündigen. Der Grund hierfür ist, weil ihre Seligkeit darin besteht, Gott durch Sein Wesen zu sehen. Nun ist Gottes Wesen das Wesen der Güte selbst. Folglich ist der Engel, der Gott schaut, auf Gott in derselben Weise disponiert wie jeder andere, der Gott nicht sieht, zur allgemeinen Form der Güte. Nun ist es für jeden unmöglich, entweder etwas zu wollen oder zu tun, außer er ziele auf das, was gut ist; oder zu wünschen, sich vom Guten genau als solchem abzuwenden. Daher kann der selige Engel weder wollen noch handeln, außer als auf Gott zielend. Nun, wer immer auf diese Weise will oder handelt, kann nicht sündigen. Folglich kann der selige Engel nicht sündigen.
Antwort auf Einwand 1: Erschaffenes Gut, in sich betrachtet, kann fehlen. Aber durch seine vollkommene Vereinigung mit dem unerschaffenen Gut, wie es die Vereinigung der Seligkeit ist, wird es unfähig gemacht zu sündigen, aus dem bereits angeführten Grund.
Antwort auf Einwand 2: Die vernünftigen Kräfte sind auf Entgegengesetztes bezogen in den Dingen, zu denen sie nicht natürlich geneigt sind; aber hinsichtlich der Dinge, wozu sie eine natürliche Tendenz haben, sind sie nicht auf Entgegengesetztes bezogen. Denn der Intellekt kann nicht anders, als natürlich bekannten Prinzipien zuzustimmen; in derselben Weise kann der Wille nicht anders, als dem Guten anzuhangen, formal als Gutem; weil der Wille natürlich auf das Gute als seinen eigenen Gegenstand geordnet ist. Folglich ist der Wille der Engel auf Entgegengesetztes bezogen, wie darauf, viele Dinge zu tun oder sie nicht zu tun. Aber sie haben keine Tendenz zu Entgegengesetztem in Bezug auf Gott Selbst, Den sie als die Natur der Güte selbst sehen; sondern in allen Dingen ist ihr Ziel auf Gott gerichtet, welche Alternative auch immer sie wählen, das ist nicht sündhaft.
Antwort auf Einwand 3: Der freie Wille in seiner Wahl der Mittel zu einem Zweck ist gerade so disponiert wie der Intellekt zu Schlussfolgerungen. Nun ist es offensichtlich, dass es zur Kraft des Intellekts gehört, zu verschiedenen Schlussfolgerungen gelangen zu können, gemäß gegebenen Prinzipien; aber dass er zu irgendeiner Schlussfolgerung gelangt, indem er aus der Ordnung der Prinzipien heraustritt, kommt von seinem eigenen Defekt. Daher gehört es zur Vollkommenheit seiner Freiheit für den freien Willen, zwischen entgegengesetzten Dingen wählen zu können, wobei er die Ordnung des Ziels im Blick behält; aber es kommt vom Defekt der Freiheit, dass er etwas wählt, indem er sich von der Ordnung des Ziels abwendet; und dies heißt sündigen. Daher gibt es größere Freiheit des Willens in den Engeln, die nicht sündigen können, als in uns selbst, die sündigen können.