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Wer behauptet, Wahrheit sei rein subjektiv, begibt sich auf ein intellektuelles Terrain, das bereits von Aristoteles und Thomas von Aquin vor Jahrhunderten gründlich geräumt wurde.

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„Jeder hat seine eigene Wahrheit“ ist der intellektuelle Offenbarungseid einer Epoche, die zu bequem geworden ist, um nach dem Sein zu fragen. Der Satz wird rhetorisch als Höchstform der Toleranz verkauft, ist logisch betrachtet jedoch eine Nebelkerze und philosophisch ein Selbstmord des Verstandes.
Wer behauptet, Wahrheit sei rein subjektiv, begibt sich auf ein intellektuelles Terrain, das bereits von Aristoteles und Thomas von Aquin vor Jahrhunderten gründlich geräumt wurde.
Nach Thomas von Aquin ist Wahrheit die Anpassung des Verstandes an die Wirklichkeit (adaequatio intellectus et rei).
Das bedeutet: Nicht das Denken erschafft die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit misst das Denken. Wenn Sie behaupten, es regne, und ich behaupte, die Sonne scheine zur selben Zeit am selben Ort wolkenlos, dann existieren nicht zwei „gleichwertige Wahrheiten“. Es existiert genau eine Wirklichkeit – und mindestens einer von uns irrt.
Der Subjektivismus kehrt dieses Verhältnis um. Er verlangt, dass sich die objektive Welt der subjektiven Einbildung zu unterwerfen habe. Das ist keine Philosophie; das ist verkleideter Egozentrismus.
Der Satz „Jeder hat seine eigene Wahrheit“ trägt sein eigenes Todesurteil bereits in sich. Testen wir die Aussage anhand des Satzes vom Widerspruch (principium non-contradictionis): Etwas kann nicht in derselben Hinsicht zugleich sein und nicht sein.
Tragen wir dem Verfechter der subjektiven Wahrheit seine eigene These vor und stellen ihm eine einfache Frage:
Ist die Aussage ‚Jeder hat seine eigene Wahrheit‘ objektiv wahr?
Sobald der Relativist den Mund auftut, um seine Position zu verteidigen, hat er bereits verloren. Er nimmt eine allgemeine Gültigkeit für seinen Satz in Anspruch, die er allen anderen Sätzen abspricht.
Besonders amüsant wird der Subjektivismus, wenn er auf die materielle Natur trifft. Die Gravitation zeichnet sich durch ein bemerkenswertes Desinteresse an individuellen Perspektiven aus.
Niemand ist im Alltag ein echter Relativist. Wenn der Relativist beim Bäcker 50 Euro übergibt und der Bäcker ihm einen Fünf-Euro-Schein herausgibt mit den Worten: „In meiner Wahrheit haben Sie mir nur 10 Euro gegeben“, wird der Relativist blitzartig zum kompromisslosen Verfechter objektiver mathematischer Tatsachen. Seine Philosophie hält nicht einmal dem Kauf eines Brötchens stand.
Warum hält sich dieser Unsinn dennoch so hartnäckig? Weil er bequem ist.
Die Suche nach der objektiven Wahrheit erfordert Vernunft, Disziplin, Argumentation und die Bereitschaft, sich zu irren und korrigieren zu lassen. Die Behauptung, Wahrheit sei beliebig, erspart jegliche geistige Anstrengung. Sie hebt das Urteil des Gelehrten auf dieselbe Stufe wie das Lallen des Betrunkenen – denn „jeder hat ja seine Wahrheit“.
Wer die objektive Wahrheit leugnet, schafft nicht Toleranz, sondern schafft den Diskurs ab. Wenn es keine gemeinsame, objektive Wirklichkeit gibt, auf die wir uns berufen können, verliert jedes Argument seine Kraft. Übrig bleibt nicht Freiheit, sondern die reine Willkür und am Ende die Gewalt: Wer die Macht hat, setzt seine „Wahrheit“ durch.
Wahrheit ist nicht das, was gefällt, nicht das, was tröstet, und nicht das, was man sich einbildet. Wahrheit ist die Übereinstimmung des Geistes mit dem, was ist.
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