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Es ist, wie Pius X. einmal gesagt hat, die Zeit der geistigen Anarchie, wo jeder sich als Lehrer und Gesetzgeber gebärdet. In den Negerquartieren des amerikanischen Südens ereignet es sich nicht selten, daß irgendein barfüßiger Schwarzer plötzlich mit dem Rufe zu predigen beginnt: „I have got a call!“ Ich bin berufen worden! Diese Art von Laienpriestertum, wo jeder über die schwierigsten Grundfragen des Lebens seine eigene Theorie aufstellt, ist nun nicht nur in den amerikanischen Südstaaten, sondern auch in den Hochschulen und Lehrerseminarien, in den meisten Restaurants, Redaktionen, Ratssälen und Volksversammlungen eingeführt. Alle reden über alles.
Die Frage, die vor 1900 Jahren an Johannes gestellt wurde, wäre heute sehr am Platze. Wer bist du? Aber wenige wären ehrlich genug, um das Bekenntnis abzulegen: Ich bin kein Messias. Ich bin kein Prophet. Ich bin kein Lehrer und Gesetzgeber. Ich bin nur eine Stimme, das Echo eines andern, ein Wegmacher, unwürdig, die niederste Hausdienerarbeit des Schuhriemenauflösens an dem Großen, der kommen wird, vorzunehmen. Wir sagen, daß wir Christen seien. Wenn das wahr ist, müssen wir wie Johannes denken, reden und handeln. Wir müssen uns als Schüler und nur als Schüler betrachten. Wir müssen uns von der unkatholischen Ketzerei losmachen, als ob wir alle Führer und Gesetzgeber seien. Wir sind es nicht.
Das Volk hat kein religiöses und sittliches Lehramt. Es hat kein Recht zu entscheiden, was wahr und was gut ist. Ich sage jetzt eine Majestätsbeleidigung, die zu den größten Sünden des liberalen Jahrhunderts gehört und darum vor keinem Gerichte dieser Welt vergeben wird, weder vor dem Gerichte des Publikums noch dem Gerichte des Redaktors noch dem Gerichte des Professors. Die Majestätsbeleidigung, größer als alle Gotteslästerung und alle Beschimpfung der Staatsoberhäupter, ist diese: Das Volk kann nicht Lehrer und Gesetzgeber sein, weil es unwissend ist. Ich sage nicht, daß es unter dem Volke, und zwar unter dem einfachen Volke der Bauern und Arbeiter, unter dem Volke des Mittelstandes und unter den oberen Schichten, keine intelligenten, gebildeten Menschen von gesundem Urteil und scharfer Denkkraft gebe. Ich behaupte nur, daß die überwiegende Masse des Volkes, auch im Zeitalter der allgemeinen Schulbildung, unfähig ist, über die schwierigen Fragen der Religion, der Moral, des Rechtes und Gesetzes zu entscheiden.
Niemand hat aber das Recht, zu entscheiden, außer wer weiß, wo die Wahrheit und das Recht ist. Niemand weiß, wo Wahrheit und Recht ist, außer er habe es durch ernstes Nachdenken und wissenschaftliches Studium gefunden. Die wenigsten Wahrheiten liegen offen auf der Gasse. Niemand kann eine Frage gründlich studieren, außer er habe ein gewisses Maß von Bildung und Zeit. Das ist bei der großen Masse nicht der Fall. Ihre Sache ist es somit, sich belehren zu lassen, Schüler zu sein, denen zu glauben die wissen, aber nicht, mit erhobener Hand oder dem Stimmzettel über die höchsten Probleme des öffentlichen Lebens abzustimmen.
Die heutige überspannte Demokratie und das allgemeine, unterschiedslose Stimmrecht der Masse ist gegen die Vernunft und die Sicherheit des Staates, weil es gegen die Vernunft ist, daß Blinde den Weg zeigen und Unwissende sich das Amt des Richters anmaßen. Das allgemeine Stimmrecht über wichtige Fragen des öffentlichen Lebens ist nur dann ohne Gefahr, wenn das Volk, bevor es an die Urne geht, als Schüler zu Füßen der katholischen Kanzel sitzt, um dann im Namen der Kirche der Wahrheit und dem Rechte mit dem Stimmzettel in der Hand zum Durchbruch zu verhelfen, als Schüler, nicht als Lehrer, als einer, der den Katechismus öffentlich aufsagen, nicht als einer, der das letzte Wort sprechen will. Die Kanzel steht nicht auf der Straße und nicht auf dem Marktplatz. Die Kanzel steht in der Kirche. Hier wird das erste und das letzte Wort gesprochen.
Wenn das Volk im allgemeinen nicht das Lehramt besitzt, so hat es insbesondere auch die Frauenwelt nicht. Einmal hat die Frau die Geschicke der ganzen Menschheit in ihrer Hand gehabt. Ihre Stimme entschied über Wohl und Weh von Jahrtausenden und über Milliarden. Hat sie ihr Stimmrecht zum Heile des Menschengeschlechtes ausgeübt? Nein! Von dieser Stunde an haben alle vernünftigen Männer genug vom Frauenstimmrecht, für alle Zukunft. Eva wollte das erste Wort haben. Sie traf eigenmächtig im Schatten des verbotenen Baumes die Entscheidung, indem sie nicht Adam, das Haupt, um seinen Rat fragte, nicht Vernunft und Gewissen hörte, sondern durch den äußern Schein und die schöne Phrase sich bestimmen ließ.
Nach Eva kam noch einmal eine Frau in die Lage, entscheidend in die Weltgeschichte einzugreifen. Sie tat es, indem sie sprach: Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte. Maria will nicht in den Vordergrund. Sie will nicht öffentlich auftreten. Sie will nicht das Wort führen, wie es Eva getan hat. Sie will nur schweigend, dienend im Hintergrunde wirken. Dadurch hat sie die Welt gerettet. Die Frauenwelt hat heute zwischen der disputierenden Eva und der kindlich demütigen und gläubigen Maria zu wählen. Ist sie für Eva, dann wird sie sich zugunsten des Frauenstimmrechts entscheiden, ist sie für Maria, gegen dasselbe.
Wir legen überhaupt auf das Mitsprache- und Diskussionsrecht viel zu viel Wert. Was nützt das ewige Disputieren, wenn Leute reden, die eine Sache nicht verstehen? Was nützt die Aussprache, wenn sie darin besteht, daß jeder seiner Ansicht zum Durchbruch verhelfen will? Einst glaubte die Menschheit. Seit 400 Jahren disputiert sie. Sind wir seither über die großen religiösen, politischen und sozialen Wahrheiten klarer geworden? Nein! Das immerwährende Hin- und Herreden hat gewöhnlich zur Folge, daß man schließlich nicht mehr weiß, woran man ist.
Es ist ein Unglück gewesen, daß das Volk, auch das katholische Volk, der Disputiersucht verfallen ist, und es ist ein neues Unglück, wenn jetzt die Frauen auch verleitet werden sollen, wie die Männer über alles zu reden und abzustimmen, das sie nicht verstehen. Das ist nicht katholisch. Katholisch ist es, nachzudenken, zu fragen, wenn man etwas nicht begreift, und auf denjenigen zu hören, der etwas versteht und dann zu sagen: Credo, ich glaube. Die Kanzel ist zwar gewöhnlich auf der Frauenseite, aber das Lehramt ist nicht Frauenamt. Die Weiber sollen in den Versammlungen schweigen. Denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sondern sie sollen untertänig sein, wie auch das Gesetz sagt (1 Kor 14, 34).
Wie das religiöse Lehramt kein Volksamt und kein Frauenamt ist, so ist es auch nicht das Amt der Gelehrten. Die Gelehrten haben die Aufgabe, das Volk zu lehren. Sie sind seine geborenen Führer. Aber nur unter der Bedingung, daß sie der Kirche gegenüber demütige und gehorsame Diener seien. Es ist die hervorragendste Aufgabe der katholischen Staatsmänner, der Abgeordneten, der Beamten, der Juristen, der Redaktoren und anderer einflußreicher Personen, den Glauben zu bekennen, zu verkünden und zu verteidigen und die herrschenden Irrtümer zu widerlegen. Aber sie sollen es, wie Leo XIII. in seinem Rundschreiben über die Pflichten christlicher Bürger betont, tun, ohne sich die Befugnisse des kirchlichen Lehramtes anzumaßen, gleichsam nur als Echo desselben.
Der katholische Schriftsteller hat zweifellos im Zeitalter der Presse eine ungeheure Bedeutung, aber er hat kein Recht, kraft göttlicher Autorität vor das Volk zu treten und zu sagen: Wer mir nicht glaubt, der ist verdammt. Der katholische Redner mag mit seiner Beredsamkeit ein ganzes Volk im Sturm erobern: er spricht nicht im Namen Gottes. Er hat nicht das erste und letzte Wort in allen Dingen, welche mit Religion und Moral zusammenhängen. Er muß, bevor er auf die Bühne steigt, seinen Katechismus konsultieren. Er muß seine Worte dem unfehlbaren Urteil der Kirche unterwerfen.
Das ist gewiß für den, modernen liberalen Zeitgeist einatmenden, katholischen Staatsmann und Schriftsteller, Redaktor und Redner ein Opfer, aber nur unter dieser Bedingung engsten Anschlusses an das kirchliche Lehramt hat er das Recht, sich einen Führer des katholischen Volkes zu nennen. Sonst wird er sein Verführer. Das Amt, die Völker zu lehren und zwar als Lehrer zu lehren, ist niemals von Christus den Politikern, den Sekretären, den Professoren übergeben worden. Das Amt der katholischen Politiker ist das Amt von Schülern, welche ihre Aufgabe gut gelernt und sie nun vor dem Volke aufsagen. Sie dürfen nicht wie Messiasse und Propheten auftreten.
Das religiöse Lehramt ist ausschließlich das Amt der katholischen Kirche. Niemand sonst in der Welt hat die Befugnis, mit Autorität vor das Volk hinzutreten. Die Kirche allein hat das Recht, etwas definitiv als Irrtum zu verurteilen, und wenn sie verurteilt, hat niemand in der Welt das Recht, zu verteidigen. Alle Menschen ohne Ausnahme, Könige und Regierungen inbegriffen, müssen bei ihr in die Schule gehen. Ihr gegenüber sind alle Menschen nur Schüler. Sie ist das Licht der Welt, das große Licht der Wahrheit, das Gott an das Firmament gesetzt hat, um alle Menschen zu erleuchten, die in diese Welt kommen.
Das religiöse Lehramt ist das ausschließliche Amt der katholischen Kirche, weil niemand außer ihr im vollen Besitz der Wahrheit, weil zu niemand gesagt worden als zu ihr: Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster senden, damit er bei euch bleibe ewiglich, den Geist der Wahrheit (Joh 14, 16). Das religiöse Lehramt ist das ausschließliche Amt der katholischen Kirche, weil die katholische Kirche allein immer als gelehrige Schülerin zu den Füßen der ewigen Wahrheit, des Sohnes Gottes, gesessen ist. Jedes Wahrheitswort, das aus dem Munde der Kirche kommt, kommt aus dem Munde des Heiligen Geistes. Jedes Wort, das aus dem Munde des Heiligen Geistes kommt, kommt aus dem Munde des Sohnes. Jedes Wort, das aus dem Munde des Sohnes Gottes kommt, kommt aus dem Munde des Vaters. Lumen de lumine! Licht vom Lichte! Es gibt nur eine lehrende Kirche, weil es nur einen Hl. Geist gibt, nur einen Hl. Geist, weil es nur einen Sohn Gottes gibt, nur einen Sohn Gottes, weil es nur einen ewigen Vater gibt. Das hängt alles aneinander. Ein Gott, eine Kirche, eine Wahrheit, ein Lehramt. Alles andere in der Welt muß in die Schule gehen. Alles!
Wir müssen die Dinge wieder auf die Füße stellen. Wir müssen aufhören, uns beständig als Lehrer zu gebärden, obwohl wir nur Schüler sind. Schüler sein ist keine Schande. Die größte Ehre des menschlichen Geistes besteht darin, daß wir lernend zu den Füßen der ewigen Wahrheit sitzen dürfen. Ich wiederhole: Das Volk, der sogenannte Akademiker nicht ausgenommen, ist Schüler seines Bischofs und seines Pfarrers. Weder dieser noch jener hat deswegen einen Grund, stolz auf die anderen herunterzuschauen. Er lehrt nur Gelerntes. Er verkündet nur Gehörtes.
Die Bischöfe und die Priester müssen die gelehrigen Schüler des obersten Hirten sein, und nur unter dieser Voraussetzung haben sie das Recht, mit Autorität vor ihre Herde zu treten und zu reden wie einer, der Macht hat. Aber auch der Papst ist weiter nichts, als der erste Schüler des Hl. Geistes. Der Unterschied zwischen Volk und Priester, Priester und Bischof, Bischof und Papst besteht hier in einem gewissen Sinn einfach darin, daß der eine eine Klasse weiter unten sitzt als der andere. Die Schule aber ist die gleiche. Einer ist unser Lehrer – Christus!
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