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1. Einwand: Es scheint, dass es nach diesem Leben kein Fegefeuer (Purgatorium) gibt. Denn es heißt (Offb 14,13): Selig sind die Toten, die im Herrn sterben. Von jetzt an, spricht der Geist, sollen sie ausruhen von ihren Mühen. Folglich erwartet jene, die im Herrn sterben, nach diesem Leben keine reinigende Mühe mehr; ebenso wenig jene, die nicht im Herrn sterben, da diese nicht gereinigt werden können. Also gibt es nach diesem Leben kein Fegefeuer.
2. Einwand: Weiterhin: Wie sich die Liebe (Caritas) zum ewigen Lohn verhält, so verhält sich die Todsünde zur ewigen Strafe. Nun werden jene, die in der Todsünde sterben, sogleich der ewigen Strafe überantwortet. Folglich gelangen jene, die in der Liebe sterben, augenblicklich zu ihrem Lohn; und folglich erwartet sie nach diesem Leben kein Fegefeuer.
3. Einwand: Weiterhin: Gott, der überaus barmherzig ist, neigt eher dazu, das Gute zu belohnen, als das Böse zu bestrafen. Nun tun aber jene, die sich im Stande der Liebe befinden, bisweilen gewisse böse Dinge, die keine ewige Strafe verdienen; ebenso vollbringen jene, die in der Todsünde sind, bisweilen Handlungen, die der Gattung nach gut (generice bona) sind und keinen ewigen Lohn verdienen. Da nun diese guten Handlungen nach diesem Leben bei jenen, die verdammt werden, nicht belohnt werden, sollten auch jene bösen Handlungen nach diesem Leben nicht bestraft werden. Daraus folgt derselbe Schluss.
Dagegen steht: Es heißt (2 Makk 12,46): Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Toten zu beten, damit sie von ihren Sünden erlöst werden. Nun ist es nicht notwendig, für die Toten zu beten, die im Himmel sind, denn sie bedürfen dessen nicht; ebenso wenig für jene, die in der Hölle sind, weil sie nicht von ihren Sünden erlöst werden können. Folglich gibt es nach diesem Leben einige, die noch nicht von ihren Sünden erlöst sind, aber davon erlöst werden können; und diese besitzen die Liebe, ohne die Sünden nicht gelöst werden können, denn die Liebe deckt alle Sünden zu. Daher werden sie nicht dem ewigen Tod überantwortet, da wer lebt und an mich glaubt, in Ewigkeit nicht sterben wird; noch werden sie die Herrlichkeit erlangen, ohne gereinigt zu sein, weil nichts Unreines sie erlangen wird, wie es im letzten Kapitel der Offenbarung (Vers 14) heißt. Folglich bleibt nach diesem Leben eine Art der Reinigung.
Weiterhin sagt Gregor von Nyssa: Wenn jemand, der Christus liebt und an ihn glaubt, es versäumt hat, seine Sünden in diesem Leben abzuwaschen, wird er nach dem Tod durch das Feuer des Fegefeuers befreit. Also bleibt nach diesem Leben eine Art der Reinigung.
Ich antworte: Aus den Schlussfolgerungen, die wir oben gezogen haben (III, Q. 86, A. 4–5; Suppl., Q. 12, A. 1), geht hinreichend klar hervor, dass es nach diesem Leben ein Fegefeuer gibt. Denn wenn die Strafschuld nicht vollständig abgetragen ist, nachdem der Makel der Sünde durch die Reue () abgewaschen wurde, und wenn ferner lässliche Sünden nicht immer aufgehoben werden, wenn die Todsünden vergeben werden, und wenn die Gerechtigkeit fordert, dass die Sünde durch die gebührende Strafe in die rechte Ordnung gebracht wird, so folgt daraus, dass jemand, der nach der Reue über seine Schuld und nach der Absolution stirbt, bevor er die gebührende Genugtuung () geleistet hat, nach diesem Leben bestraft wird. Daher sprechen jene, die das Fegefeuer leugnen, gegen die Gerechtigkeit Gottes; weshalb eine solche Behauptung irrig und dem Glauben entgegengesetzt ist. Daher fügt Gregor von Nyssa nach den oben zitierten Worten hinzu: Dies kann nicht anders verstanden werden als in Bezug auf das Fegefeuer; und wer sich der Autorität der Kirche widersetzt, zieht sich den Makel der Häresie zu.
Antwort auf Einwand 1: Die zitierte Autorität spricht von der Mühe des Wirkens um des Verdienstes willen (labor merendi) und nicht von der Mühe des Leidens zur Reinigung (labor patiendi ut purgetur).
Antwort auf Einwand 2: Das Böse hat keine vollkommene Ursache, sondern resultiert aus jedem einzelnen Mangel; wohingegen das Gute aus einer einzigen, vollkommenen Ursache entsteht, wie Dionysius versichert. Daher ist jeder Mangel ein Hindernis für die Vollkommenheit des Guten; während nicht jedes Gute die Vollendung des Bösen hindert, da es niemals ein Böses ohne ein gewisses Gutes gibt. Folglich hindert die lässliche Sünde denjenigen, der die Liebe besitzt, daran, das vollkommene Gut – nämlich das ewige Leben – zu erlangen, bis er gereinigt ist; wohingegen die Todsünde nicht durch ein mit ihr verbundenes Gut daran gehindert werden kann, den Menschen sogleich zum Äußersten der Übel zu führen.
Antwort auf Einwand 3: Wer in die Todsünde fällt, bringt all das Gute, das er zuvor getan hat, zum Ersterben (mortificät), und was er tut, während er in der Todsünde verweilt, ist tot; denn indem er Gott beleidigt, verdient er es, all das Gute zu verlieren, das er von Gott hat. Weshalb denjenigen, der in der Todsünde stirbt, nach diesem Leben kein Lohn erwartet, wohingegen denjenigen, der in der Liebe stirbt, bisweilen Strafe erwartet; denn die Liebe wäscht nicht immer die Sünde ab, die sie vorfindet, sondern nur jene, die ihr entgegensteht.
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