Sacraresponda

Wer jener sei, an den die Rede ergeht: Dir will ich die Schlüssel geben, Matthäus 16.

Veröffentlicht20. März 2026

Der dritte Zweifel betrifft die Person, an welche die Rede ergeht „Ich will dir die Schlüssel geben“. Obgleich nämlich den katholischen Kirchenlehrern der Sinn dieser Worte ganz klar scheint, so verdrehen doch die Gegner eben diese Worte so, dass sie alsbald ganz dunkel zu sein scheinen. Wer sagte bei schlichter Lesung der Worte (Mt 16, 17) „Selig bist du Simon, Sohn des Jonas“ und der sogleich folgenden (Mt 16, 19) „Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben“, wer sagte da nicht, dem Sohne des Jonas seien von Christus die Schlüssel versprochen worden?

Aber nichtsdestoweniger behaupten Luther, im Buche von der Papstgewalt, Calvin (Inst. l. 4. c. 6. §. 4. 19.), die Magdeburger (Cent. 1. l. 1. §. 2. passim), das schmalkaldische Buch vom Primat des Papstes und alle anderen Ketzer dieser Zeit, dem Petrus, dem Sohne des Jonas, sei nichts Besonderes versprochen worden, sondern alles, was an dieser Stelle stehe, betreffe die ganze Kirche, deren Rolle Petrus zu der Zeit spielte.

Man muss aber ins Auge fassen, dass Petrus die Kirche auf zweierlei Art vorstellen konnte, historisch und parabolisch. Historisch stellt nun einer die Person eines anderen vor, wenn er durch eine von ihm wirklich vollbrachte Handlung eine von dem anderen zu vollbringende andeutet und die letztere gewissermaßen darstellt. So deutete Abraham mit seinen zwei Söhnen Gott an, der zwei Völker künftig haben wollte, wie der Apostel in Gal 4, 22 die Sache auslegt. So zeigten Martha mit ihrer Sorge für emsigen Dienst und Maria in ihrer Ruhe zu den Füßen des Herrn die zwei Lebensweisen, deren eine auf Tätigkeit, die andere auf Betrachtung beruht.

Parabolisch wird durch eine Sache eine andere angedeutet, wenn nicht eine wirklich geschehene Sache vorgebracht, sondern etwas Wahrscheinliches erdacht wird, um damit etwas anderes zu bezeichnen. So bedeutet im Evangelium derjenige, welcher guten Samen sät, den Verkündiger Christus. Auf diese Weise pflegen auch bisweilen Abgesandte von Fürsten die Schlüssel der Städte zu empfangen, da sie doch derweil für sich eigentlich nichts erwerben, sondern bloß die Person ihres Fürsten vorstellen.

Bei dieser Sachlage glauben die Gegner, Petrus habe auf diese letztere Weise damals die Kirche bedeutet, als er vom Herrn hörte „Ich will dir die Schlüssel geben“. Daraus folgt, dass die Schlüssel ursprünglich der Kirche selbst gegeben worden und durch die Kirche den Hirten mitgeteilt würden und dass dies der buchstäbliche Sinn dieser Stelle sei. „Er erteilte sonach“, sagt die schmalkaldische Synode im Buche vom Primat des Papstes, „die Schlüssel ursprünglich und unmittelbar der Kirche. Demgemäß und darum hat die Kirche das Vorladungsrecht.“

Wir glauben aber, Petrus habe auf die erstere Weise die Kirche vorgestellt, so nämlich, dass er wahrhaftig und ursprünglich und (wie sie sagen) unmittelbar die Schlüssel empfangen und zugleich mit dem Empfang angedeutet hat, er werde nachher die ganze Kirche auf die gehörige Weise empfangen. Diese Weise werden wir bald nachher auseinandersetzen, jetzt aber kurz zeigen, dass sich die Sache so verhalte.

Erstlich hat nun Christus die Person Petri auf so vielfache Weise bezeichnet dass, nach der richtigen Bemerkung Cajetans, jene Notare, welche gerichtliche Dokumente abfassen, einen bestimmten Menschen nicht umständlicher zu bezeichnen pflegen. Denn erstlich machte er eine einzelne Person durch das Pronomen „Dir“ kenntlich. Sodann fügte er den Geburtsnamen bei, in den Worten „Selig bist du Simon!“. Er setzte ferner den Namen des Vaters bei, indem er sagt „Sohn des Jonas“, und wollte auch den Namen nicht übergehen, welchen Petrus von ihm erst erhalten. „Ich sage dir“, spricht er, „du bist Petrus.“ Wozu eine so genaue Beschreibung, wenn dem Petrus selbst eigentlich nichts versprochen wird? Sodann war Petrus zur damaligen Zeit nicht Legat oder Stellvertreter der Kirche. Denn wer hatte ihm ein solches Amt übertragen? Wir können also nicht die Vermutung hegen, dass jener im Namen der Kirche und nicht vielmehr in dem seinigen die Schlüssel empfangen habe.

Überdies werden jenem eigentlicherweise die Schlüssel von Christus versprochen, welcher gesagt hatte „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“. Dies bezeichneten nämlich jene Worte „Und ich sage dir“. Und nach der Bemerkung des hl. Hieronymus „empfängt das wahre Bekenntnis den Lohn“. Aber jenes herrliche Bekenntnis legte Petrus ab und legte es in eigener Person ab, empfing also in eigener Person den Verspruch der Schlüssel.

Zu dem wird man auch ebenso leugnen müssen, dass Abraham zwei Söhne gehabt, wenn wir darum leugnen, dass dem Petrus die Schlüssel versprochen worden, weil er die Kirche vorstellte. Denn auch jene zwei Söhne Abrahams bedeuteten, nach dem Zeugnisse des Apostels, zwei Völker. Wir werden auch in diesem Falle die Wahrheit nicht eingestehen dürfen, dass Martha um sehr vieles besorgt gewesen, während ihre Schwester zu den Füßen des Herrn saß, weil nämlich jene zwei Weiber Schatten und Vorbilder des tätigen und beschaulichen Lebens waren. Wenn dies stark ist, solche deutlich daliegende Geschichten in Zweifel zu ziehen, so muss es auch stark scheinen, zu zweifeln, dass dem Petrus etwas im Besondern versprochen worden sei, da die Sache so deutlich in der evangelischen Geschichte erzählt wird.

Endlich sprach der Herr die Worte „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben“ zu jenem, welcher bald darauf gleichfalls vom Herrn hörte: „Hinweg von mir Satan, du bist mir zum Ärgernisse!“ Und diese letzteren Worte sind zu Petrus allein und in eigener Person gesagt worden, wie sich aus dem Evangelium nicht undeutlich entnehmen lässt und Luther selbst im Buche von der Papstgewalt auch lehrt. Wer kann also leugnen, dass dem Petrus in eigener Person die Schlüssel versprochen worden waren?

Aber vielleicht ergingen nicht an einen die Worte „Ich will dir die Schlüssel geben“ und die Worte „Hinweg von mir Satan!“. Allerdings ergingen sie jedoch an einen. Denn beide Äußerungen stehen in demselben Abschnitte des Evangeliums und in beiden wird der Name des Petrus genannt und alle alten Väter waren einstimmig dieser Ansicht. Lehren doch Hilarius, Hieronymus, Chrysostomus und Theophylactus (In cap. 16. Matth.) ausdrücklich, an denselben Petrus ergehe die Rede „Ich will dir die Schlüssel geben“ und die Rede „Hinweg von mir!“.

Denn obgleich Hilarius (In h. l.) nicht gewagt hat, das Wort Satan auf Petrus zu beziehen, so bezieht er doch auf Petrus dasjenige, was vorhergeht, nämlich die Worte „Hinweg von mir!“. Ja er bezieht anderswo (Lib. 6. et. 10. de Trinitate. Psal. 131.) auch das Wort „Satan“ auf Petrus. „Er hatte“, sagt er, „einen solchen heiligen Eifer, zu dulden für das Heil des Menschengeschlechtes, dass er den Petrus, den ersten Bekenner des Sohnes Gottes, zum Grund der Kirche, zum Schließer des Himmelreiches und im irdischen Urteil zum Richter des Himmels, dem Satan zum Schimpf erhub.“ Und Augustinus (L. 2. contra duas epistolas Gaudentii cap. 23.) sagt: „Nun, ist Razias besser als der Apostel Petrus, welcher auf die Worte ‚Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes‘ von dem Herrn für so selig erklärt worden, dass er die Schlüssel des Himmelreiches zu empfangen gewürdigt wurde? Dessen ungeachtet glaubt man deshalb nicht, dass er darin nachahmungswürdig sei, worin er noch in demselben Augenblicke, getadelt wurde und hörte: Hinweg von mir Satan, denn du denkst nicht auf das, was Gottes ist“, etc.

Ähnlich ist das, was Ambrosius (Lib. de Isaac, cap. 3.) bei Auslegung jener Worte des Herrn an Petrus (Joh 13, 36), „Du kannst mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen“, sagt. „Die Schlüssel des Himmelreiches“, spricht er, „hatte er anvertraut und zeigte eine ungleiche Nachfolge an.“ Hier behauptet der hl. Ambrosius ganz deutlich, dass eben demselben die Schlüssel anvertraut worden, an welchen die Rede erging „Du kannst mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen“. Bekanntlich ergingen aber diese Worte an Petrus in eigener Person, so wie er wirklich in eigener Person gekreuzigt worden und im Tode Christus nachgefolgt ist.

Dagegen wirft aber Luther im Buche von der Papstgewalt folgende Gründe ein. Erstlich ist es gewiss, dass der Herr gesagt „Hinweg von mir Satan, du denkst nicht auf das, was Gottes ist!“ Aber diese Worte passen nicht auf jenen, welchem der Vater die himmlischen Geheimnisse enthüllte und welcher die Schlüssel des Himmelreiches empfing. Sonach empfing er nicht in eigener Person, sondern im Namen der Kirche die himmlische Offenbarung und die Schlüssel des Himmelreiches.

Wir entgegnen, alles das passe auf eine und dieselbe Person, wie von uns bereits bewiesen worden, jedoch nicht auf dieselbe Weise. Petrus hat nämlich zufolge eines göttlichen Geschenkes die Offenbarung und empfängt die Schlüssel. Zufolge eigener Schwäche ärgert er sich aber am Leiden und Tode Christi. Und das Wort „Satan“ darf uns nicht bedenklich machen, denn es bedeutet nicht den Teufel, sondern einen Gegner. Heißt ja שָׂטָן bei den Hebräern nichts anderes als entgegen sein. Obgleich sonach der Teufel allenthalben Satan genannt wird, so bezeichnet doch das Wort Satan nicht überall den Teufel.

Zweiter Einwurf. Petrus sagte im Namen aller: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, hörte also im Namen aller „Ich will dir die Schlüssel geben“. Dass Petrus nun im Namen aller Christus geantwortet habe, erhellt deutlich genug teils aus Chrysostomus, der (In h. l.) Petrus „den Mund der Apostel“ nennt, aus Hieronymus, welcher sagt, Petrus habe für alle geredet und aus Augustinus, welcher (Serm. 13. de verbis Domini) sagt, einer habe für alle geantwortet; teils auch aus dem Umstande, dass Christus alle Schüler fragte: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Denn entweder muss man alle Schüler anklagen, dass sie auf die Frage nicht geantwortet oder Petrus antwortete im Namen aller, was glaublicher ist.

Ich entgegne, Petrus habe im Namen aller geantwortet nicht wie ein Herold, sondern wie ein Fürst und Haupt und als Mund der Apostel, wie Chrysostomus sich ausdrückt. Er antwortete nämlich allein, weil die anderen nicht wussten, was sie hauptsächlich antworten sollten. Aber sie billigten das Bekenntnis des Petrus durch ihr Stillschweigen und antworteten in solcher Weise alle durch den Mund des Petrus. Wie also Petrus allein antwortete und die übrigen ihm beistimmten, so versprach Christus dem Petrus allein die Schlüssel, welche jedoch nach ihm auch den übrigen mitgeteilt werden sollten.

Dass sich aber die Sache so verhalte, erweisen wir auf folgende Art. Wenn Petrus im Namen aller geantwortet hätte, so hätte er es entweder zufolge eines Auftrags vonseiten der übrigen getan oder im Bewusstsein, jene würden so antworten. Beides ist aber falsch. Das Erste, weil er die Antwort einer Offenbarung des Vaters, nicht menschlicher Beratung verdankte. Der Herr sagt nämlich: „Denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbaret“, etc. Das Zweite, weil an ihn allein die Offenbarung geschah. Auch darum, weil er es auf irgendeine Weise kundgegeben hätte, falls er mit dem Sinn der anderen vertraut gewesen wäre, wie er in den Worten (Joh 6, 69 f.) getan: „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens [...] Wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist der Christus, der Sohn Gottes.“ Zu dieser Stelle bemerkt Chrysostomus, Petrus habe für alle gesagt „Und wir haben geglaubt“ etc. Darum habe Christus erinnert, dass dies nicht im Betreff aller wahr sei. Denn Judas glaubte nicht. „Habe ich“, sagt er, „nicht euch Zwölfe auserwählt und einer von euch ist ein Teufel?“ Als dagegen Petrus sagte: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, so billigte der Herr das Bekenntnis Petri schlechtweg, weil dieser der anderen nicht erwähnte.

Dazu mögen die Zeugnisse der alten Väter kommen, welche nicht undeutlich lehren, Petrus habe zuerst geredet, ohne auch nur zu wissen, was die anderen in Betreff dieser Sache dächten. Hilarius (In h. l.) sagt: „Er ward für würdig erachtet, das Göttliche in Christus zuerst zu erkennen“, etc. War er der Erste, so ist die Offenbarung nicht zugleich auch den anderen gemacht worden. Und Lib. 6. de Trinit. sagt er: „Bei dem Stillschweigen aller Apostel erkannte er durch Offenbarung des Vaters den Sohn Gottes“, etc. Und ebendaselbst: „Er hat geredet, was noch keine menschliche Stimme ausgesprochen hatte.“

Chrysostomus (Hom. 55. in Matth.): „Als er nach der Meinung des Volkes fragte, antworteten alle. Als er sie aber um die ihrige fragte, da trat Petrus alsogleich vor und sprach zuvorkommend: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Cyrillus (L. 12. in Joan. c. 64.) sagt: „Als Fürst und Haupt der übrigen ruft er zuerst aus: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Augustinus (Serm. 124. de tempore) sagt: „Der ist Petrus, welcher, zufolge göttlicher Offenbarung, zuerst unter allen die Wahrheit zu bekennen verdiente. Denn er sprach: Du bist Christus“, etc.

Leo (Serm. 11. de passione Domini) sagt: „Mit Recht ist der hl. Apostel Petrus beim Bekenntnis dieser Einheit gepriesen worden, er, der auf die Frage des Herrn, was die Schüler von ihm hielten, aufs Rühmlichste der Antwort aller zuvorkam und sprach: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Und Serm. 2. de SS Petro et Paulo: „Solange antworten sie gemeinsam, als schwankende menschliche Einsicht auseinandergelegt wird. Sobald es sich aber um die Meinung der Schüler handelt, tritt der zuerst mit dem Bekenntnis des Herrn hervor, welcher in der apostolischen Würde den ersten Rang einnimmt.“ Aus diesen Zeugnissen kann man ganz deutlich entnehmen, dass Petrus in keiner anderen Bedeutung für alle geantwortet hat, als weil Alle übrigen leicht der Meinung des Petrus beipflichteten.

Dritter Einwurf. Die Schlüssel werden dem Petrus versprochen nicht insofern, als er Sohn des Jonas, sondern insofern, als er Hörer (auditor) des himmlischen Vaters ist. Sie werden also eigentlich dem Hörer des himmlischen Vaters, nicht dem Fleische und Blute versprochen. Wir sind aber in Betreff keines einzigen bestimmten Menschen gewiss, ob er wirklich Hörer des Vaters sei. Dagegen sind wir ganz gewiss, dass die Kirche fortwährend am Munde Gottes des Vaters hängt. Deshalb sind nicht irgendeinem bestimmten Menschen, sondern der Kirche die Schlüssel versprochen worden.

Ich antworte, dieser Grund Luthers bilde einen gewaltigen Gegensatz zu den Worten des Evangeliums selbst. Christus sagt nämlich: „Selig bist du Simon, Sohn des Jonas.“ Und bald darauf: „Dir will ich die Schlüssel geben.“ Luther aber sagt: die Schlüssel sind nicht dem Simon, dem Sohne des Jonas, gegeben oder versprochen worden. Wiederum sagt Christus: „Mein Vater hat es dir geoffenbart, der im Himmel ist.“ Luther aber sagt: Wir wissen bei keinem gewiss, ob er den Vater hört, also auch nicht bei Petrus. Sonach sind die Worte Christi „Der Vater hat es dir geoffenbart“ falsch oder ungewiss. Denn was offenbarte der Vater dem Petrus, wenn Petrus nichts hörte? Hörte aber Petrus etwas und ist das Zeugnis Christi zuverlässig, so muss es auch zuverlässig sein, dass dem Petrus, dem Hörer des himmlischen Vaters, die Schlüssel gegeben worden seien.

Sodann ist der Umstand, dass man den Vater hört, kein Formalgrund (formalis ratio), weshalb die Schlüssel gegeben werden sollten. Sonst hinge die kirchliche Gewalt von der guten Beschaffenheit der Diener ab, was donatistische Ketzerei ist, die wir auch in der Augsburger Confession (cap. de Ecclesia) verworfen sehen. Jenes herrliche Bekenntnis Petri war dagegen die Gelegenheit oder der verdienende Grund (causa meritoria), dessentwegen ihm vor den anderen die Schlüssel versprochen wurden, wie aus den Kommentaren des Hilarius, Hieronymus, Chrysostomus und Theophylactus sich entnehmen lässt.

Vierter Einwurf. Der hl. Paulus (Röm 4, 10) sagt: „Wie ward dem Abraham der Glaube der Gerechtigkeit angerechnet?“ Sonach muss auch allen, welche glauben, der Glaube zur Gerechtigkeit angerechnet werden. Also haben auch ohne Zweifel alle Gläubigen, welche Christum bekennen, die Schlüssel in derselben Weise, wie sie Petrus empfing, weil er bekannt, dass Christus der Sohn des lebendigen Gottes sei. Dieser Beweis, sagt Luther, ist von derselben Art wie der Beweis des Paulus und fällt auch nur mit dem Beweise des Paulus. Ich antworte mit Cajetan, dieser Beweis habe zwar eine ähnliche Form, aber eine unähnliche Materie und deshalb keine Schlusskraft. Denn der Glaube führt seiner Natur nach zur Gerechtigkeit und macht aus einem Ungerechten einen Gerechten oder aus einem Gerechten einen Gerechteren, falls das übrige nicht fehlt, was zugleich mit dem Glauben zur Rechtfertigung erforderlich ist. Aber das Bekenntnis des Glaubens führt nicht seiner Natur nach zum Empfang der Schlüssel, sondern es gefiel Christo, das Bekenntnis des Petrus mit dem Geschenk der Schlüssel zu belohnen, obgleich es auf hundert andere Arten hätte von Christus belohnt werden können. Und etwas Ähnliches sehen wir bei Abraham. Dieser ist durch den Glauben nicht nur gerechtfertigt worden, sondern verdiente auch, der Vater vieler Völker zu werden, wie der Apostel an derselben Stelle sagt. Dessen ungeachtet wird nicht jeder, der glaubt, Vater vieler Völker. Der Glaube ist ja nicht an sich und natürlicherweise mit dem Geschenke der Schlüssel oder der Fruchtbarkeit verbunden, so wie er an sich und natürlicherweise mit der Gerechtigkeit verbunden ist.

Fünfter Einwurf. Die Schlüssel blieben entweder nach dem Tode des Petrus in der Kirche oder gingen mit Petrus zugrunde. Ist das Erste der Fall, so waren sie der Kirche gegeben worden. Ist das Zweite der Fall, so können die Menschen jetzt nicht mehr gelöst oder gebunden werden. Mit anderen Worten: Der Papst bringt entweder, wenn er gewählt wird, die Schlüssel mit oder nicht. Ist das Erste der Fall, so war er Papst, ehe er Papst wurde. Ist das Zweite der Fall, wo hat er dann die Schlüssel her? Werden sie ihm von irgendeinem Engel vom Himmel gebracht? Oder empfängt er sie vielmehr von der Kirche, welcher sie von Christus anfänglich übergeben worden sind?

Ich entgegne, die Schlüssel gingen bei dem Tode des Papstes nicht zugrunde, blieben aber auch nicht formaliter in der Kirche zurück, außer insofern, als sie den niederen Dienern mitgeteilt worden sind, sondern blieben in den Händen Christi. Wenn aber ein neuer Papst erwählt wird, so werden weder von ihm die Schlüssel gebracht noch ihm von der Kirche gegeben, sondern von Christus, nicht zufolge einer neuen Übergabe, sondern zufolge einer alten Einrichtung. Denn als er dem Petrus die Schlüssel gab, gab er sie allen seinen Nachfolgern. Ein ähnlicher Fall träte ein, wenn ein König, bei Einsetzung eines Vizekönigs, das Gesetz erließe, dass sie nach dem Tode des Vizekönigs einen anderen erwählen und zum Vizekönig ernennen sollten und wenn der König ausspräche, er werde dem alsdann Ernannten dieselbe Gewalt wie dem Vorgänger einräumen.

Der sechste Einwurf Luthers und Calvins (l. n.) ist von derselben Art. Bei Mt 16, 19 werden die Schlüssel des Himmelreichs nicht gegeben, sondern versprochen. Gegeben werden sie aber bei Mt 18, 18 und Joh 24, 23. In diesen Stellen werden sie nicht an den Petrus allein, sondern an alle Apostel gegeben. Denn bei Mt 18, 18 heißt es: „Was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein und alles, was ihr auf Erden auflösen werdet, das wird auch im Himmel aufgelöst sein.“ Und bei Joh 20, 22: „Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen: und welchen ihr sie behalten werdet, denen sind sie behalten.“ Indem sie ihnen versprochen werden, werden sie nicht Einem, sondern allen versprochen.

Ich entgegne, es sei in Betreff der letzteren Stelle keine Schwierigkeit vorhanden. Denn es ist ausgemacht, dass durch jene Worte nicht die ganze Schlüsselgewalt, sondern bloß die Standesgewalt zur Nachlassung der Sünden verliehen werde. An dieser Stelle wird nämlich die Gewalt auf die Sünden eingeschränkt. In jener Mt 16, 19 wird sie nicht eingeschränkt, sondern gesagt: „Was du immer binden wirst“, etc. Die Menschen werden aber nicht bloß durch Sünden, sondern auch durch Gesetze gebunden. Sodann ist es weniger, eine Sünde zu behalten, als den Sünder zu binden. Denn behalten heißt den Menschen in seinem Stande lassen oder nicht lösen. Binden heißt aber ihm eine neue Fessel auflegen, was durch Exkommunikation, Interdikt, Gesetze etc. geschieht. Endlich erklären die Väter mit bestimmten Worten, hier werde die Gewalt verliehen, Sünden durch die Sakramente der Taufe und Buße nachzulassen (Chrysost. Cyrillus in h. l. Hieronym. epist. ad Hedibiam quaest. 9.).

In Betreff der ersteren Stelle ist die Schwierigkeit größer. Origenes (Comment. h. l.) behauptet, an dieser Stelle werde nicht eine kirchliche Gewalt übergeben, sondern die brüderliche Zurechtweisung empfohlen. In dieser Stelle, sagt er, löse derjenige, welcher durch seine Ermahnung bewirkt, dass der Sünder wieder zu sich kommt und durch die schuldige Buße von den Fesseln der Sünde befreit wird. Dagegen binde derjenige, welcher durch seine Anzeige bewirkt, dass der Sünder für einen Heiden und Zöllner gehalten wird. Aber an derselben Stelle fügt Origenes bei, das, was an dieser Stelle stehe, sei nicht gleichbedeutend mit dem, was bei Mt 16 steht. Diese Erklärung des Origenes scheint nicht besonders billigenswert. Gleichwohl lässt sich aus derselben deutlich genug entnehmen, dass Origenes den Lutheranern auf keine Weise beipflichtet.

Eine andere Erklärung gab Theophylactus. Er glaubt, die Worte des Herrn gingen an diejenigen, welche Unrecht leiden. Diese bänden, indem sie das Unrecht zurückbehielten, lösten, indem sie es nachließen. Diese Ansicht ist nicht so gar wahr. Denn derjenige, welcher das Unrecht leidet, lässt es entweder dem reuigen Beleidiger nach oder dem nicht reuigen. Ist das Erste der Fall, so wird jener zwar im Himmel gelöst sein, aber nicht deshalb, weil der Beleidigte vergibt. Denn jener wäre in diesem Falle ja auch gelöst im Himmel, wenn der Beleidigte nicht vergeben wollte. Ist das Zweite der Fall, dann ist der Beleidiger im Himmel nicht gelöst, wenn ihn auch der Beleidigte auf Erden löste; und dasselbe lässt sich in Betreff des Bindens sagen. Wäre aber auch die Ansicht richtig, so täte sie unserer Sache doch keinen Eintrag. Es ist nämlich ausgemacht, dass dem Petrus ein anderes Amt übertragen worden, als die ihm zugefügten Unbilden zu vergeben. Demnach ist es gemeinsame Auslegung des Hilarius, Hieronymus, Anselmus und anderer (In h. l.), auch des Augustinus (Tract. 22. et 49. in Joan.), dass der Herr von der Schlüsselgewalt rede, durch welche die Apostel und ihre Nachfolger die Sünder binden oder lösen.

Und obgleich es sich hier hauptsächlich um die Gewalt der Jurisdiktion, durch welche Sünder von der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen werden, zu handeln scheint, so legen doch die genannten Väter diese Stelle auf beide Gewalten, auf die Standes- (ordinis) und JurisdiktionsGewalt aus. Und in der Tat scheint dies aus dem Texte selbst entnommen werden zu können. Denn es heißt hier eben so allgemein „Was ihr immer lösen werdet“ wie bei Mt 16, 19 „Was du immer lösen wirst“. Aber wenn sich die Sache so verhält, was werden wir dann den Gegnern antworten? Wird nicht dasjenige, was dem Petrus allein versprochen schien, alsbald allen Aposteln gegeben?

Thomas Cajetanus (Tract. de Institut. et auctoritate Rom. Pont. cap. 5.) lehrt, die Schlüssel des Himmelreiches seien nicht gleichbedeutend mit der Gewalt, zu lösen und zu binden, die Schlüssel des Himmelreiches schlössen nämlich sowohl die Standes- als Jurisdiktionsgewalt, welche durch die Handlungen des Bindens und Lösens bezeichnet werden, und noch etwas darüber in sich, da öffnen und schließen mehr zu umfassen scheine als binden und lösen.

Aber diese Lehre scheint uns mehr fein als wahr zu sein. Es ist nämlich unerhört, dass es in der Kirche andere Schlüssel gebe als die des Standes und der Jurisdiktion. Und der offen daliegende Sinn jener Worte „Ich will dir die Schlüssel geben und was immer du binden wirst auf Erden“ etc. ist der: erstlich soll die durch die Schlüssel bezeichnete Vollmacht oder Gewalt versprochen, sodann auch Ausübung oder Amt durch jene Worte „Binden und lösen“ angegeben werden, so dass lösen und öffnen, schließen und binden ganz gleichbedeutend sind. Der Herr wählte aber für die Handlungen der Schlüssel den Ausdruck binden und lösen, nicht die Ausdrücke schließen und öffnen, um uns zur Einsicht zu bringen, dass alle jene Ausdrücke metaphorischer Natur seien und dass der Himmel den Menschen endlich dann geöffnet würde, wenn die Menschen von den Sünden gelöst werden, welche den Eingang in den Himmel verhindern.

Nachdem wir nun dies vorausgeschickt haben, erklären wir, dass durch jene Worte, welche bei Mt 18, 18 stehen, nichts gegeben, sondern bloß versprochen oder auseinandergesetzt und vorhergesagt werde, welche Gewalt die Apostel und ihre Nachfolger ihrer Zeit haben würden. Erstlich liegt es nämlich offen da, dass die Apostel zu Priestern erst am Abendmahl und zu Bischöfen und Hirten erst nach der Auferstehung gemacht worden und also zu der Zeit, wo der Herr dies sprach, Privatmenschen gewesen und gar keine kirchliche Gewalt gehabt.

Wenn sodann durch die Worte „Alles, was ihr binden werdet, wird gebunden sein“ in der Wirklichkeit die Bindungsgewalt verliehen wird, so wird sie auch durch jene Worte „Was du immer binden wirst, wird gebunden sein“ etc. gegeben, nicht versprochen worden sein, denn die Worte sind sich ganz und gar ähnlich. Aber die Gegner gestehen, dass durch jene Worte „Alles, was du binden wirst“ etc. nichts gegeben, sondern bloß etwas versprochen worden: also wird auch durch jene „Alles, was ihr binden werdet“ nichts gegeben, sondern bloß etwas versprochen. Die Ursache dieses Versprechens bilden aber die Worte des Herrn, man müsse den für einen Heiden und Zöllner halten, welcher die Kirche nicht höre. Damit also nicht einer auf den Glauben käme, man müsse die Vollmacht der Kirche verwerfen, fügte der Herr bei, die Macht der kirchlichen Vorgesetzten werde so groß sein, dass dasjenige auch im Himmel gebunden sei, was sie auf Erden bänden.

Man wird sagen: wenn an dieser Stelle die Schlüssel den Aposteln nicht gegeben, sondern bloß versprochen worden sind, wo sind sie denn dann gegeben worden? Ich antworte, sie seien gegeben worden bei Joh 20, 21 und 21, 17. Denn bei Joh 20, 21 sagt der Herr zu den Aposteln: „Der Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch.“ Damals teilte er ihnen die Gewalt oder den Schlüssel der Jurisdiktion zu. Er machte sie nämlich mit diesen Worten gleichsam zu Abgesandten und Leitern der Kirche in seinem Namen. Mit den nachfolgenden Worten „Empfanget den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden nachlassen werdet“ etc. gab er ihnen die Gewalt des Standes, d. h. der Priesterweihe (ordinis), wie wir oben gesagt.

Dass wir aber zur Einsicht gelangten, dass diese höchste Gewalt allen Aposteln, als Gesandten, nicht als gewöhnlichen Hirten, und zwar mit einer gewissen Unterwerfung in Bezug auf Petrus übertragen worden, ergeht bloß an Petrus die Rede (Joh 21, 17) „Weide meine Schafe!“, so wie bloß an diesen die Rede ergangen war: „Dir will ich die Schlüssel geben.“ Denn die Schlüssel des Himmelreichs empfing er als Haupt- und ordentlicher Vorgesetzter bloß damals, als er die Worte hörte: „Weide meine Schafe!“ Damals ist ihm nämlich auch die Leitung über seine apostolischen Brüder anvertraut worden.

Und deshalb ist er auch bei der Hingabe, deren bei Joh 21 erwähnt wird, ebenso „Simon, Sohn des Johannes“ oder, wie im Griechischen steht, Σίμων Βαριωνᾶ genannt worden, wie er bei Mt 16, 17, als ihm die Schlüssel versprochen worden, „Simon, Sohn des Jonas“ genannt worden. Und wie ihm bei Mt 16 die Schlüssel nicht eher versprochen worden, als er seinen besonderen Glauben an Christus bezeugte: so erging auch (Joh 21, 17) nicht eher die Rede „Weide meine Schafe!“ an ihn, als bis er gefragt worden, ob er Christum mehr liebe, als die übrigen Christum liebten. Und in der Tat war kein Grund vorhanden, warum so insbesondere an Petrus die Rede „Ich will dir die Schlüssel geben“ und „Weide meine Schafe!“, und zwar ob seines besonderen Glaubens und seiner besonderen Liebe hätte ergehen sollen, wenn er nicht mehr als die Übrigen in der Zukunft erhalten sollte. Darum schreibt der hl. Leo (Epistol. 89. ad Episcopos Viennensis provinciae) mit Recht, dem Petrus sei vorzugsweise vor den Übrigen die Gewalt zu lösen und zu binden übergeben worden.

*Der letzte Einwurf Luthers und Calvins hat die Zeugnisse der Väter zur Quelle. Der hl. Cyprianus (De simplicitate praelatorum, sive de unitate Ecclesiae) lehrt nämlich, dem Petrus seien aus keiner anderen Ursache im Besonderen die Schlüssel übergeben worden, die nachher allen gegeben wurden, als um die Einheit der Kirche anzuzeigen. „Die übrigen Apostel“, sagt er, „waren ganz das, was Petrus gewesen, waren mit gleicher Ehre und Vollmacht ausgerüstet. Aber der Anfang geht von der Einheit aus und der Primat wird dem Petrus gegeben, um die Einheit der Kirche zu zeigen.“ Auch der hl. Hilarius (Lib. 6. de Trinit.) redet also: „Ihr o heiligen und seligen Männer, welche ob des Verdienstes eures Glaubens die Schlüssel des Himmelreiches erlangten und das Recht bekamen, zu binden und zu lösen im Himmel und auf Erden“, etc.

Der hl. Hieronymus (Lib. 1. in Jovinianum) sagt: „Dagegen sagst du, auf Petrus wird die Kirche gegründet, obgleich dies an einer anderen Stelle auf alle Apostel geschieht und alle“, etc. Der hl. Augustinus (Tract. 50. in Joan.): „Wäre in Petrus nicht sakramentarischerweise die Kirche, so sagte der Herr nicht zu ihm: Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Wenn diese Rede an Petrus erging, so geschieht es nicht von der Kirche. Geschieht es aber in der Kirche, so bedeutete Petrus damals, als er die Schlüssel empfing, die heilige Kirche.“ Ähnliches tract. ult. in Joan., In Psal. 108., Doctr. Christ. l. 1. c. 18., De agone Christiano c. 30. Der hl. Leo (Serm. 3. de anniversario assumptionis suae ad pontificatum) sagt endlich, bei Erklärung der Worte Ich will dir die Schlüssel geben: „Die Kraft seiner Vollmacht ging auf die anderen Apostel über und die Anordnung dieses Ausspruches kam den jedesmaligen Kirchenhäuptern zugute.“

Ich entgegne, der hl. Cyprianus sage in dem Ausspruche, die Apostel seien gleich an Ehre und Vollmacht gewesen, nichts unserer Ansicht Widersprechendes. Wir gestehen nämlich, dass die Apostel in Betreff der apostolischen Gewalt gleich gewesen und ganz dieselbe Vollmacht gegen die christlichen Völker gehabt. Aber unter sich sind sie nicht gleich gewesen. Dies lehrt der hl. Leo (Epist. 84. ad Anastasium, episcopum Thessalonicensem), indem er gleichsam jene Worte des Cyprianus erklärt. „Unter den heiligen Aposteln“, sagt er, „fand bei ähnlicher Würde doch ein gewisser Unterschied der Gewalt statt. Und obgleich sie alle gleicherweise Erwählte waren, wurde doch einem zuteil, über die anderen hervorzusragen.“

Dasselbe lehrt der hl. Cyprianus an derselben Stelle und an anderen Orten allenthalben. Denn indem er sagt: „Der Anfang geht von der Einheit aus, damit die Einheit der Kirche gezeigt werde“, so meint er damit nicht, diese Gewalt sei an den einen Petrus der Zeit nach früher als an die Übrigen übergeben worden, damit durch ihn die Einheit der Kirche bedeutet würde, sondern meint damit, die Kirche habe in dem einen Petrus, wie in Grund und Haupt, begonnen, damit aus dem einen Grund und Haupt der Kirche ihre Einheit erwiesen würde, so wie die Einheit des Hauses von dem einen Grund und die Einheit der Körper von dem einen Haupt hergenommen wird.

Dass aber dieser Sinn in den Worten des Cyprianus stecke, lässt sich erstens aus der Falschheit des Umstandes erweisen, dass die kirchliche Gewalt dem Petrus der Zeit nach früher erteilt worden als den Übrigen. Denn allen ist sie Joh 20, 23 gegeben worden. Zu Petrus allein ist aber nachher Joh 21, 17 gesagt worden: „Weide meine Schafe!“ Sonach wird unter den Worten „Der Anfang ging von einem aus“ nicht verstanden, einem seien die Schlüssel früher gegeben worden, sondern, bloß einem seien sie, als dem ordentlichen und ersten Hirten und Haupte der Übrigen, gegeben worden.

Sodann lässt sich dasselbe aus den eigenen Worten des Cyprianus erweisen. Denn in derselben Schrift (De simplicitate praelatorum) erklärt er die Einheit der Kirche und inwiefern der Anfang von dem einen Petrus ausgehe und schreibt hierbei, die Kirche sei in der Weise eine einzige, in welcher alle Sonnenstrahlen ein Licht genannt würden, weil sie von der einen Sonne ausfließen, und viele Bäche ein Wasser, weil sie aus einer Quelle entspringen, und viele Zweige ein Baum, weil sie alle aus einer Wurzel entsprossen.

Diese Wurzel und diese Quelle, der die Einheit der Kirche entspringt, lehrt ferner Cyprianus an vielen Orten, sei der Stuhl Petri. Er sagt (Lib. 1. epist. 3. ad Cornelium): „Sie wagen zum Stuhle und zur fürstlichen Kirche Petri zu schiffen, woraus die priesterliche Einheit entstanden.“ Was ist klarer? Anderswo (Lib. 4. epist. 8. ad Cornelium) spricht er vom Stuhle Petri und äußert hierbei: „Der Ermahnung, die Mutter und Wurzel der katholischen Kirche anzuerkennen und an ihr zu halten, sind wir uns bewusst.“ Und epist. ad Jubaianum sagt er: „Wir halten an dem Haupt und an der Wurzel der einen Kirche.“ Und unten sagt er, bei der Erklärung, was diese Wurzel sei: „Denn der Herr gab zuerst dem Petrus, auf den er die Kirche baute, und daraus den Ursprung der Einheit begründete und zeigte, jene Gewalt [...] Die Kirche, welche eine ist, ist auf einen, der ihre Schlüssel empfing, durch die Worte des Herren gegründet worden“, etc. Hier sieht man klar, dass sie eine Kirche genannt werde, weil sie auf einen Petrus gegründet worden ist.

Auch in Betreff des Zeugnisses aus Hilarius gestehen wir, dass alle Apostel die Schlüssel empfangen, aber nicht auf dieselbe Weise wie Petrus. Darum schreibt auch Hilarius an derselben Stelle, Petrus habe dadurch, dass er allein antwortete, während alle Apostel schwiegen, durch das Bekenntnis seines Glaubens eine überragende Stelle sich verdient. Petrus nahm sonach unter den Aposteln eine hervorragende Stellung ein, wenn wir dem Hilarius glauben. Und er sagt (In cap. 15. Matth.) insbesondere von Petrus: „O heiliger Himmelspförtner, dessen Urteil die Schlüssel zum ewigen Eingang übergeben worden.“

In Betreff des Hieronymus bemerke ich, dass sich die Lösung an derselben Stelle befinde. Denn Hieronymus sagt, die Apostel hätten insgesamt die Schlüssel in einer Weise gehabt, bei welcher sie gleichwohl Petrus, dem Haupte, unterworfen waren.

In Betreff des Leo bemerke ich, dass die Vollmacht zu lösen und zu binden zwar auf viele andere übergegangen, aber doch dem Petrus ursprünglich gegeben worden sei. Denn Leo sagt auch an derselben Stelle: „Wünschte Christus, dass auch die übrigen Häupter etwas mit jenem gemein hätten, so verlieh er alles das, was er den anderen nicht verweigerte, ihnen bloß durch Petrus selbst.“ Und epist. 89. ad episcopos Viennensis provinciae sagt er: „Dem Petrus ist vorzugsweise vor den Übrigen die Gewalt zu lösen und zu binden übergeben worden.“

Noch sind die Zeugnisse des Augustinus übrig. Um sie mit Genauigkeit erklären zu können, müssen drei Dinge bemerkt werden. Erstlich, dass Augustinus bei dem Ausspruch „Petrus habe die Kirche vorgestellt, als er die Schlüssel empfing“ dies historisch, nicht parabolisch genommen habe, so dass er keineswegs die Behauptung für verwerflich gehalten, Petrus habe wahrhaftig in eigener Person die Schlüssel empfangen. Dies erhellt aus tract. in Psalm. 108., welche Stelle Luther einwarf. Daselbst sagt nämlich Augustinus, Petrus habe beim Empfang der Schlüssel ebenso die Kirche vorgestellt, wie Judas die undankbaren Juden, als er Christum verriet. Es ist aber historisch ausgemacht, dass Judas wirklich in eigener Person Christum verraten habe.

Auch sagt Augustinus (Tract. ult. in Joan.), Petrus habe ebenso die streitende Kirche und das tätige Leben vorgestellt, als er die Worte „Folge mir!“ und die Worte „Ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ hörte und als er die Schlüssel des Himmelreiches empfing – wie Johannes die triumphierende Kirche und das beschauliche Leben vorstellte, als er an der Brust des Herrn lag und zu ihm gesagt wurde: „Ich will, dass er so bleibe.“ Es ist aber ausgemacht, dass Johannes geschichtlich und wahrhaft in eigener Person an der Brust des Herrn geruht habe und dass an ihm buchstäblich die Worte „Ich will, dass er so bleibe“ erfüllt werden, ob er nun gestorben oder nicht gestorben auf eine gewaltsame Weise oder was sonst unter jenen Worten verstanden wird. Und ebenso buchstäblich gewiss ist es, dass Petrus in eigener Person gehört „Ein anderer wird dich gürten“ etc. Sonach muss auch dies, dass Petrus die Schlüssel empfangen, historisch verstanden werden.

Endlich sagt Augustinus (De Trinit. l. 15. c. 26.), Christus habe bei der Taufe die Kirche vorgestellt. Und gleichwohl ist Christus ohne Zweifel wahrhaft und buchstäblich getauft worden. Bei Augustinus wird also die historische Erzählung nicht ausgeschlossen, wenn er sagt, eines habe das andere vorgestellt.

Aber Augustinus, wird man sagen, scheint (In Psal. 108.) der Ansicht zu sein, man könne nicht alles von der Person des Judas verstehen, was im 108. Psalm steht und es sei deshalb notwendig, vieles auf Judas auszulegen, insofern er die Gottlosen vorstellte. Und (Tract. ult. in Joan.) legt Augustinus die Worte über Petrus und Johannes figürlich aus, weil diese Worte auf ihre Person eigentlich nicht zu passen scheinen. Denn von Petrus heißt es, dass er Christum mehr geliebt als Johannes. Und umgekehrt heißt es von Johannes, dass er von Christus mehr geliebt gewesen sei als Petrus. Diese Worte können nicht buchstäblich wahr sein, da Christus gerecht ist und immer diejenigen mehr liebt, von denen er mehr geliebt wird. Indem also Augustinus etwas von Petrus, als dem Repräsentanten der Kirche, auslegt, tut er es im Glauben, dass es in eigentlicher Bedeutung auf Petrus nicht passe.

Ich entgegne, Augustinus sage nirgends, dass die Worte der Schrift über Judas, Petrus und Johannes nicht buchstäblich wahr seien. Augustinus war nämlich weder unwissend noch gottlos genug, um leugnen zu wollen, Johannes habe geschichtlich an der Brust des Herrn geruht, oder zu leugnen, dass es von Johannes buchstäblich hieße „Dieser ist der Schüler, den Jesus lieb hatte“, oder dass zu Petrus buchstäblich gesagt worden „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als diese?“ oder „Folge mir nach!“. Sonach leugnet Augustinus nicht, dass die Worte über Judas, Petrus und Johannes buchstäblich verstanden werden können und müssen. Er sagt bloß, der buchstäbliche Sinn sei oft dunkel und nicht leicht zu finden, der mystische Sinn sei aber viel heller und klarer und deshalb habe er den buchstäblichen beiseite lassen und jene Stellen figürlich auslegen wollen.

Zweitens darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der hl. Augustinus bei den Worten, der hl. Petrus habe in Person der Kirche die Schlüssel empfangen, nicht andeuten wolle, dass Petrus die Schlüssel wirklich und geschichtlich empfangen habe, wie ein Stellvertreter oder Abgesandter der Kirche, in der Weise, in welcher ein Abgesandter eines Fürsten, im Namen seines Fürsten, die Schlüssel einer Stadt zu empfangen pflegt – sondern vielmehr als Fürst und Lenker der ganzen Kirche. In solcher Weise sagen wir, das werde dem Königreiche gegeben, was dem Könige selbst gegeben wird, besonders, falls es zum öffentlichen Nutzen gereicht.

Dass dies der Sinn und die Meinung des hl. Augustinus sei, lässt sich deutlich aus dem Umstand entnehmen, dass er fast allenthalben, wo er sagt, Petrus habe die Kirche vorgestellt, erklärt, er sage dieses in Rücksicht auf den Primat. Tract. ult. in Joan. sagt er: „Diese Kirche stellte der Apostel Petrus, wegen des Primats seines Apostolats, in figürlicher Allgemeinheit vor.“ In Psal. 108.: „Diese [Kirche] stellte jener, wegen des Primats, welchen er unter den Schülern hatte, anerkannterweise vor.“ Serm. 13. de verbis Domini: „Petrus, welcher seinen Namen von petra, dem Felsen, erhielt, der Selige, welcher die Kirche vorstellte, den Primat des Apostolats innehatte.“

Endlich darf man nicht außer Acht lassen, dass nach Augustinus Petrus auf zwei Arten wegen seines Primats die Kirche vorgestellt habe. Erstlich deutete nämlich Petrus durch den Empfang der Schlüssel, als höchster Kirchenvorsteher, an, dass alle Vorsteher dieselben Schlüssel haben würden, aber von Petrus und unter abgemessener Mitteilung. Petrus empfing nämlich die Schlüssel nicht um sie allein zu gebrauchen, sondern um sie mit allen Bischöfen und Presbytern zu teilen. Lediglich die Apostel machten nämlich hierbei eine Ausnahme, weil sie die Schlüssel auf außerordentliche Weise unmittelbar von Christus empfingen, wie wir anderswo bemerkt.

Sonach ist Petrus erstens das Bild des ganzen Kreises der Kirchendiener gewesen. Und dies wollte Augustinus angedeutet wissen in den Worten (Tract. 50. in Joan.): „Wenn diese Rede bloß an Petrus erging, so geschieht es nicht von der Kirche: geschieht es aber in der Kirche, so stellte Petrus, beim Empfang der Schlüssel, die heilige Kirche vor.“ Aus dieser Stelle nahm Calvin das „bloß“, uns auf die Meinung zu bringen, dem Petrus sei nur insofern, als er die Kirche bedeutete, etwas gesagt oder gegeben worden.

Aber Augustinus sagt nicht „Wenn diese Rede an Petrus erging, so geschieht es nicht von der Kirche“, sondern „Wenn diese Rede bloß an Petrus erging“ etc. Und der Sinn dieser Worte ist der: wenn in dem Sinne bloß an Petrus die Rede erging „Ich will dir die Schlüssel geben“, dass er allein lösen und binden dürfte, so folgt, dass die übrige Kirche, d. h. die übrigen Diener, dies nicht tun. Geschieht es aber auch von den anderen, wie wir sehen, so vertrat Petrus beim Empfang der Schlüssel zuverlässig die gesamte Kirche. Von der anderen Seite stellte Petrus beim Empfang der Schlüssel die ganze heilige Kirche vor, d. h. alle gerechten und lebendigen Glieder des Leibes Christi. Denn der hl. Augustinus dachte wegen der Donatisten eine neue Art, über die Schlüssel und Sündenvergebung zu sprechen, aus. Denn außer der Darstellungsweise, nach welcher wir sagen, die Sünden würden von den Priestern bei Ausspendung der Sakramente der Taufe und Buße vergeben (welcher Ausdrucksweise er sich wie die übrigen Väter allenthalben bedient) pflegt er auch häufig zu sagen, die Sünden würden von der Liebe der Kirche, von dem Seufzen der Taube, von dem Gebet der Heiligen vergeben und solcherweise seien die Schlüssel des Himmelreiches bloß in den Händen der Gerechten und dies habe Petrus beim Empfang der Schlüssel angedeutet.

Tract. 121. in Joan. sagt er: „Die Liebe der Kirche, welche durch den Heiligen Geist in unseren Herzen ausgegossen wird, lässt die Sünden der Kirchenglieder nach: behält aber die Sünden derjenigen, welche an ihr nicht teilhaben.“ De Baptismo lib. 3. cap. 18*: „Die Erlassung der Sünden, welche ohne Rücksicht auf den Täufer durch das Gebet der Heiligen, d. h. durch das Seufzen der Taube, gegeben wird, falls nur die zum Frieden der Taube gehören, welchen die Vergebung der Sünden erteilt werden soll, geben sie nicht. Denn zu Räubern und Wucherern spräche der Herr nicht: Wenn ihr einem die Sünden nachlassen werdet, so werden sie ihm nachgelassen, wenn ihr sie einem behalten werdet, so werden sie behalten sein. Außerhalb kann ja weder etwas gebunden, noch etwas gelöst werden, falls nicht jemand da ist, der binden oder lösen kann. Gelöst wird aber derjenige, welcher mit der Taube Frieden gemacht, gebunden derjenige, welcher mit der Taube nicht Frieden hält.“ Und cap. 17: „Da der Herr zum Vorbild der Einheit dem Petrus die Gewalt gab, dass dasjenige, was dieser gelöst, auf Erden gelöst würde, so ist es ja klar, dass jene Einheit auch eine vollkommene Taube genannt worden.“ Und unten: „Durch das Gebet der geistlichen (Spiritualium) Heiligen, welche in der Kirche sind, durch das unaufhörliche Seufzen der Taube, wird ein großes Sakrament vollbracht und auf geheime Weise das göttliche Erbarmen hervorgerufen, so dass auch die Sünden derjenigen vergeben werden, welche nicht durch die Taube, sondern durch einen Habicht getauft werden, wenn sie zu jenem Sakrament im Frieden mit der katholischen Einheit schreiten.“ Ähnl. De Baptismo lib. 5. cap. 21., lib. 6. cap. 3., lib. 7. c. 51.

Übrigens deutet der hl. Augustinus mit diesen Worten nicht an, dass die Kirche der Gerechten vermöge Vollmacht die Sünden nachlasse, sondern dass niemanden die Sünden nachgelassen würden, trotz der Taufe oder Buße, falls auf ihn nicht die Liebe der Kirche ausgedehnt und er ein lebendiges Glied der Taube und sofort des Gebetes der anderen Gerechten teilhaftig werde. Denn durch das Gebet der Heiligen, das Seufzen der Taube, erlangt man die innere Buße und die Liebe, wodurch alle diejenigen, welche gerechtfertigt werden, formaliter gerechtfertigt werden.

Diese Ausdrucksweise ersann aber der hl. Augustinus wegen der Donatisten, welchen es wunderlich vorkam, dass Ketzer durch die Taufe rechtfertigen und in die Kirche einführen könnten, da diese in Sünden und außerhalb der Kirche wären. Um diese Verwunderung zu heben, sagt Augustinus, nicht so fast derjenige, welcher tauft, lasse die Sünden nach als das Seufzen der Taube, weil der Täufling nicht deshalb gerechtfertigt wird, weil er von diesem oder jenem getauft wird, sondern darum, weil durch die Taufe, erteile sie wer wolle, auf den Täufling die Liebe der Kirche ausgedehnt wird.