III, q. 8 a. 5
Ob die Gnade Christi als Haupt der Kirche dieselbe ist wie seine habituelle Gnade, insofern Er Mensch ist?
Quaestio 8 · Von der Gnade Christi, insofern er das Haupt der Kirche ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Gnade, durch die Christus Haupt der Kirche ist, und die individuelle Gnade des Menschen nicht dieselbe sind. Denn der Apostel sagt (Röm 5,15): „Wenn durch die Übertretung des einen die vielen gestorben sind, so ist viel mehr die Gnade Gottes und die Gabe in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus übergeströmt auf die vielen.“ Aber die aktuelle Sünde Adams ist verschieden von der Erbsünde, die er auf seine Nachkommen übertrug. Daher ist die personale Gnade, die Christus eigen ist, verschieden von seiner Gnade, insofern Er das Haupt der Kirche ist, welche von Ihm auf andere überfließt.
Einwand 2: Ferner werden Habitus durch Akte unterschieden. Aber die personale Gnade Christi ist auf einen Akt hingeordnet, nämlich die Heiligung seiner Seele; und die Gnade des Hauptes ist auf einen anderen hingeordnet, nämlich andere zu heiligen. Deshalb ist die personale Gnade Christi verschieden von seiner Gnade, wie Er das Haupt der Kirche ist.
Einwand 3: Weiterhin unterscheiden wir in Christus, wie oben gesagt wurde (Quaestio [6], Artikel [6]), eine dreifache Gnade, nämlich die Gnade der Union, die Gnade des Hauptes und die individuelle Gnade des Menschen. Nun ist die individuelle Gnade Christi verschieden von der Gnade der Union. Deshalb ist sie auch verschieden von der Gnade des Hauptes.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Joh 1,16): „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen.“ Nun ist Er unser Haupt, insofern wir von Ihm empfangen. Deshalb ist Er unser Haupt, insofern Er die Fülle der Gnade hat. Nun hatte Er die Fülle der Gnade, insofern die personale Gnade in Ihm in ihrer Vollkommenheit war, wie oben gesagt wurde (Quaestio [7], Artikel [9]). Daher sind seine Gnade als Haupt und seine personale Gnade nicht verschieden.
Ich antworte darauf, dass, da alles insofern wirkt, als es ein Seiendes im Akt ist, es derselbe Akt sein muss, durch den es im Akt ist und durch den es wirkt, wie es dieselbe Hitze ist, durch die das Feuer heiß ist und durch die es erhitzt. Doch genügt nicht jeder Akt, durch den etwas im Akt ist, dafür, dass es das Prinzip des Einwirkens auf andere sei. Denn da das Agens edler ist als das Patiens, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 16) und der Philosoph (De Anima iii, 19), muss das Agens aufgrund eines gewissen Vorrangs auf andere wirken. Nun wurde oben gesagt (Artikel [1]; Quaestio [7], Artikel [9]), dass die Gnade von der Seele Christi in höchster Weise empfangen wurde; und deshalb wird aus diesem Vorrang der Gnade, die Er empfing, diese Gnade von Ihm auf andere übertragen – und dies gehört zur Natur des Hauptes. Daher ist die personale Gnade, durch welche die Seele Christi gerechtfertigt wird, wesenhaft dieselbe wie seine Gnade, wie Er das Haupt der Kirche ist und andere rechtfertigt; aber es gibt eine begriffliche Unterscheidung zwischen ihnen.
Antwort auf Einwand 1: Die Erbsünde in Adam, die eine Sünde der Natur ist, leitet sich von seiner aktuellen Sünde ab, die eine personale Sünde ist, weil in ihm die Person die Natur verdarb; und mittels dieser Verderbnis wird die Sünde des ersten Menschen auf die Nachkommen übertragen, insofern die verdorbene Natur die Person verdirbt. Nun wird uns die Gnade nicht mittels der menschlichen Natur gewährt, sondern einzig durch die personale Handlung Christi selbst. Daher dürfen wir in Christus keine zweifache Gnade unterscheiden, eine der Natur und die andere der Person entsprechend, wie wir in Adam die Sünde der Natur und der Person unterscheiden.
Antwort auf Einwand 2: Verschiedene Akte, von denen einer der Grund und die Ursache des anderen ist, diversifizieren einen Habitus nicht. Nun ist der Akt der personalen Gnade, der formal darin besteht, ihr Subjekt zu heiligen, der Grund für die Rechtfertigung anderer, was zur Gnade des Hauptes gehört. Daher kommt es, dass das Wesen des Habitus durch diesen Unterschied nicht diversifiziert wird.
Antwort auf Einwand 3: Personale Gnade und Gnade des Hauptes sind auf einen Akt hingeordnet; aber die Gnade der Union ist nicht auf einen Akt hingeordnet, sondern auf das personale Sein. Daher stimmen die personale Gnade und die Gnade des Hauptes im Wesen des Habitus überein; aber die Gnade der Union tut dies nicht, obwohl die personale Gnade in gewisser Weise Gnade der Union genannt werden kann, insofern sie eine Eignung für die Union bewirkt; und so sind die Gnade der Union, die des Hauptes und die personale Gnade eins im Wesen, obwohl es eine begriffliche Unterscheidung zwischen ihnen gibt.