III, q. 8 a. 2
Ob Christus das Haupt der Menschen in Bezug auf ihre Leiber oder nur in Bezug auf ihre Seelen ist?
Quaestio 8 · Von der Gnade Christi, insofern er das Haupt der Kirche ist.
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht das Haupt der Menschen in Bezug auf ihre Leiber ist. Denn Christus wird Haupt der Kirche genannt, insofern Er der Kirche geistliche Empfindung und die Bewegung der Gnade verleiht. Ein Körper aber ist dieser geistlichen Empfindung und Bewegung nicht fähig. Deshalb ist Christus nicht das Haupt der Menschen in Bezug auf ihre Leiber.
Einwand 2: Ferner haben wir die Leiber mit den Tieren gemeinsam. Wenn also Christus das Haupt der Menschen in Bezug auf ihre Leiber wäre, folgte daraus, dass Er das Haupt der unvernünftigen Tiere wäre; und dies ist nicht angemessen.
Einwand 3: Weiterhin nahm Christus seinen Leib von anderen Menschen an, wie aus Mt 1 und Lk 3 klar hervorgeht. Das Haupt aber ist das erste der Glieder, wie oben gesagt wurde (Artikel [1], ad 3). Deshalb ist Christus nicht das Haupt der Kirche in Bezug auf die Leiber.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Phil 3,21): „Der den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten wird, dass er gleichförmig werde dem Leib seiner Herrlichkeit.“
Ich antworte darauf, dass der menschliche Leib eine natürliche Beziehung zur vernunftbegabten Seele hat, welche seine eigentliche Form und sein Beweger ist. Insofern die Seele seine Form ist, empfängt er von der Seele das Leben und die anderen Eigenschaften, die spezifisch zum Menschen gehören; insofern aber die Seele sein Beweger ist, dient der Leib der Seele instrumentell. Deshalb müssen wir festhalten, dass die Menschheit Christi die Kraft des „Einflusses“ hatte, insofern sie mit dem Wort Gottes vereint ist, mit Dem sein Leib durch die Seele vereint ist, wie oben dargelegt (Quaestio [6], Artikel [1]). Daher übt die ganze Menschheit Christi, d.h. der Seele und dem Leib nach, Einfluss auf alle aus, sowohl auf die Seele als auch auf den Leib; aber prinzipiell auf die Seele und sekundär auf den Leib: Erstens, insofern die „Glieder des Leibes als Werkzeuge der Gerechtigkeit dargeboten werden“ in der Seele, die durch Christus lebt, wie der Apostel sagt (Röm 6,13); zweitens, insofern das Leben der Herrlichkeit von der Seele auf den Leib überfließt, gemäß Röm 8,11: „Der Jesus von den Toten auferweckt hat, wird auch eure sterblichen Leiber lebendig machen wegen seines Geistes, der in euch wohnt.“
Antwort auf Einwand 1: Die geistliche Empfindung der Gnade erreicht den Leib nicht zuerst und prinzipiell, sondern sekundär und instrumentell, wie oben gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 2: Der Leib eines Tieres hat keine Beziehung zu einer vernunftbegabten Seele, wie der menschliche Leib sie hat. Daher gibt es keine Gleichheit.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Christus die Materie seines Leibes von anderen Menschen bezog, so beziehen doch alle von Ihm das unsterbliche Leben ihres Leibes, gemäß 1 Kor 15,22: „Und wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.“