III, q. 8 a. 3
Ob Christus das Haupt aller Menschen ist?
Quaestio 8 · Von der Gnade Christi, insofern er das Haupt der Kirche ist.
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht das Haupt aller Menschen ist. Denn das Haupt hat keine Beziehung außer zu den Gliedern seines Leibes. Nun sind die Ungetauften in keiner Weise Glieder der Kirche, welche der Leib Christi ist, wie geschrieben steht (Eph 1,23). Deshalb ist Christus nicht das Haupt aller Menschen.
Einwand 2: Ferner schreibt der Apostel an die Epheser (5,25.27): „Christus hat sich selbst hingegeben für“ die Kirche, „damit er sie sich selbst als eine herrliche Kirche darstelle, die weder Flecken noch Runzel noch etwas dergleichen hat.“ Aber es gibt viele Gläubige, in denen sich der Flecken oder die Runzel der Sünde findet. Deshalb ist Christus nicht das Haupt aller Gläubigen.
Einwand 3: Weiterhin werden die Sakramente des Alten Gesetzes mit Christus verglichen wie der Schatten mit dem Körper, wie geschrieben steht (Kol 2,17). Aber die Väter des Alten Testaments dienten zu ihrer Zeit diesen Sakramenten, gemäß Hebr 8,5: „Die dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen.“ Daher gehörten sie nicht zum Leib Christi, und deshalb ist Christus nicht das Haupt aller Menschen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (1 Tim 4,10): „Der der Heiland aller Menschen ist, besonders der Gläubigen“, und (1 Joh 2,2): „Er ist die Sühne für unsere Sünden, und nicht nur für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Nun kommt es Christus als Haupt zu, die Menschen zu retten und eine Sühne für ihre Sünden zu sein. Deshalb ist Christus das Haupt aller Menschen.
Ich antworte darauf, dass dies der Unterschied zwischen dem natürlichen Leib des Menschen und dem mystischen Leib der Kirche ist, dass die Glieder des natürlichen Leibes alle zugleich existieren, die Glieder des mystischen Leibes aber nicht alle zugleich – weder hinsichtlich ihres natürlichen Seins, da der Leib der Kirche aus den Menschen besteht, die vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende gewesen sind – noch hinsichtlich ihres übernatürlichen Seins, da von denen, die zu irgendeiner Zeit sind, einige ohne Gnade sind, sie aber später erlangen werden, und einige sie bereits haben. Wir müssen daher die Glieder des mystischen Leibes nicht nur betrachten, wie sie im Akt (in der Wirklichkeit) sind, sondern wie sie in der Potenz (in der Möglichkeit) sind. Dennoch sind einige in der Potenz, die niemals in den Akt überführt werden, und einige werden zu irgendeiner Zeit in den Akt überführt; und dies gemäß der dreifachen Klasse: die erste durch den Glauben, die zweite durch die Liebe dieses Lebens, die dritte durch den Genuss des zukünftigen Lebens. Daher müssen wir sagen, dass, wenn wir die ganze Zeit der Welt im Allgemeinen nehmen, Christus das Haupt aller Menschen ist, aber auf verschiedene Weise. Denn erstens und prinzipiell ist Er das Haupt derer, die mit Ihm durch die Herrlichkeit vereint sind; zweitens derer, die aktuell mit Ihm durch die Liebe vereint sind; drittens derer, die aktuell mit Ihm durch den Glauben vereint sind; viertens derer, die mit Ihm bloß in der Potenz vereint sind, welche noch nicht in den Akt überführt ist, aber gemäß der göttlichen Vorherbestimmung in den Akt überführt werden wird; fünftens derer, die mit Ihm in der Potenz vereint sind, welche niemals in den Akt überführt werden wird; solche sind jene Menschen, die in der Welt existieren, aber nicht vorherbestimmt sind, die jedoch bei ihrem Abscheiden aus dieser Welt gänzlich aufhören, Glieder Christi zu sein, da sie nicht länger in der Potenz sind, mit Christus vereint zu werden.
Antwort auf Einwand 1: Jene, die ungetauft sind, sind zwar nicht aktuell in der Kirche, aber sie sind potenziell in der Kirche. Und diese Potenz wurzelt in zwei Dingen – erstens und prinzipiell in der Kraft Christi, die für das Heil des ganzen Menschengeschlechts ausreicht; zweitens im freien Willen.
Antwort auf Einwand 2: Eine „herrliche Kirche, die weder Flecken noch Runzel hat“, zu sein, ist das letzte Ziel, zu dem wir durch das Leiden Christi gebracht werden. Daher wird dies im Himmel sein und nicht auf Erden, wo wir uns täuschen, „wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben“, wie geschrieben steht (1 Joh 1,8). Dennoch gibt es einige, nämlich Todsünden, von denen jene frei sind, die Glieder Christi durch die aktuelle Vereinigung der Liebe sind; solche aber, die mit diesen Sünden behaftet sind, sind nicht aktuell Glieder Christi, sondern potenziell; außer vielleicht unvollkommen, durch den ungeformten Glauben, der mit Gott vereint, relativ, aber nicht schlechthin, nämlich so, dass der Mensch am Leben der Gnade teilhätte. Denn wie geschrieben steht (Jak 2,20): „Der Glaube ohne Werke ist tot.“ Doch empfangen solche von Christus einen gewissen vitalen Akt, d.h. zu glauben, als ob ein lebloses Glied von einem Menschen in gewissem Maße bewegt würde.
Antwort auf Einwand 3: Die heiligen Väter bedienten sich der gesetzlichen Sakramente nicht als Realitäten, sondern als Bilder und Schatten des Zukünftigen. Nun ist es dieselbe Bewegung zum Bild als Bild und zur Realität, wie aus dem Philosophen (De Memor. et Remin. ii) klar ist. Daher wurden die alten Väter durch die Beobachtung der gesetzlichen Sakramente zu Christus getragen durch denselben Glauben und dieselbe Liebe, durch die auch wir zu Ihm getragen werden, und daher gehören die alten Väter zur selben Kirche wie wir.