III, q. 77 a. 6
Ob die sakramentalen Gestalten nähren können?
Quaestio 77 · Von den Akzidenzien, die in diesem Sakrament verbleiben.
Einwand 1: Es scheint, dass die sakramentalen Gestalten nicht nähren können, weil, wie Ambrosius sagt (De Sacram. V): „Es ist nicht dieses Brot, das in unseren Leib eingeht, sondern das Brot des ewigen Lebens, das die Substanz unserer Seele stützt.“ Aber was immer nährt, geht in den Leib ein. Daher nährt dieses Brot nicht: und derselbe Grund gilt für den Wein.
Einwand 2: Ferner, wie in De Gener. II gesagt wird: „Wir werden von denselben Dingen genährt, aus denen wir gemacht sind.“ Aber die sakramentalen Gestalten sind Akzidenzien, wohingegen der Mensch nicht aus Akzidenzien gemacht ist, weil das Akzidenz kein Teil der Substanz ist. Daher scheint es, dass die sakramentalen Gestalten nicht nähren können.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (De Anima II), dass „Nahrung insofern nährt, als sie eine Substanz ist, aber sie gibt Wachstum aufgrund ihrer Quantität.“ Aber die sakramentalen Gestalten sind keine Substanz. Folglich können sie nicht nähren.
Dagegen spricht, dass der Apostel, der von diesem Sakrament spricht, sagt (1 Kor 11,21): „Der eine hungert, und der andere ist trunken“: worauf die Glosse bemerkt, dass „er auf jene anspielt, die nach der Feier des heiligen Mysteriums und nach der Konsekration des Brotes und Weines ihre Opfergaben beanspruchten und, ohne sie mit anderen zu teilen, das Ganze nahmen, so dass sie sogar davon berauscht wurden.“ Aber dies könnte nicht geschehen, wenn die sakramentalen Gestalten nicht nährten. Daher nähren die sakramentalen Gestalten.
Ich antworte darauf, dass diese Frage keine Schwierigkeit bietet, nun da wir die vorhergehende Frage gelöst haben. Denn, wie in De Anima II dargelegt, nährt Nahrung dadurch, dass sie in die Substanz des genährten Individuums verwandelt wird. Nun wurde festgestellt (Artikel [5]), dass die sakramentalen Gestalten in eine aus ihnen generierte Substanz verwandelt werden können. Und sie können aus demselben Grund in den menschlichen Leib verwandelt werden, wie sie in Asche oder Würmer verwandelt werden können. Folglich ist es offensichtlich, dass sie nähren.
Aber die Sinne zeugen von der Unwahrheit dessen, was einige behaupten; nämlich dass die Gestalten nicht nähren, als ob sie in den menschlichen Leib verwandelt würden, sondern bloß erfrischen und stärken, indem sie auf die Sinne wirken (wie ein Mann durch den Geruch von Fleisch gestärkt und durch die Dämpfe von Wein berauscht wird). Denn solche Erfrischung genügt einem Menschen nicht lange, dessen Leib aufgrund ständigen Verbrauchs Reparatur benötigt: und doch könnte ein Mensch lange erhalten werden, wenn er Hostien und konsekrierten Wein in großer Menge zu sich nähme.
In gleicher Weise kann die von anderen vorgebrachte Aussage keinen Bestand haben, die behaupten, dass die sakramentalen Gestalten aufgrund der verbleibenden substantiellen Form des Brotes und Weines nähren: sowohl weil die Form nicht verbleibt, wie oben dargelegt (Frage [75], Artikel [6]): als auch weil Nähren nicht der Akt einer Form ist, sondern vielmehr der Materie, welche die Form des Genährten annimmt, während die Form der Nahrung vergeht: daher wird in De Anima II gesagt, dass Nahrung anfangs unähnlich, aber am Ende ähnlich ist.
Zu Einwand 1: Nach der Konsekration kann Brot auf zwei Weisen gesagt werden, in diesem Sakrament zu sein. Erstens hinsichtlich der Gestalten, die den Namen der vorherigen Substanz beibehalten, wie Gregor in einer Osterhomilie sagt (Lanfranc, De Corp. et Sang. Dom. xx). Zweitens kann Christi Leib selbst Brot genannt werden, da er das mystische Brot ist, das „vom Himmel herabkommt“. Folglich gebraucht Ambrosius das Wort „Brot“ in dieser zweiten Bedeutung, wenn er sagt, dass „dieses Brot nicht in den Leib übergeht“, weil nämlich Christi Leib nicht in den Leib des Menschen verwandelt wird, sondern seine Seele nährt. Aber er spricht nicht von Brot, das in der ersten Bedeutung genommen wird.
Zu Einwand 2: Obwohl die sakramentalen Gestalten nicht jene Dinge sind, aus denen der menschliche Leib gemacht ist, werden sie doch in jene Dinge verwandelt, wie oben dargelegt.
Zu Einwand 3: Obwohl die sakramentalen Gestalten keine Substanz sind, haben sie doch die Kraft einer Substanz, wie oben dargelegt.