III, q. 77 a. 1
Ob die Akzidenzien in diesem Sakrament ohne Subjekt verbleiben?
Quaestio 77 · Von den Akzidenzien, die in diesem Sakrament verbleiben.
Einwand 1: Es scheint, dass die Akzidenzien in diesem Sakrament nicht ohne Subjekt verbleiben, denn in diesem Sakrament der Wahrheit darf es nichts Ungeordnetes oder Täuschendes geben. Dass aber Akzidenzien ohne Subjekt sind, widerspricht der Ordnung, die Gott in der Natur eingerichtet hat; und ferner scheint es nach Täuschung zu schmecken, da Akzidenzien von Natur aus Zeichen für die Natur des Subjekts sind. Daher sind die Akzidenzien in diesem Sakrament nicht ohne Subjekt.
Einwand 2: Ferner kann nicht einmal durch ein Wunder die Definition eines Dinges von ihm getrennt werden, noch die Definition eines anderen Dinges auf es angewandt werden; zum Beispiel, dass ein Mensch, solange er ein Mensch bleibt, ein vernunftloses Tier sein kann. Denn daraus würde folgen, dass Widersprüchliches zugleich existieren kann: denn die „Definition eines Dinges ist das, was sein Name ausdrückt“, wie es in Metaph. IV heißt. Es gehört aber zur Definition eines Akzidenz, in einem Subjekt zu sein, während die Definition der Substanz ist, dass sie aus sich selbst heraus bestehen muss und nicht in einem anderen. Daher kann es nicht geschehen, selbst nicht durch ein Wunder, dass die Akzidenzien in diesem Sakrament ohne Subjekt existieren.
Einwand 3: Ferner wird ein Akzidenz durch sein Subjekt individuiert. Wenn also die Akzidenzien in diesem Sakrament ohne Subjekt verbleiben, werden sie nicht individuell, sondern allgemein sein, was offensichtlich falsch ist, da sie so nicht sinnlich wahrnehmbar, sondern bloß intelligibel wären.
Einwand 4: Ferner erlangen die Akzidenzien nach der Konsekration dieses Sakraments keine Zusammensetzung. Vor der Konsekration aber waren sie weder aus Materie und Form zusammengesetzt, noch aus Dasein [quo est] und Wesenheit [quod est]. Daher sind sie auch nach der Konsekration auf keine dieser Weisen zusammengesetzt. Dies aber ist unvernünftig, denn so wären sie einfacher als die Engel, während diese Akzidenzien zugleich den Sinnen wahrnehmbar sind. Daher verbleiben die Akzidenzien in diesem Sakrament nicht ohne Subjekt.
Dagegen spricht, dass Gregor in einer Osterhomilie (Lanfranc, De Corp. et Sang. Dom. xx) sagt: „Die sakramentalen Gestalten sind die Namen jener Dinge, die zuvor dort waren, nämlich des Brotes und des Weines.“ Da also die Substanz des Brotes und des Weines nicht verbleibt, scheint es, dass diese Gestalten ohne Subjekt verbleiben.
Ich antworte darauf, dass die Gestalten von Brot und Wein, die nach der Konsekration von unseren Sinnen als in diesem Sakrament verbleibend wahrgenommen werden, nicht in der Substanz des Brotes und Weines als Subjekt sind, denn diese verbleibt nicht, wie oben dargelegt wurde (Frage [75], Artikel [2]); noch in der substantiellen Form, denn diese verbleibt nicht (Frage [75], Artikel [6]), und wenn sie verbliebe, „könnte sie kein Subjekt sein“, wie Boethius erklärt (De Trin. i). Ferner ist es offenkundig, dass diese Akzidenzien nicht in der Substanz des Leibes und Blutes Christi als Subjekt sind, weil die Substanz des menschlichen Leibes in keiner Weise von solchen Akzidenzien affiziert werden kann; noch ist es möglich, dass der glorreiche und leidensunfähige Leib Christi so verändert wird, dass er diese Qualitäten empfängt.
Nun gibt es einige, die sagen, sie seien in der umgebenden Luft wie in einem Subjekt. Aber auch dies kann nicht sein: erstens, weil Luft für solche Akzidenzien nicht empfänglich ist. Zweitens, weil diese Akzidenzien nicht dort sind, wo die Luft ist, vielmehr wird die Luft durch die Bewegung dieser Gestalten verdrängt. Drittens, weil Akzidenzien nicht von Subjekt zu Subjekt übergehen, so dass dasselbe identische Akzidenz, das zuerst in einem Subjekt war, danach in einem anderen ist; denn ein Akzidenz wird durch das Subjekt individuiert; daher kann es nicht geschehen, dass ein Akzidenz, das identisch dasselbe bleibt, zu einer Zeit in einem Subjekt und zu einer anderen Zeit in einem anderen ist. Viertens, da die Luft nicht ihrer eigenen Akzidenzien beraubt ist, hätte sie zur gleichen Zeit ihre eigenen Akzidenzien und andere, ihr fremde. Auch kann nicht behauptet werden, dies geschehe wunderbarerweise kraft der Konsekration, weil die Worte der Konsekration dies nicht bezeichnen, und sie bewirken nur, was sie bezeichnen.
Daher folgt, dass die Akzidenzien in diesem Sakrament ohne Subjekt fortdauern. Dies kann durch göttliche Macht geschehen: Denn da eine Wirkung mehr von der ersten Ursache abhängt als von der zweiten, kann Gott, der die erste Ursache sowohl der Substanz als auch des Akzidenz ist, durch seine unbegrenzte Macht ein Akzidenz im Dasein erhalten, wenn die Substanz entzogen wird, durch die es im Dasein erhalten wurde wie durch seine eigentliche Ursache, so wie er ohne natürliche Ursachen andere Wirkungen natürlicher Ursachen hervorbringen kann, so wie er einen menschlichen Leib im Schoß der Jungfrau formte, „ohne den Samen des Mannes“ (Hymnus zu Weihnachten, Erste Vesper).
Zu Einwand 1: Es hindert nichts daran, dass das allgemeine Gesetz der Natur eine Sache anordnet, deren Gegenteil dennoch durch ein besonderes Privileg der Gnade angeordnet wird, wie es bei der Auferweckung der Toten und der Wiederherstellung des Augenlichts bei Blinden offensichtlich ist: so werden auch in menschlichen Angelegenheiten einigen Individuen manche Dinge durch besonderes Privileg gewährt, die außerhalb des allgemeinen Gesetzes stehen. Und so existieren die Akzidenzien in diesem Sakrament, auch wenn es dem allgemeinen Gesetz der Natur entspricht, dass ein Akzidenz in einem Subjekt ist, dennoch aus einem besonderen Grund gemäß der Ordnung der Gnade ohne ein Subjekt, aufgrund der oben genannten Gründe (Frage [75], Artikel [5]).
Zu Einwand 2: Da das Sein keine Gattung ist, kann das Sein nicht aus sich selbst heraus die Wesenheit weder der Substanz noch des Akzidenz sein. Folglich ist die Definition der Substanz nicht – „ein Seiendes aus sich selbst ohne Subjekt“, noch ist die Definition des Akzidenz – „ein Seiendes in einem Subjekt“; sondern es gehört zur Quiddität oder Wesenheit der Substanz, „das Dasein nicht in einem Subjekt zu haben“; während es zur Quiddität oder Wesenheit des Akzidenz gehört, „das Dasein in einem Subjekt zu haben“. Aber in diesem Sakrament sind die Akzidenzien nicht kraft ihrer Wesenheit nicht in einem Subjekt, sondern durch die göttliche Macht, die sie erhält; und folglich hören sie nicht auf, Akzidenzien zu sein, weil weder die Definition des Akzidenz von ihnen genommen wird, noch die Definition der Substanz auf sie zutrifft.
Zu Einwand 3: Diese Akzidenzien erlangten individuelles Sein in der Substanz des Brotes und Weines; und wenn diese Substanz in den Leib und das Blut Christi verwandelt wird, verbleiben sie in jenem individuierten Sein, das sie zuvor besaßen, daher sind sie individuell und sinnlich wahrnehmbar.
Zu Einwand 4: Diese Akzidenzien hatten kein eigenes Sein noch andere Akzidenzien, solange die Substanz des Brotes und Weines verblieb; sondern ihre Subjekte hatten durch sie ein „solches“ Sein, so wie Schnee durch das Weißsein „weiß“ ist. Aber nach der Konsekration haben die Akzidenzien, die verbleiben, Sein; daher sind sie aus Dasein und Wesenheit zusammengesetzt, wie von den Engeln gesagt wurde in der FP, Frage [50], Artikel [2], ad 3; und außerdem haben sie eine Zusammensetzung aus quantitativen Teilen.